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Kultur Regional Max Uthoff verteilt im Leipziger Kupfersaal bittere Wahrheiten
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22:17 02.06.2019
Bemerkungen vom Bühnenrand: Max Uthoff im Gespräch mit dem Publikum und sich selbst am Freitag im Kupfersaal in Leipzig.
Bemerkungen vom Bühnenrand: Max Uthoff im Gespräch mit dem Publikum und sich selbst am Freitag im Kupfersaal in Leipzig. Quelle: Christian Modla
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Leipzig

„Ich weiß immer noch nicht, was Sie von mir wollen.“ Max Uthoffs Stimme erreicht die Zuschauer seines von den Academixern präsentierten Gastspiels im fast ausverkauften Kupfersaal am Freitagabend schon aus den Lautsprechern, da ist er noch gar nicht auf der Bühne.

In ein Telefongespräch vertieft, erklärt der Kabarettist wie beiläufig den Titel seines aktuellen Programms „Moskauer Hunde“. Eine Finte, denn Hunde, Katzen und deren ergebene Halter werden mehrmals am Abend seinen Spott auf sich ziehen. Das liefert einen dünnen roten Faden und später eine Schlusspointe.

Eine Finte gleich zu Anfang

„Ich hatte etwas gelesen über Straßenhunde in Moskau, aber ich konnte den Artikel nicht mehr finden“, erklärt er seinem fiktiven Gegenüber zunächst. Bei acht Millionen Hundebesitzern in Deutschland und allein, was das Wort „Moskau“ bei vielen hervorrufe: „Marketingtechnisch macht das wahrscheinlich keinen Sinn. Aber egal, es gibt sehr, sehr viele Dinge, die überhaupt keinen Sinn machen, und sich sehr gut verkaufen: Andreas Gabalier oder Landhausmode, SUVs, Red Bull, Meica Würstchen, der Focus“, zählt er auf, bevor er auf die Bühne tritt.

„Es gibt so viele Widersprüche an sich: ‚Christlich Demokratische Union’ oder ‚SPD-Hoffnungsträger’. Oder ‚rechtes Gedankengut’ ist auch schön.“ Flugs ist der Wechsel ins Politische vollzogen, mit seinem Zuhörer am Telefon spekuliert er, wie sich das Publikum vor ihm zusammensetzt. Oder ob sie nur da seien, um „zu überprüfen, ob etwas, was man aus dem Fernsehen kennt, auch in Wirklichkeit exstiert. Ich bezweifle, ob das zwei Stunden reichen wird“, ätzt er.

Parteienspektrum anhand des Publikums disqualifiziert

Nicht anwesende Christdemokraten („also ich erwarte schon ein Minimum an politischem Interesse bei meinem Publikum“), Sozialdemokraten („systemkonforme Trottel“), Freie Demokraten („Kabarett ist ja immer auch ein Ort der Orientierungslosen“) oder auch die Grünenwähler trifft die pfeilspitze Zunge des 51-Jährigen.

Uthoff seziert eine ganze Karriere in einem mäandernden Satz, den er – obwohl temporeich – wohltemperiert vorträgt: „Ich verfüge nicht über die Fantasie derer, die in Robert Habeck mehr sehen als den durchschnittlichen Vertreter der nächsten Politikgeneration, der seine Kritik an der Regierung so kess formuliert, dass die Medienvertreter ihm ,unverbrauchte Frische’ attestieren, aber gerade so wachsweich, dass sein eigenes Programm im Berliner Politikbetrieb nicht gefährdet ist.“ Das sitzt, Applaus.

Mit weniger Schachtelsätzen als beim Bundesvorsitzenden der Grünen verteilt er böse wie aktuelle Spitzen auf Annegret Kramp-Karrenbauer, die von Meinungsfreiheit so viel verstehe wie Nordkoreas Despot Kim Jong-un. Alexander Gauland von der AfD attestiert er eine tiefe Melancholie, weil er einfach zu spät geboren ist, die von ihm so genannten „Vogelschiss“-Jahre gar nicht richtig miterleben konnte.

„Moskauer Hunde“ sind durchaus lernfähig

Uthoff redet, seziert, analysiert, zwei Stunden mit kurzer Pause. Er legt Finger in Wunden, für die auch er keine Pflaster habe, wie er sagt. Dafür braucht er nichts weiter als einen Stuhl auf der Bühne, auf den er sich dann und wann zurückzieht. Das Licht wechselt, Uthoff imitiert Dialekte, gibt sich selbst eine Bemerkung vom Seitenrand und schlüpft dafür in Rollen von auch mal sächselnden Jedermanns.

Das lockert das Geschehen: Keine zwei Stunden Frontalvortrag, sondern aus dem Monolog wird so wie im ZDF in „Die Anstalt“ ein Zwiegespräch. Didaktisch vielleicht der beste Aha-Moment, als Uthoff das Publikum aufteilt und so eine Karte der globalen Vermögensverteilung zeichnet.

Eine Welt, die immer mehr zersplittere, bloß noch konsumiert werde, in der manche Funktionsjacken tragen, SUVs fahren oder Stolz empfinden, zufällig irgendwo geboren zu sein. Eine Welt, in der die Domestikation, dass das so sein müsse, bereits in der Schule beginne. Da kommen die „Moskauer Hunde“ dann wieder in seinen Blick. Verwilderte Rudel, die gelernt haben, Straßenbahn zu fahren. Ganz unabhängig von irgendwelchen Herrchen.

Am 26. und 27. Juni 2020 präsentieren die Academixer Max Uthoff erneut im Kupfersaal.

Von Manuel Niemann