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Kultur Regional „Maßlosigkeit der Begriffe“: Podiumsdiskussion zum Thema Kunstfreiheit
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19:36 31.07.2019
Um Kunst und Freiheit ging es am Dienstag bei einer Podiumsdiskussion im Leipziger Bildermuseum mit (v.l.) Patrice Poutrus, Britt Schlehahn, Christoph Becker und Thomas Bille. Quelle: André Kempner
Leipzig

Es war einmal die Leipziger Jahresausstellung – 25 Jahre fristete sie als ein wichtiges lokales Ereignis für die Kulturszene, viel gelobt, prekär finanziert. In diesem Frühjahr geriet sie zur wohl meistbesprochenen Schau im deutschen Feuilleton. Reizworte wie „AfD“ und „Kunstfreiheit“ stimulierten wochenlang überregionale Berichterstattungsreflexe. Anlass für das Museum der bildenden Künste, in einer Podiumsdiskussion am Dienstagabend einen Schritt zurückzutreten, Strategien und Strukturen in den Blick zu nehmen. „Um des lieben Friedens willen? Nach der Leipziger Jahresausstellung“, lautete die etwas rätselhafte Überschrift.

Knapp 200 Besucher bei der Diskussion

Der für die AfD eintretende, im Kuratorium der von der Partei gegründeten Desiderius-Erasmus-Stiftung tätige, mit Pegida und der rechtsextremen „Identitären Bewegung“ sympathisierende Maler Axel Krause (60), seine Ausladung von der Jahresausstellung und die Instrumentalisierung des Vorgangs – das Thema bewegt auch einen Monat nach dem Ende der Schau. Knapp 200 Besucher kamen zu der Diskussion mit Britt Schlehahn, Kunstkritikerin des Stadtmagazins „Kreuzer“, Patrice Poutrus, Zeithistoriker und Migrationsforscher an der Uni Erfurt, und Christoph Becker vom Zentrum Liberale Moderne in Berlin, 2017 von den Grünen-Politikern Marieluise Beck und Ralf Fücks gegründet.

Auslöser dafür, eine dreiteilige Diskussionsreihe zum Thema zu initiieren (die beiden folgenden Termine stehen noch nicht fest), sei ein „Wissensvakuum und die Unsicherheit, die ich in der Stadt wahrgenommen habe“, sagte Museumsdirektor Alfred Weidinger einleitend. Eine bereits für den 11. Juni geplante Diskussion mit Axel Krause hatte dieser wegen Unstimmigkeiten über die Besetzung des Podiums abgesagt. Sie war daraufhin verschoben worden

Moderator Thomas Bille schaltete den auch am Dienstag Abwesenden gleich per Facebook zu. Er habe von dem Termin aus der Zeitung erfahren, sei im Urlaub, zitiert ihn Bille. „Stellt sich mir die Frage, warum der Gesprächstermin so gelegt wurde, wie er nun ist?“, heißt es auf der Seite. Darunter finden sich Kommentare mit Phrasen wie „Prantl-Prawda“ oder „DDR 2.0“. Vor allem letzteres ist gewissermaßen Grundbaustein in rechten Diskursen, etwa im Verbund mit der Annahme von „Gesinnungsschnüffelei“, „Verboten“ bis hin zur ironiebemäntelten Selbststilisierung als „entarteter Künstler“ (Krause auf Facebook).

Das Gerede von „DDR 2.0“

Ein selbstentlarvendes Opferspiel? „DDR 1.0, das bedeutete Berufsverbot, Bilder werden abgehängt, Zerstörung der wirtschaftlichen Existenz. Nichts von dem ist bei Axel Krause passiert“, sagt Patrice Poutrus. Er sieht eine „Maßlosigkeit der Begriffe“ auf Seiten derer, die einen Kulturkampf führen. Hier seien „doppelte Standards“ im Spiel, „mit dem Ziel, dass bestimmte Aussagen freigestellt werden von Kritik“. Eigentlich wolle man gar keine Auseinandersetzung führen. „Es geht darum, sich durchzusetzen.“

Demnach wäre die Forderung nach (Kunst-)Freiheit nur eine nach vorne gestellte Kulisse, hinter der sich das Gegenteil, autoritäre Fantasien und antiliberale Ideen verbergen. Christoph Becker verweist auf die Strategie der Neuen Rechten, sich als Opfer darzustellen, einerseits zu betonen, diese oder jenes ja wohl mal sagen zu dürfen, andererseits Kritik zum Schweigen zu bringen. Auch wenn die Bilder von Krause unpolitisch seien, habe Kunst immer Auswirkungen auf die Gesellschaft, so Becker.

Britt Schlehahn diagnostiziert beim Thema Demokratie einen „Trainingsrückstand“ in Sachsen. Sie vermisst kulturelle Bildung in einer Zeit, in der Kapital und Kultur „miteinander verwurstet“ seien. „Es wird nicht mehr über Bilder gesprochen“, sagt die Kunsthistorikerin. Auf Billes Frage, wie man mit einem Künstler umgehen solle, dessen politische Ansichten man ablehne, sagt sie: „Das muss jeder für sich selbst entscheiden.“ Krause sei Teil einer rechten Kulturbewegung. „Wenn ich ihn einlade, dann weiß ich, Verzeihung, dass die rechte Bagage vorbeikommt.“ Man müsse sich damit auseinandersetzen, das sei kein Ponyhof, kein Spaß, der morgen wieder vorbei ist.

Debatte über Kunstfreiheit ein Nebenthema?

Es herrscht weitgehend Einigkeit auf dem Podium, erhellend ist die Debatte, auch wenn die zirzensischen Elemente der nach den Prinzipien des Kasperletheaters besetzten TV-Debatten weitgehend fehlen. Nach gut einer Stunde wird das Gespräch fürs Publikum geöffnet. Fabian Bechtle, Mitinitiator des Forums für demokratische Kultur und zeitgenössische Kunst in Berlin, warnt davor, bestimmte Ansichten aus rechten Diskursen unreflektiert zu übernehmen. Er meint das in Richtung von Journalisten, aber auch der Sächsischen Kunstministerin, die im LVZ-Interview von „Gesinnungsschnüffelei“ im Zusammenhang mit dem Ausschluss Krauses sprach. Mandy Gehrt, Künstlerin, parteilos, für die Linke im Leipziger Stadtrat, hält diese Debatte über die Kunstfreiheit für ein Nebenthema, ganz real sei die Gefahr für die Kunst und die offene Gesellschaft, „wenn die AfD in Sachsen stärkste Partei wird“.

Die Wiener Künstlerin Victoria Coeln, die im Bildermuseum derzeit ein temporäres Lichtstudio betreibt, verweist wiederum auf den Zusammenhang zwischen Ökonomie und Kunstfreiheit: „Die Debatte wird im Prekariat der Künstler ganz anders geführt.“ In Wirklichkeit gehe es doch darum: „Wie setzen wir die Kunst in die leere Mitte der Gesellschaft?“

Und die Leipziger Jahresausstellung? Finde im kommenden Jahr statt, so Rainer Schade, frisch gewählter neuer und vorheriger Vorsitzender des ausrichtenden Vereins nach der Diskussion. „Dann laden wir alle großen Zeitungen wieder ein, über uns zu berichten. Mal sehen, wer kommt.“

Von Jürgen Kleindienst

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