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Kultur Regional Matthew Herbert’s Brexit Big Band steigt aus
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13:19 18.10.2018
Ein Stimmensammler: Mehr als 40 Musiker versammelt Matthew Herbert auf der Bühne, um denn Brexit zum Klingen zu bringen. Quelle: Christian Modla
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Leipzig

Im Kontext dieser britisch grundierten Leipziger Jazztage ist Trompeterin Yazz Ahmed ein weiteres Beispiel dafür, wie multikulturelle Wurzeln der Musik auf der Insel zu diversen Facetten verhelfen. Bahrainisches gibt ihrem Spiel arabische Spurenelemente und dezente Alleinstellungsmerkmale. Weil die Trompete in den letzten Jahrzehnten im Zentrum mancher Entwicklung des Jazz stand, ist sie mit ihrem Instrument und ihrer kontrollierten Spielweise bemerkenswert und wird bemerkt. Ihr Ton ist individuell genug, sie muss nicht posen und blenden.

Ihr Auftritt vor den zu später Stunde schon leicht lichteren Reihen im ausverkauften Schauspielhaus allerdings hatte für ihre eher dezente Musik kein gutes Timing. Nach der aufgedrehten Show von Matthew Herbert’s Brexit Big Band ist ihre Musik zu still, zu kultiviert, zu introvertiert. Das wirkt dann wie Jazz vom Blatt, dem es an Lautem mangelte. Die Dramaturgie des Abends folgt objektiven Zwängen und dem nachvollziehbaren Muss, Umbaupausen nicht ins Unendliche wachsen zu lassen. Für Yazz Ahmed ergibt das ungünstige Voraussetzungen, allein schon, weil sie nach der optischen Überrumpelung mit ihrem Quintett recht überschaubar auf der Bühne steht.

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Mehr als 40 Musiker hat zuvor der Brite Matthew Herbert (Jahrgang 1972) versammelt. Wie immer auf seinen nun schon eine Weile dauernden Europareisen mit diesem Projekt treten zu den wenigen britischen Konstanten – wie der markanten Sängerin Rahel Debebe-Dessalegne – als Gros Musiker von vor Ort, mit denen die Stücke in erstaunlich kurzer Zeit einstudiert werden. Im Leipziger Fall sind das Studenten, Dozenten und Ehemalige der Hochschule für Musik und Theater – wenn man so will: Musiker aus dem Haus gegenüber – und der verblüffend bewegliche Kammerchor Vocalconsort Leipzig.

Der Klang der Insel

In vollstem Breitwandformat und immer wieder im direkteren als dem üblichen Kontakt zum Publikum wird mal musicalähnlich, mal wie unter dem seligen Glenn Miller, oft mit elektronischen Störinterventionen, immer stimmenreich, aber nie broadway-simpel eine Musik zum Ausstieg zelebriert. Mit einem ansteckenden Grundoptimismus macht Herbert plausibel, wie Kultur von dort ein Teil Europas bleibt.

Den Brexits aber nimmt er zum Anlass, etwas genauer auf sein Land zu schauen und das Erblickte als letztlich doch vergnügliche Botschaft nach Europa zu tragen. Am 29. März 2019 dann wird die in Rom, Madrid, Berlin und Leipzig live aufgenommene CD wahrscheinlich unter dem Titel „The State Inside“ erscheinen – am Tag des britischen Austritts. Matthew Herbert hat sich aus schlechtem Anlass auf den Weg gemacht, herauszufinden, wie es sich jetzt anfühlt, ein Brite zu sein: „Wir haben eine schöne Landschaft, aber das reicht nicht.“

Rundherum hat er seine Field Recordings eingesammelt, denn als Musiker, der mit Electronics und Samples arbeitet, hat er eine dezidiert andere Herangehensweise. In seinem Buch „The Music“ verleiht er dem Gesetzescharakter: Verboten sind Drumcomputer, Soundpresets und Samples aus dem Material anderer. So will er den Charakter seiner Klangerzeugungen individuell halten, alles davon Abweichende wäre Diebstahl.

