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Kultur Regional Margarete Stokowski in Leipzig – Feminismus für alle
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17:46 27.02.2019
Die Autorin Margarete Stokowski im Haus des Buches. Quelle: Andre Kempner
Leipzig

Die Frage aus dem Publikum scheint sie zu überraschen: Warum vor allem Frauen zu der Lesung gekommen seien, wie man mehr Männer einbeziehen könnte? Margarete Stokowski blickt in den Saal, die wenigen Männer blicken sich fragend an. Dann erklärte die Autorin, dass es vor allem mit dem Ort zu tun habe: In Kneipen sei das Verhältnis nahezu ausgeglichen, in seriösere Institutionen wie Literaturhäuser kämen dagegen eher Frauen.

Seit sieben Jahren schreibt Stokowski die Kolumne „Oben und Unten“ auf „Spiegel Online“ und hat in diesen Jahren dafür gesorgt, dass ihr hauptsächliches Sujet, der Feminismus, im Mainstream angekommen ist – und zwar bei Frauen und Männern gleichermaßen. Die besten 74 Kolumnen – auch jene aus den Jahren als „taz“-Autorin – hat Stokowski nun in dem Buch „Die letzten Tage des Patriarchats“ (Rowohlt) zusammengetragen. Am Dienstag stellte sie den Band im ausverkauften Haus des Buches vor.

Literaturhauschef unfreiwillig komisch

Für den ersten unfreiwilligen Lacher des Abends sorgt der neue Literaturhauschef Thorsten Ahrend, als er die „Akteure“ der Lesung – neben Stokowski die Moderatorin und „taz“-Journalistin Doris Akrap – vorstellt. Die Sensibilität des Publikums für unpassende männliche Bezeichnungen zeigt, wie fest das Thema inzwischen gedanklich verankert ist: Die Ungleichheit zwischen Mann und Frau (und anderen Geschlechtsdefinitionen) wird längst nicht mehr unkommentiert hingenommen. Einen Anteil an dieser Entwicklung hat Stokowski mit ihren wöchentlichen Kolumnen, in denen sie gesellschaftliche Missstände oftmals mittels alltäglicher Anekdoten anprangert – beispielsweise die Schwierigkeiten beim Kauf einer für Frauen passenden Latzhose im Baumarkt.

Sie hat dazu beigetragen, den Feminismus aus einer Nische in das Zentrum medialer und akademischer Debatten zu holen. Feminismus bedeutet für Stokowski (und andere prominente Autorinnen wie Alice Schwarzer oder Laurie Penny), dass alle Menschen unabhängig von ihrem Geschlecht, ihrer Sexualität und ihrem Körper dieselben Rechte und Freiheiten haben sollen. So schrieb sie es in ihrem Grundlagenwerk und Bestseller „Untenrum frei“ vor drei Jahren.

Unzählige Hasskommentare

Die Widrigkeiten, die diesem politischen Ziel entgegenstehen, geht die 32-Jährige in den versammelten Kolumnen an: Von TV-Shows wie „Germany‘s Next Topmodel“ („Frauendressur mit Product Placement“), über sprachliche Fehlkonstruktionen („Hamse jedient im Genderkrieg?“) bis zum Sinn und Unsinn der Frauenquote: „Sie ist so ärgerlich wie der Gips, den man tragen muss, wenn man sich den Arm gebrochen hat. (...) Aber wenn alles heile ist, kann der Gips weg.“

Logisch, dass derartige Positionen Widerstand hervorrufen – vor allem von den Profiteuren des im Titel erwähnten Patriarchats; jenes Systems, in dem die Macht zumeist in den Händen von Männern liegt. Der männliche Pöbel schickt Stokowski regelmäßig Hassbotschaften, von denen sie die ärgsten juristisch verfolgen lässt – im Vorwort bedankt sie sich explizit bei ihrer Anwältin. Schade ist, dass sich die Lesung zu einem großen Teil um die Reaktionen auf Stokowskis Texte dreht, weniger aber um deren Inhalte.

Spitzer Vortrag

So liest sie etwa eine Kolumne vor, in der sie vom vergeblichen Versuch erzählt, mit einem Kommentatoren, der sie als „Dummsau“ anredete, über seinen Hass zu sprechen. Einige klischeehafte Kommentare hat Stokowski den Texten hinten angestellt – so muss man selbst beim Lesen auf Papier nicht darauf verzichten.

Unter den Zuhörenden befinden sich derartige Querulanten natürlich nicht: Das überwiegend studentische Publikum amüsiert sich köstlich über Stokowskis unverkrampfte Art und Schlagfertigkeit, den mit spitzer Zunge vorgetragenen Kolumnensound. Man wünscht sich fast, sie würde die Texte für ein Hörbuch einlesen – dies würde aber wahrscheinlich von ihren klugen Argumenten ablenken.

Margarete Stokowski: Die letzten Tage des Patriarchats. Rowohlt; 319 Seiten, 20 Euro

Von Maximilian König

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