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Kultur Regional Luft nach links – ein alter Vortrag Theodor W. Adornos reiht sich ein in neuere Sachbücher
Nachrichten Kultur Kultur Regional Luft nach links – ein alter Vortrag Theodor W. Adornos reiht sich ein in neuere Sachbücher
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13:55 26.08.2019
Tisch, Stuhl, Lampe, Metronom und Buch für Theodor W. Adorno. Vadim Zakharov hat seine Installation auf dem Campus der Frankfurter Goethe-Universität dem Philosophen gewidmet, der vor 50 Jahren starb. Quelle: Arne Dedert/dpa
Leipzig

Seit Seit einer Weile schon meldet der Sachbuchmarkt steigende Umsätze. Ein Blick auf Bestsellerlisten zeigt: Es sind nicht nur die Bäume, Gärten und gesundes Essen, worüber Leser Informationen suchen. Es sind auch Theodor W. Adornos „Aspekte des neuen Rechtsradikalismus“ und Jean Zieglers „Was ist so schlimm am Kapitalismus?“. Und es ist ebenso Michael WinterhoffsDeutschland verdummt“.

Es sind also Betrachtungen zur Zeit, Analysen, manchmal Polemiken. Herausforderungen jedenfalls, und das tut ja auch not, will man sich nicht mit Talkrunden oder Wahlkampfveranstaltungen zufriedengeben. Denn die Sprache der Politik bleibt schwammig, wirkt verunsichert vom Wind, der aus rechten Ecken in die alte Mitte bläst.

Spuren der Bedrohung

Bürger finden sich irritiert in Schubladen wieder, die sie bislang höchstens als konservativ etikettiert hatten. In manch einer Verunsicherung liegen Regierte und Regierende, Ost und West, Stadt und Land näher beieinander, als sie glauben – und weniger an den Rändern des Extreme als befürchtet.

Über Nationalismus und Rechtspopulismus schreibt Wilhelm Heitmeyer in seinem Buch „Autoritäre Versuchungen. Signaturen der Bedrohung I“, das vor einem Jahr bei Suhrkamp erschienen ist. Schon 2001 warnte er, die Globalisierung werde mit politischen und sozialen Kontrollverlusten einhergehen, die zum Aufstieg des autoritären Kapitalismus und einem Erstarken des Rechtspopulismus führen könnten. In seinem Buch geht er den Spuren nach, die Bedrohungen in Gesellschaften und bei Individuen hinterlassen.

Mehr Differenzierung

Der 74-Jährige war Gründer und von 1996 bis 2013 Direktor des Instituts für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung der Uni Bielefeld. In einem Beitrag für Spiegel-Online warnt er vor einer verharmlosenden Wirkung des Begriffs „Rechtspopulismus“. Die Verwendung von „Kurzformeln“ bediene „eine Entdifferenzierung politischer und gesellschaftlicher Zustände, die nach Differenzierung schreien“.

Zur Differenzierung im „inzwischen breiten rechten politischen Spektrum“ unterscheidet er drei Varianten: „erstens die Kategorie des Rechtspopulismus; zweitens alle jene Varianten, die als Autoritärer Nationalradikalismus bezeichnet werden können; und drittens der gewalttätige Rechtsextremismus, einschließlich neonazistischen Versionen“.

50 Seiten, die es in sich haben

Wer auf der Suche nach Erklärungen weiter zurückgeht, landet bei einem Vortrag Theodor W. Adornos (1903–1969), den der Philosoph 1967 auf Einladung des Verbands Sozialistischer Studenten Österreichs in Wien gehalten hat.

Unter dem Titel „Aspekte des neuen Rechtsradikalismus“ ist nun eine Abschrift erschienen – als Vorabdruck eines Suhrkamp-Bandes mit Vorträgen Adornos. Es sind knapp 50 Seiten (plus Nachwort von Volker Weiß). Sie haben es in sich, könnten aus diesen Tagen stammen, bezogen sich jedoch auf den Aufstieg der NPD in der Bundesrepublik.

