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08:56 31.05.2019
Wenn die Kanzlerin spricht, laufen sich die Merkel-Deuter warm. Quelle: Michael Kappeler/dpa
Leipzig

Sollte Angela Merkel irgendwann nicht mehr Kanzlerin sein, wonach es keineswegs aussieht, dann wird der eine Satz von ihr noch immer im Raum stehen, der gleichermaßen berühmt bleibt wie ein Rätsel. Gesagt hat sie mehr. Vielleicht. Denn zu ihren Geschick, möglichst wenig zu verlautbaren, schon gar, wenn alle darauf warten, gehört das indirekte Sprechen.

Als Rednerin fordert sie eine Meisterschaft heraus, die der des Handlesens nahesteht: das Merkellesen. Das kann lernen, wer das Teetrinken ums Kaffeesatzlesen erweitert. Als Übungstext sei heute ihre Rede vor Harvard-Absolventen ans Herz gelegt.

Anders als bei anderen, bei denen man genau weiß, woran man nicht ist, lässt Merkels Sprechschweigen Spielraum. Nun ist die Freude groß über eine Trump-Kritik, in der sie es vermied, den Namen von du weißt schon wem zu nennen.

Was für ein Irrtum! Gilt es wirklich dem US-Präsidenten, wenn sie rät, „bei allem Entscheidungsdruck nicht immer unseren ersten Impulsen“ zu folgen, sondern „zwischendurch einen Moment innehalten, schweigen, nachdenken, Pause machen“? Meint das nicht 1. die eigene Kommunikationsstrategie und 2. die eigene Parteichefin?

Und natürlich blickt sie nach Deutschland, wenn sie sagt: „Reißen Sie Mauern der Ignoranz und Engstirnigkeit ein, denn nichts muss so bleiben, wie es ist.“ Wenn sie fordert,„dass wir Lügen nicht Wahrheit nennen und Wahrheit nicht Lügen“. Aber heißt Deutschland jetzt Osten oder Westen? Tja. Verglichen mit einer Merkel-Rede war das Orakel von Delphi geschwätzig.

Ihr Quiz-Satz für die Ewigkeit übrigens fiel im Wahlkampf 2013 und lautet: „Sie kennen mich.“

Von Janina Fleischer

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