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Kultur Regional Meigl Hoffmann über Historien und Histörchen der Friedlichen Revolution
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16:29 17.09.2019
Zwischen Nikolaikirche und einer LVZ-Ausgabe vom 9. Oktober 1989, auf deren Titelseite 40 Jahre DDR gefeiert wurden: Meigl Hoffmann, Jahrgang 1968, in der Pfeffermühle. Quelle: Dirk Knofe
Leipzig

Das Wort „Heldenstadt“ fiel tatsächlich kein einziges Mal. Was eine erstaunliche und gute Nachricht ist bezüglich „Wir sind bald auf 89“ – einem durchaus heldisch-episch ausuferndem Programm von gut drei Stunden Länge (Verschnaufpause inklusive), mit dem sich jetzt der Leipziger KabarettistMeigl Hoffmannausführlich durch seine ganz persönlichen Erinnerungen ans Jahr 1989 improvisiert. Am Montag war Premiere in der ausverkauften Pfeffermühle.

Vielleicht liegt es ja an den Devotionalien eines dahingeschiedenen Landes, dass Hoffmann wie ein Bestattungsunternehmer wirkt. Kurz nur, gleich zu Beginn, wenn er da auf der Bühne zwischen einer DDR-Fahne und einem Wegweiser zur „offenen Nikolaikirche“ erscheint. In schwarzem Anzug und weißem Hemd. Und in Sneakern mit farbintensivem Lila-Anteil, die den Bestatter-Eindruck dann glücklicherweise doch recht schnell wieder relativieren. Ganz zu schweigen von Hoffmann selbst, der mitnichten dazu aufgelegt ist, fortan einen sonderlich pietätvollen Eindruck zu erwecken.

Was im Grunde schon die Musik ankündigt, zu der er die Bühne betritt. Ein Song derLeipziger Band Mad Affaire, die einst in den hässlich-schönen, wie für den Punk geradezu erfundenen Ost-80ern, hässlich-schön sangen, was der Subkulturzeitgeist in den Jahren eben gern sang. Also so Zeilen von wegen kein Platz in dieser Welt für dich und mich und für Träume auch nicht. Es war die große trotzig resignative Geste des erhobenen Stinkefingers – und eigentlich meinte diese Geste nicht nur die DDR, sondern diese ganze in ihr dahergebetete Geschichtsphilosophie des sozialistischen Fortschrittgedankens gleich mit.

Rote Fahne mit und ohne Hakenkreuz

„Wir haben die rote Fahne schon verherrlicht, als das Hakenkreuz noch drin war.“ So kann man es freilich auch sagen. Nur einer der vielen Bonmots, Witze, Zitate und Sentenzen, mit denen Hoffmann in seinem Programm hantiert. Für das braucht er ansonsten lediglich ein paar kleine Requisiten (Volkspolizeimütze, Megaphon), ein paar O-Ton-Einspieler (Walter Ulbricht und Pittiplatsch, diese zwei Kobolde des real existierenden Sozialismus) – und das war’s. Denn über das Wichtigste verfügt Hoffmann ohnehin: über ein wahres Füllhorn privater Erinnerungen. Und über die Gabe, diese so aufzubereiten, dass er nicht wie der bräsige Onkel wirkt, der die Familie mit den ewig ollen Kamellen malträtiert.

Dass Hoffmann dabei immer wieder auch mal dramaturgisch strauchelt zwischen den Darlegungen historischer Geschehnisse und denen persönlicher Erinnerungen, dass sich der Erzählfluss staut oder ausdünnt (und darüber partiell auch zu sehr ausdehnt), liegt in der Natur des Improvisierten – und am ersten Durchlauf dieses Formates. Da wird sich fraglos noch einiges austarieren und aussondieren wohl auch. Ebenso wie sich die Strategien der angestrebten Publikumsinteraktion fraglos noch optimieren lassen.

Absurdester Aberwitz

Gleichwohl gelingt es, eine – die! – wesentliche Intention dieses Programms zu erfüllen: „Geschichte lebendig werden zu lassen im Auge des Betrachters“; was treffender freilich eher „im Ohr des Zuhörers“ heißen müsste. Hoffmann liefert Historie und Histörchen aus der Sicht eines Ich-Erzählers, der wie der shakespearsche Narr aufs Geschehen blickt. Der (s)eine Chronik der Geschehnisse in Anekdoten darzureichen weiß, die nicht selten von absurdestem Aberwitz sind – und genau darin dem damaligen Zeitgefühl ziemlich gut gerecht werden.

Was „Wir sind bald auf 89“ somit bietet, ist eine Art Hoffmanns Erzählungen als solistische Walk-on-the-Wild-Side- Erinnerungsoperette. Die klingt nie larmoyant, manchmal ein wenig selbstverliebt. Ist oft witzig, gern auch mal albern – und doch nicht ganz frei von jener ganz bestimmten Wehmut, die Hoffmann hier am besten mit einem schönen Nietzsche-Satz zu umschreiben weiß: „Das Leben ist ein Born der Lust; aber wo das Gesindel mittrinkt, da sind alle Brunnen vergiftet.“

Nächster Termin der Impro-Version der Friedlichen Revolution: 28. Oktober, 20 Uhr, Pfeffermühle, Katharinenstraße 7, Eintritt 19,89 Euro (ermäßigt 8,90 Euro)

Von Steffen Georgi

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