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12:23 08.01.2019
Schickt die Geister fort, die er rief: Robert Habeck löscht sich.
Schickt die Geister fort, die er rief: Robert Habeck löscht sich. Quelle: Hendrik Schmidt/dpa
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Leipzig

Meistens ist es harmlos, dieses Social Media. Millionen Selfies, Katzentagebücher und Urlaubsimpressionen können dem Abendland weniger anhaben als anfangs befürchtet. Oft ist es lächerlich, wenn Selbstdarstellung an der Grenze zur Blamage kratzt. Hier muss man sich nicht ausziehen, um sich zu entblößen.

Hin und wieder wird Social Media zum Fluch, wenn Menschen davon abhängig werden, auf Facebook, Twitter oder Instagram Zuwendung simuliert zu bekommen.

Und immer öfter ist es auch gefährlich. Dann nämlich, wenn’s politisch genutzt und missbraucht wird. Zwischen den Extremen Trump (regiert via Twitter) und Merkel (Twitter?) hat Robert Habeck nun erlebt, was Medien mit Menschen machen.

Und er hat sie fortgeschickt, die Geister, die er rief. Das klang so: „Nach einer schlaflosen Nacht komme ich zu dem Ergebnis, dass Twitter auf mich abfärbt. Das muss Konsequenzen haben. Und meine ist, dass ich meinen Account lösche.“

Pointe, Zuspitzung, Polemik

Zuvor war der Grünen-Co-Chef einerseits Opfer eines Datendiebstahls geworden, andererseits hat er mit dem Satz „Wir versuchen, alles zu machen, damit Thüringen ein offenes, freies, liberales, demokratisches Land wird ...“ danebengegriffen.

Unglücklich, aber harmlos im Vergleich zu den Grenzen, die bei Facebook und Twitter von den Nutzern selbst immer weiter verschoben werden. Weniger nach links und rechts, sondern nach unten. Präsenz und Beschleunigung wirken wie eine Droge: Enthemmung, Sprachverlust und Probleme beim Gehen.

Als Habeck auf Twitter ankündigte, seinen Account zu löschen, was er später auch tat, erntete er spontane Häme für das Argument des Abfärbens. Als hätte es noch eines Beweises bedurft.

Er hat ja recht. Die Umgangsform auf diesen Portalen sind Beifall, Häme, Shitstorm. Die Währung waren mal Information, Aufklärung und Unterhaltung, inzwischen sind es, da färbt Facebook deutlich ab: Pointe, Zuspitzung, Polemik. Es ist schwer, sich nicht daran zu gewöhnen. Darum muss die Dosis immer weiter erhöht werden, damit es möglichst vielen gefällt.

Yoga auf dem Balkon

Der Grad der Banalität steigt dabei im gleichen Maße wie das Unvermögen, sie zu erkennen. Im zurückliegenden Sommer zum Beispiel. Da erfuhr, wer wollte, wie es bei Manuela Schwesig im Urlaub auf Hiddensee aussieht, was Markus Söder am Chiemsee macht. Cem Özdemir war klimaneutral, der „Spiegel“ hatte es dokumentiert, beim Yoga auf dem Balkon zu sehen. Da hat schon lange etwas abgefärbt.

Und nun? Der Datenhacker ist gefasst. Die Grünen tagen in Frankfurt (Oder). In Thüringen wird trotzdem gewählt. Und Manuela Schwesig vermeldet ein „#NeuesProfilbild“.

Von Janina Fleischer