Hier weicht die aktuelle Zuschreibung vom „rechten Osten“ in ihrer Eindimensionalität einer fundierteren Auseinandersetzung mit „gesellschaftlichen Voraussetzungen des Faschismus“. Adorno spricht 1967 von der sozialen Deklassierung von Schichten, die „ihrem subjektiven Klassenbewußtsein nach durchaus bürgerlich waren“, von einer „Bedrohung der Verarmung“, vom „Gespenst der technologischen Arbeitslosigkeit“ im „Zeitalter der Automatisierung“ und von einem „Gefühl der außenpolitischen Bedrohung“, einer „Angst vor den Konsequenzen gesamtgesellschaftlicher Entwicklungen“. Innerhalb der großen Machtblöcke lebe der Nationalismus „doch fort als Organ der kollektiven Interessenvertretung“.

Propagandistische Mittel

Als charakteristisch für diese Bewegung konstatiert Adorno 22 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs „eine außerordentliche Perfektion“ der propagandistischen Mittel „kombiniert mit Blindheit, ja Absurdität der Zwecke, die dabei verfolgt werden“. Propaganda gleiche die Differenz zwischen realen Interessen und vorgespiegelten falschen Zielen aus.

Darum sei es wichtig, die Anhänger des Rechtsradikalismus vor dessen eigenen Konsequenzen zu warnen, vor „der Unterdrückung ihrer privaten Sphäre und in ihrem Lebensstil“. Adorno spricht von Provinzialisierung – auch kulturell. Denn besonders verhasst seien die Intellektuellen und jene, die heutzutage im diffamierenden Sinn „Elite“ genannt werden.

Geist und Freiheit

Die ohnmächtig sind gegen den Geist, „wenden sich gegen die Träger des Geistes“, sagt er. „Wer die Freiheit des Geistes sich bewahrt hat, der ist also nach dieser Ideologie eine Art Lump und soll geschliffen werden.“ In Variationen ist dergleichen derzeit in den Chören „besorgter Bürger“ zu hören, ebenso wie die von Adorno erwähnte Monopolisierung des Wortes „deutsch“ und Stimmen gegen „Landesverräter“ oder die „Überfremdung durch Gastarbeiter“.

Darauf hinzuweisen, dass eine Bewegung, die „die Freiheit abschaffen will“, nicht in den Besitz der Freiheit bringt, war Adorno in seinem Vortrag ebenso wichtig wie die Charakterisierung des Rechtsradikalismus als nicht psychologisches und ideologisches Problem, sondern als ein „höchst reales und politisches“.

Gefühle der Ohnmacht

Dem schließt sich 52 Jahre später Cornelia Koppetsch in ihrem Buch „Die Gesellschaft des Zorns“ (transcript Verlag) an. Sie geht von neuen sozialräumlichen Trennungen aus, beschäftigt sich mit Ressentiments, neuen deutschen Ängsten und globalen Transformationen (seit 1989), analysiert die Wählerschaft transnationaler Gesellschaften, um schließlich zu Formen der De-Zivilisierung zu kommen und zum Fazit, dass „der Aufstieg des Rechtspopulismus nicht nur durch Gefühle der Ohnmacht und Entfremdung hervorgerufen worden ist, sondern solche Gefühle selbst auch auslöst

Es „gleichen die Angstreaktionen, die der Aufstieg der AfD in den liberalen Milieus hervorruft, denen ihrer politischen Gegner oftmals bis aufs Haar“. Wie es aussieht, ist derzeit nicht nur reichlich Luft nach links, sondern auch noch Raum für Humanität.

Theodor W. Adorno: Aspekte des neuen Rechtsradikalismus - Ein Vortrag. Suhrkamp Verlag; 89 Seiten, 10 Euro

Von Janina Fleischer

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