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Kultur Regional Mädchen aus Berlin darf bei Thomanern vorsingen
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18:07 10.09.2019
Zwischen den Thomanern möchte eine Berliner Rechtsanwältin ihre zehnjährige Tochter sehen. Quelle: André Kempner
Leipzig

Auf den ersten Blick eine ziemliche Sensation, diese „Pressemitteilung“, die da am Dienstagvormittag ins Haus flatterte: „Die Kulturbürgermeisterin der Stadt Leipzig, Frau Dr. Skadi Jennicke, hat mitgeteilt, dass Mädchen zukünftig nicht mehr vom Thomanerchor ausgeschlossen werden.“ Um das Wichtigste vorwegzunehmen: Eine Sensation verbirgt sich nicht hinter diesen anderthalb Din-A-4-Seiten.

Aufgegeben wurde sie nicht im Rathaus, aufgegeben hat sie die Berliner Rechtsanwältin Susann Bräcklein, die seit Ende des vergangenen Jahres Knabenchöre und Gerichte mit dem Versuch beschäftigt, ihre inzwischen zehnjährige Tochter in einem der Ensembles unterzubringen, in denen nur Jungs singen. Beim Berliner Staats- und Domchor hatte sie Mitte August wieder eine Abfuhr bekommen. Das Verwaltungsgericht beschied: Mit Blick auf den spezifischen Klang eines reinen Knabenchores dürften Mädchen abgelehnt werden, wenn ihre Stimmen nicht dem geforderten Klangbild entsprächen. Eine Ungleichbehandlung sei in diesem Fall zulässig. Das Recht auf Kunstfreiheit aus Artikel 5 Grundgesetz überwiege hier das Diskriminierungsverbot aufgrund des Geschlechts aus Artikel 3, Absatz 3. (VG 3 K 113.19)

„Zeitlich überholte“ Satzung

Darin liegt nun der eigentliche Anlass für die gestrige „Pressemitteilung“. Denn laut Gericht sei die aus dem Jahre 1923 stammende und „einseitig auf Jungs abstellende Satzung des Ensembles zeitlich überholt“. Will meinen: Knabenchöre müssen keine Mädchen aufnehmen, sie dürfen sie aber nicht nur aus dem einen Grund ablehnen, dass sie keine Knaben sind. Obschon man mit der gleichen Argumentation sagen könnte, dass Kitas keine Senioren ablehnen dürften, nur weil sie in der Satzung oder aus historischen Gründen nicht vorgesehen seien, alarmierte diese Urteilsbegründung den Thomanerchor, in den Susann Bräcklein ihre Tochter auch hineinzudrücken versuchte und der mit seinen 805 Jahren auf dem Buckel satzungstechnisch ja auch „zeitlich überholt“ sein könnte.

Rechtsanwältin Susann Bräcklein (vorne) im Plenarsaal des Berliner Verwaltungsgerichtes. Quelle: Paul Zinken/dpa

Bräcklein in ihrer Mitteilung: „Die Bewerbung eines Mädchens lehnte die Stadt Leipzig zunächst mit Schreiben vom 20.5.2019 ab. Die kommunale Widmung des Chores schließe die Aufnahme von Mädchen aus. Außerdem bestünde eine gewohnheitsrechtliche Diskriminierungserlaubnis.“ Und nur weil diese Argumentation nach dem Berliner Urteil nun ein wenig von ihrer juristischen Belastbarkeit eingebüßt hat, wurde die Stadt erneut aktiv. Wieder Bräcklein: „Mit Widerspruchsbescheid vom 3.9.2019 hob die Behörde nun den Ablehnungsbescheid auf und lud das Kind ein, am Auswahlverfahren teilzunehmen.“

„Angriff auf die Kunst“

Thomaskantor Gotthold Schwarz fiel, konfrontiert mit dieser „Pressemitteilung“, aus allen Wolken. Es könne keine Rede davon sein, „dass sich nun auch der Thomanerchor für Mädchen öffnet“, wie Bräcklein schreibt. „Das wäre ein Angriff auf eine Kunstgattung, und würde die Vielfalt eingrenzen. Knabenchöre haben nun einmal einen grundsätzlich anderen Klang als gemischt besetzte Ensembles.“

Thomaskantor Gotthold Schwarz Quelle: André Kempner

Das Dezernat Kultur im Rathaus formulierte es so: „Der Thomanerchor entscheidet auch weiterhin ausschließlich nach künstlerischen Gesichtspunkten über die Aufnahme des Chor-Nachwuchses. In dem seit einigen Monaten in der Öffentlichkeit diskutierten Fall einer Berliner Rechtsanwältin und ihrer Tochter hat der Thomaskantor auf Grundlage des Urteils des Berliner Verwaltungsgerichts entschieden, das junge Mädchen zum Vorsingen einzuladen. Voraussetzung ist, dass die Mutter der Meinung ist, dass das Klangbild der Tochter einer Knabenstimme entspreche. Die künstlerische Entscheidung über eine Aufnahme in den Thomanerchor trifft allein der Thomaskantor.“

Es geht um den Klang

Darum geht es letztlich, um den Klang: Sollte ein Mädchen, so Gotthold Schwarz, unwahrscheinlicherweise tatsächlich eine Stimme haben, die klingt wie die eines Knaben, würde dies den Thomanern nicht schaden. „Darum habe ich mich bereiterklärt, mir dieses Mädchen anzuhören. Aber es handelt sich ausdrücklich um eine Einzelfall-Entscheidung und nicht um eine grundsätzliche Neuausrichtung.“ Keinesfalls sollten sich nun Mädchen aus allen Teilen des Landes aufgerufen fühlen, sich zu bewerben.

Die Wahrscheinlichkeit, dass der Thomanerchor alsbald zum Thomaner*innenchor wird, scheint also einstweilen vergleichsweise gering. Auch deswegen verwahrt sich Gotthold Schwarz mit Nachdruck gegen Bräckleins Formulierung, es sei „gut, dass zukünftig auch Mädchen an dem traditionell in Knabenstukturen entwickelten Wissen und Können teilhaben und an der Tradition der Motetten, Kantaten und Oratorien des Tomaskantors Johann Sebastian Bach teilnehmen können.“ Vielmehr habe Susann Bräcklein bislang noch nicht einmal um einen Termin fürs Vorsingen nachgesucht. Was zumindest die Frage aufwirft, ob es hier tatsächlich um den dringenden Wunsch einer Zehnjährigen geht, Mitglied eines Knabenchors zu werden.

Die meisten Knaben sind auch ungeeignet

Sei es wie es sei – die Hürden sind hoch: Selbst wenn die Tochter eine Stimme hätte, die wie die eines Knaben klingt, bliebe zu klären, ob sie gut genug ist. Denn auch die meisten Knaben haben nicht das Zeug, in Knabenchören in der Liga der Thomaner, der Kruzianer, der Regensburger, der Tölzer mitzusingen. Die abzulehnen, war bis jetzt nie ein Problem. Bei Mädchen sieht das künftig anders aus, weil sich irgendwo immer irgendwer finden wird, der laut „Diskriminierung“ schreit.

Übrigens: Es gibt ganz ausgezeichnete Mädchenchöre und fabelhafte gemischte. Und Timo Werner darf nicht bei den Frauen von RB mitkicken.

Von Peter Korfmacher

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