Menü
Leipziger Volkszeitung | Ihre Zeitung aus Leipzig
Anmelden
Kultur Regional Mal drei, mal neun: bei Christian Lillinger darf man mit allem rechnen
Nachrichten Kultur Kultur Regional Mal drei, mal neun: bei Christian Lillinger darf man mit allem rechnen
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
09:53 08.05.2019
Bassist Petter Eldh, Pianistin Kaja Draksler, Schlagzeuger Christian Lillinger (v.l.). Quelle: Ziga Koitnik
Anzeige
Leipzig

Man kann sich diese anderthalb Minuten Schlagzeugsolo am Beginn des siebten Stückes dieser hochgelobten Platte wieder und wieder und immer noch einmal anhören. Man wird es nicht begreifen. Man wird dem einfach nicht folgen können, was Christian Lillinger hier nebeneinanderschichtet und übereinandertürmt, was er in noch gesteigerter Höchstgeschwindigkeit unter Kontrolle behält und mindestens doppeldeutig abrollen lässt.

Dann wird man nach anderthalb Minuten fassungslos hören, dass es tatsächlich Spielpartner gibt, die in so einen Ideenflug einzustimmen in der Lage sind, um ihn gemeinsam mit ihrem Schlagzeuger vollkommen plausibel ins Ziel zu bringen.

Anzeige

„Plastic“ heißt das Sück, und wie das aus neun Kompositionen bestehende Album insgesamt demonstriert es, dass es mit dem akustischen Pianotrio als dem kammermusikalischen Standardformat des Jazz noch lange nicht vorbei ist. Im Gegenteil.

Garten auf Slowenisch

Im Oktober 2016 war die slowenische Klavierspielerin Kaja Draksler im Bimhuis in ihrer neuen Heimatstadt Amsterdam erstmals mit den beiden Wahlberlinern Christian Lillinger aus der Lausitz und Petter Eldh aus Schweden aufgetreten. „Ich war aufgeregt“, erinnert sich die Pianistin, „und gleichzeitig eingeschüchtert von der Kraft, die Christian und Petter als Rhythmusgruppe gemeinsam haben. Das ist, als ob man auf einer Welle reiten würde.“ Ein paar gefeierte Festivalauftritte und ein gutes Jahr später nahm das inzwischen in höchsten Tönen gepriesene Trio „Punkt.Vrt.Plastik“ seine Debüt-CD auf.

Das „Vrt“ in der Mitte des seltsamen Namens bedeutet Garten auf Slowenisch, und Christian Lillinger gab zu Protokoll, sich an keine einfachere Aufnahmesession erinnern zu können: Alles First Takes, an denen höchstens aus klangtechnischen Gründen noch ein bisschen rumgemacht wurde.

Musik auf der Höhe der Zeit

In diesem Trio aus gut 30-Jährigen stimmt einfach alles. Struktur, Tempo, Melodik, Nuancierung, Intensität, Harmonik: Alles verzahnt sich wie somnambul. Denn obwohl die neun nie ausfransenden Stücke am anderen Ende des Simplen angesiedelt sind, durchzieht sie ein intuitives Formbewusstsein weit jenseits des freien Kaputtspielens.

Das ist nicht einfach nur eine Fortschreibung traditioneller Muster der Jazzavantgarde. Das ist schlechthin Musik auf der Höhe ihrer Zeit. Da werden eben auch die notwendige Basslastigkeit populärer Musikformen, neue Grooves oder der hohe Abstraktionsgrad aktueller ernster Musik mitgedacht.

Es entspricht der Konsequenz des Schlagzeugers und Komponisten Christian Lillinger, dass er seit Beginn des vorigen Jahres sein eigenes Label PLAIST betreibt, um seine Musik und sein Musikverständnis noch präziser ausdrücken zu können. Als CD Nummer vier ist dort nun sein „Open Form For Society (OFFS)“ erschienen, ein opulentes Album, das vieles von dem bündelt, was Lillinger auszeichnet: seine Kompromisslosigkeit, seine Konsequenz, seinen Neuansatz und seine Soundvorstellungen.

„An nichts gespart“

Vollkommen ohne die sonst bei derlei Großprojekten des Jazz unabkömmlichen Bläser hat er aus neun jungen europäischen Künstlern, die in der Impro-Szene führend sind, ein Ensemble zusammengestellt, mit dem Lillinger seine neue Kammermusik aufnehmen konnte.

Fünf Tage lang waren sie in einem demokratischen Prozess der Musikproduktion gemeinsam mit einem Soundingenieur im Studio, um simultan an einem gemeinsamen Produkt zu arbeiten. „Nichts wurde der Beliebigkeit überlassen“, fasst Mastermind Lillinger seine Intentionen zusammen, „an nichts wurde gespart. Es soll einen neuen Standard in der Vermittlung von Komplexität in der Musik zwischen Soundmembranen (Lautsprechern)“ und Zuhörern definieren.

Gelegentliche Verfremdung

Drei Keyboarder (Kaja Draksler, Elias Stemeseder und Antonis Anissegos), zwei Bassisten (Petter Eldh und Robert Landfermann), zwei Vibrafonisten/Marimbaspieler (Christopher Dell und Roland Neffe), Cellistin Lucy Railton und natürlich Schlagzeuger Christian Lillinger zelebrieren polyrhythmische Strukturen in nervös treibenden Klangorganismen, die miteinander korrespondieren, auseinander hervorgehen, umeinander treiben und gelegentlich elektronisch verfremdet werden.

Überhaupt lässt diese Musik sehr viel des Gewohnten hinter sich, zum Beispiel gängige Thema-Impro-Thema-Muster zugunsten weitgehend notierten Tonflirrens und -schwirrens in immer anderen Instrumentenkombinationen. Fast immer ist da ein vertrackter Beat, als zumindest partieller Haltepunkt bei so viel Neuem.

Kaja Draksler/Petter Eldh/Christian Lillinger: Punkt.Vrt.Plastik; Intakt/Harmonia Mundi; Christian Lillinger: Open Form for Society; PLAIST/Edel

Von Ulrich Steinmetzger