Also hat er einen durch den Kanal nach Frankreich schwimmen und aufnehmen lassen, hat Schafen in Wales das Mikro hingehalten oder einem Fish ’n’ Chips-Esser, hat Grenzgänge zu Nordirland mitgeschnitten und einen den Landsitz von Theresa May umrunden lassen. Letzterer allerdings wurde festgenommen, und die Tonsammlungen kamen nicht bei Herbert an. Insgesamt sammelt er Tondokumente, die das Land spiegeln.

Das Seltsame konturierte sich heraus: „Es ist wie ein Liebeslied für jemanden, den man nie gesehen hat.“ Es fühlt sich an „wie von etwas weggezerrt zu werden, das die ganze Zeit Teil deines Lebens war“. Wenn er dann ein ellenlanges Ausziehmikrofon ins Leipziger Publikum hält und es zu Lauten animiert, die er später verfremdet und in die opulenten Ereignisse mischt, wird das Verfahren deutlich und auch, wie das live funktioniert.

Ein Entertainer von Gnaden

Nach dem Dauergedränge des Publikums während der bisherigen Jazztage vor den diversen Veranstaltungsorten gibt es nun auch Gedränge auf der Bühne. Alles beginnt mit den gesungenen Versen von John Donnes Gedicht „No Man Is An Island“: „Niemand ist eine Insel, nur für sich allein; jeder ist ein Teil des Kontinents, ein Teil des Ganzen.“

Es folgt die Vertonung des Artikels 50 des EU-Vertrags, in dem der Austritt eines Mitglieds geregelt ist. Es folgt vieles, das sich zu einem schlüssigen Nummernprogramm addiert und durchweg von Optimismus grundiert ist nach der Devise, das Beste draus zu machen. Basis dafür ist ein felsenfestes Musikantentum. Was die rekrutierte Leipziger Bigband dafür leistet, ist schlicht sensationell, nämlich frisch, freudvoll und immer wieder punktgenau.

Matthew Herbert ist vor dem allen ein Entertainer von Gnaden. Er gibt den ungelenk emphatischen Tänzer, singt, ist Conférencier und sorgt von seinen verkabelten Gerätschaften aus durch Interventionen immer wieder dafür, dass all das nicht zu purer Fröhlichkeit oder zu Idyllen versimpelt. Einfache Songpartikel wie „say yes“ oder „we need you“ ordnen sich dann ganz selbstverständlich einer großen Sorge ums Vereinigte Königreich zu.

Herbert hat immer neue Ideen, wie er das Publikum zum Mitmachen animieren kann, lässt es mit Botschaften versehene Papierflugzeuge bauen, die dann zwischen Bühne und Audienz hin und her segeln, lässt es in einem Referendum voten und sammelt auch sonst seine Stimmen.

In den Gesichtern auf und vor der Bühne kann man den Spaß an der Sache sehen. Nicht erst seit Trump sind Politiker zu Storytellern verkommen, weiß Matthew Herbert, diesem Wildern auf dem eigentlichen Feld der Künstler setzt er seine vertonten Geschichten entgegen: entkrampfend, fantasievoll, provokant und mit entwaffnender Heiterkeit.

Weitere Termine der 42. Leipziger Jazztage

Freitag, 19. Oktober: Max Andrzejewski’s Hütte and guests play Robert Wyatt; Joshua Redman, Aaron Parks, Matt Penman, Eric Harland: James Farm (20 Uhr, Westbad); Elliot Galvin Trio (23.59 Uhr, die naTo)

Samstag, 20. Oktober: Jazz für Kinder Jolli, Juri und die Jungs ... und das große Fernweh! (11 Uhr, Werk 2, Halle D); Arne Reimer „American Jazz Heroes 2“ (18 Uhr, Opernhaus); Dave Holland’s Aziza; Avishai Cohen Quartet; Norma Winstone Trio (19:30 Uhr Opernhaus); Christian Kögel: Queen „Jazz“ (23.59 Uhr, Liveclub Telegraph

Restkarten gibt es unter anderem an den Abendkassen und in der Ticketgalerie Leipzig (LVZ-Foyer, Peterssteinweg 19; Barthels Hof, Hainstr. 1), Infos auf www.jazzclub-leipzig.de

Von Ulrich Steinmetzger