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Kultur Regional Louis Langrée und Michael Schönheit mit Werken von Dukas, Jongen und Franck
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10:25 08.03.2019
Großes Konzert mit Michael Schönheit an der Gewandhaus-Orgel. Quelle: Andre Kempner
Leipzig

Ein spannendes Programm. Wer den Blick über die Ränge des großen Gewandhaus-Saales kreisen lässt, sieht es sofort: Sind Große Concerte so mau besucht wie die dieser Woche, muss Neues im Spiel sein. Im konkreten Fall hat wohl das Sterbedatum des Belgiers Joseph Jongen manchen potenziellen Konzertbesucher verschreckt: 1953 ist er von uns gegangen, zwei Jahre erst nach dem um ein Jahr jüngeren Arnold Schönberg. Da muss man mit dem Schlimmsten rechnen.

Unverbraucht, charmant, mitreißend

Nein, muss man nicht. Jongens Symphonie Concertante für Orgel und Orchester aus den Jahren 1926/27 ist vom ersten bis zum letzten Ton Neuton-freie Zone. Zwischen zartem Impressionismus und großer filmmusikalischer Geste, zwischen modal geführter Neo-Gregorianik und dem großen Virtuosen-Besteck, zwischen Debussy, Widor, Respighi führte er die vier Sätze seiner konzertanten Sinfonie hindurch und erschuf dabei vielleicht kein Ehrfurcht gebietendes Meisterwerk, aber doch eine gute halbe Stunde unverbrauchter, wirkungssicherer, charmanter, verspielter, pathetischer, mitreißender Musik.

Zweifelsfrei eine Bereicherung

Der allerdings bleibt Gewandhausorganist Michael Schönheit hin und wieder das Mitreißende schuldig mit seinem etwas sorglosen Al-fresco-Spiel. Zumal er mit seiner Agogik den Außensätzen die rhythmische Präzision verweigert. Dafür entschädigt er mit betörenden Klangwirkungen an den lyrischen Stellen und den geheimnisvollen, in den Dialogen mit Solisten und Gruppen, auch dem Tutti des Gewandhausorchesters unter der Leitung des souveränen französischen Gastdirigenten Louis Langrée. Der mischt fortwährend neue Effekte ab, hält das verschwenderisch mit Farben (nicht so verschwenderisch mit Substanz) prunkende Werk unter Spannung und lebendig. Zweifelsfrei eine Bereicherung für den Spielplan, dieses Gewandhaus-Debüt des Joseph Jongen.

Hexenmeister der Melodie

Die Symphonie concertante ist ein Exot, Paul Dukas’ (1873–1935, auch unverantwortlich spät verstorben mithin) „L’apprenti sorcier“ dagegen ein klassischer Superhit – und im Großen Concert dennoch seit fast zwölf Jahren nicht mehr zu hören gewesen. Dieser tönende „Zauberlehrling“ nach Goethe zeigt meisterhaft, was Programmmusik zu leisten im Stande ist. Diese Musik hätte des Disney-Films kaum bedurft, der sie noch berühmter machte. Denn sie liefert im Kopf die Bilder gleich mit: die Besen, das Wasser, den Hexenmeister, das Chaos und die Zauberei. Denn der jenseits dieser gut zehn Minuten sträflich unterschätzte Dukas war selbst ein Zauberer. Ein Magier des geschmeidigen Kontrapunkts, der Instrumentation und der Harmonie. Ein Hexenmeister der Melodien, die sich sofort ins Ohr fressen und nie wieder hinaus wollen.

Musikalische Erzählkraft

Ja, „L’apprenti sorcier“ ist ein Show-Stück – aber eines mit Substanz, ein Meisterwerk eben. Und was das Gewandhausorchester hier liefert an musikalischer Erzählkraft, wie die Streicher murmeln und das Blech dazwischengrätscht, wie die sensationellen Holzbläser schillern und glänzen, das lässt keine Wünsche offen. Und es zeigt, dass das Gewandhausorchester – natürlich – alles mitbringt, was es für die zweite Halbzeit dieses Großen Concerts braucht, für César Francks (1822–1890, geht doch!) letztes Meisterwerk, sein instrumentales Opus Magnum, die so beherrschte wie sinnliche, so kalkulierte wie wirkungssichere d-moll-Sinfonie.

Gut geklaut

Dennoch hinterlässt die den Hörer ein wenig ratlos. Zwar gehen die vom hier auswendig dirigierenden Langrée subtil ausgearbeiteten Tremolo-Melodien der Einleitung sofort unter die Haut, kommen von allen Seiten betörende Soli, lassen die Holzbläser-Gespinste wohlig aufseufzen und die Fanfaren-Pracht des (rechten) Blechs Haltung annehmen. Aber übers große Ganze dieser knappen Dreiviertelstunde hängt der Spannungsbogen zu oft durch. Denn Langrée lässt die Großform ins Episodische zerfallen, weil die Steigerungen zu schnell zu (und immer gleich) weit oben sind. So bleibt schon der Kopfsatz die Architektur schuldig und findet kein Ende, sondern hört auf dem letzten Hoch-Plateau einfach auf, und das Finale zieht sich überraschend amorph in die Länge. Für beides entschädigt das Allegretto dazwischen. Langrée hält es im Fluss und trägt die zerbrechliche Schönheit dieses sehr komplex gebauten Satzes mit zärtlicher Delikatesse zum Hörer.

Der durchgehend freundliche Applaus beweist: ein wirklich sehr schönes Programm. Und gut geklaut: 2015 bereits setzte Matthias Foremny genau diese drei Werke in genau dieser Reihenfolge mit seinem Leipziger Hochschulorchester an.

Das Programm wird am morgigen Sonntag, 11 Uhr, wiederholt, an der Tageskasse gibt es noch Restkarten (5–69 Euro).

Von Peter Korfmacher

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