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Kultur Regional Maite Kelly: „Das ist fast schon Rufmord“
Nachrichten Kultur Kultur Regional Maite Kelly: „Das ist fast schon Rufmord“
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13:40 05.04.2019
Archivfoto. Maite Kelly kommt nach Leipzig.
Archivfoto. Maite Kelly kommt nach Leipzig. Quelle: Andre Kempner
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Leipzig

Gibt man Ihren Namen im Internet ein, fällt erst mal die große Menge an Klatschmeldungen über Sie auf. Wie gehen Sie persönlich damit um, ständig im Mittelpunkt von Spekulationen zu stehen?

Es ist extrem mittlerweile und grenzt schon an Rufmord, was gewisse Presseportale mit jedem öffentlichen Menschen machen. Wissen Sie, das bisschen Klatsch und Tratsch früher, das war eben etwas Drama und konnte sogar ganz unterhaltsam sein. Aber heute ist es fast eine leichte Form der Gewalt und bedrohlich. Letztendlich bin ich ja nur eine Kleinunternehmerin. Aber das ist nun mal die Welt, in der wir momentan leben. Die Regierung und der Journalistenverband sind da aufgefordert, neue Linien zu ziehen. Das Internet ist ja eine völlige Freezone.

Ein Thema, das Sie beschäftigt ...

Als junges Mädchen wollte ich selbst Journalismus studieren. Später habe ich dann über vier Jahre für ZDF-Neo gearbeitet, für ein Verbraucherschutzformat. Und auch heute bin ich in erster Linie Schriftstellerin und Texterin. Es ist eine der großen Fragen unserer Zeit: Wie kann man die Ethik des Journalismus schützen, der sich ja auch einem Quotendruck ausgesetzt sieht.

Für uns Künstler, die wir in erster Linie ja Menschen sind, ist der Klatsch schwierig auszuhalten und nimmt Dimensionen an, die ich persönlich als eklig empfinde. Das Gute ist aber: Mittlerweile sind wir alle Medienmenschen geworden. Nicht nur wir in der Öffentlichkeit müssen uns vor der Verzerrung unserer Bilder schützen, sondern jeder. Auch die Bäckerin von nebenan.

Ich bemerke in meinen Konzerten immer wieder, wie erleichtert und dankbar die Zuschauer sind, auch mal das Handy aus der Hand legen und etwas Reales erleben zu können. Und letztendlich – das stand schon so in den babylonischen Schriften – ist das Reale, das Echte, das man von sich zeigt, die einzige Möglichkeit, als die gesehen zu werden, die wir sind.

Stimmt es, dass Sie früher nicht nur mit dem Gedanken gespielt haben Journalistin zu werden, sondern auch ein Leben als Nonne in Betracht zogen?

Ich hab Philosophie studiert, und es gab die Frage, ob ich diesen Weg einschlage. Mein Bruder ist ja ins Kloster gegangen. Viele katholische Menschen haben in ihrer Berufung aber auch Spezialisierungen. Ich kann in der Kirche als Nonne und gleichzeitig als Journalistin oder Wissenschaftlerin arbeiten – da sitzt man nicht nur in der Kapelle und betet. Das eine schließt das andere nicht aus. Nur weil ich vielfältig bin, heißt das nicht, dass ich unschlüssig bin. Ich war immer sehr gerade. Das Interesse für Philosophie zieht sich durch all meine Texte und meine Musik. Wer sich damit beschäftigt wird merken, dass ich ein Pilger bin und mich immer frage: Was ist der Sinn des Menschen? Und wie kommt es, dass Menschen, die innerlich gebrochen sind, noch immer gutherzig sein können und lieben? Wenn man über die Liebe singt, sexualisiert die Presse das gerne. Aber ich beschäftige mich eigentlich mit der Liebe, die größer ist, als wir alle.

Um die Liebe geht es ja auch in Ihrem neuen Album, mit dem Sie am 10. April nach Leipzig kommen.

In meinem Album dreht sich alles um die Liebe, um die bedingungslose Liebe, um die Facetten der Liebe. Ich habe es geschrieben, um auszudrücken, was mir in meinem Leben wichtig ist. Wir leben in Zeiten, wo politisch einfach unglaublich viel passiert. Es gibt viele Unsicherheiten, die Welt ist ein Dorf geworden. Und es wird immer klarer, dass wir Gemeinsamkeiten brauchen, um Themen wie den Klimawandel anzugehen. Und in solchen Zeiten ist es wichtig, dass die Unterhaltungsmusik die Leute stark macht. Verstehen Sie, was ich meine? Das ist meine Aufgabe als Künstlerin. Den Unterhaltungswert zu nutzen, um dem Menschen in seiner Menschlichkeit zu begegnen... und ihn an sein Herz zu erinnern.

Sie sind gerade schon kurz auf den Klimawandel eingegangen, gegen den auch heute wieder viele Schüler in Europa demonstrieren. Selbst haben Sie Kinder, die bald das Teenageralter erreichen. Was würden Sie sagen, wenn auch die auf die Straße gingen?

Also ich wäre sehr stolz, wenn meine Kinder mitmachen würden. Aus zwei Gründen: Junge Menschen haben eine Freiheit, die wir, die Älteren, nicht haben. Weil wir entweder im Berufsleben oder in anderen Dingen verwurzelt sind. Außerdem haben Kinder einen unbändigen Idealismus, der uns Erwachsenen manchmal verloren geht. Wir hätten alle wichtigen Revolutionen, auch den Mauerfall, nicht gehabt, ohne die Jugend. Wenn also Kinder sagen: Ich gehe nicht in die Schule und breche jetzt das Gesetz, weil sonst keiner auf uns hört – dann finde ich das großartig. Natürlich werden sie von allen Seiten kommen und die Symbolfigur Greta diffamieren, denn den Machthabern ist sie ein Dorn im Auge. Sie ist frei, nicht korrupt, und sie ist furchtlos.

In Ihrer eigenen Kindheit sind Sie viel umhergezogen. Ist das eine Art von Freiheit, die Ihnen heute fehlt?

Nein, ich bin nach wie vor ein freier Mensch. Innere Freiheit ist eine Einstellung und die lebe ich als Künstlerin. Ich genieße es, auf der Bühne mein Handwerk ausüben zu können. Es ist ein Luxus, damit auch andere Menschen begeistern und stärken zu können.

Im Herbst kommen einige Ihrer Familienmitglieder mit der „Over the Hump“-Jubiläumstour nach Leipzig. Warum werden Sie nicht mit auf der Bühne stehen?

Ich hab in der NDR-Talkshow schon gesagt, dass ich eine der erfolgreichsten Kinderbuchreihen habe – mit 353 000 Büchern deutschlandweit. Ich schreibe im Sommer ein weiteres Buch, schreibe Lieder und habe eine sehr sehr erfolgreiche Tournee dieses Jahr. Ich habe mich für mehr Zeit mit meinen Kindern entschieden. Aber ich habe trotzdem ein gutes Verhältnis zu meinen Geschwistern, und sie sind ja auch ohne mich erfolgreich.

Maite Kelly ist am 10. April, 20 Uhr, in der Arena Leipzig; Karten gibt es unter anderem in der Ticketgalerie Leipzig (LVZ-Foyer, Peterssteinweg 19; Barthels Hof, Hainstr. 1), unter der gebührenfreien Telefonnummer 0800 2181050, auf www.ticketgalerie.de

Von Hanna Gerwig