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Kultur Regional Michael Maul über das Bachfest 2019, das sich dem „Hof-Compositeur Bach“ widmet
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13:28 19.12.2018
Bachfest-Intendant Michael Maul an der Bach-Büste im Bach-Museum. Quelle: Kempner
Leipzig

Das Bachfest 2018 brach alle Rekorde: 79 000 Besucher zählte das Festival unter dem Motto „Zyklen“, so viele wie nie zuvor in der 19-jährigen Geschichte des wichtigsten Musikfestes der Stadt Leipzig. An diesen Erfolg soll nun der neue Jahrgang anschließen. Er lockt unter dem Motto „Hof-Compositeur Bach“ mit knapp 160 Konzerten aller Genres. sprach mit Michael Maul, 40, seit Mai Intendant von Leipzigs wichtigstem Musikfestival.

Das letzte Bachfest, das erste, das Sie als Intendant verantworteten, lief recht gut ...

... nein, es lief nicht recht gut, es hat unsere kühnsten Erwartungen bei weitem übertroffen. Wir lagen beim Ticket-Verkauf und auch bei den Erlösen weit über dem bisherigen Rekord der Leipziger Bachfeste – und zwar um fast 60 Prozent.

Einer der Gründe, wenn nicht der Hauptgrund für diesen spektakulären Erfolg war der Kantaten-Ring, bei dem die Granden der Bach-Interpreten die besten seiner Kantaten aufgeführt haben.

Ja. Das Projekt hat eingeschlagen wie eine Bombe und war praktisch mit Beginn des Vorverkaufs ausverkauft – vor allem mit Komplettpaketen.

Da stellt sich natürlich die Frage, warum Sie so etwas 2019 nicht wieder anbieten.

Die Frage lässt sich leicht beantworten: Erstens sind wir 2018 mit dem Kantaten-Ring auf volles Risiko gegangen, und als wir den Jahrgang 2019 geplant haben, stand der Erfolg dieses Experiments noch keineswegs fest. Zweitens können Sie so etwas nicht jedes Jahr machen, das würde sich schnell abnutzen und ist auch logistisch kaum zu stemmen. Und drittens: Wir haben 2019 durchaus wieder einen Kantaten-Ring. Aber eine Nummer kleiner. Der nächste Große steht 2021 an und dann unter dem Motto „Bachs Messias“.

Der ist eigentlich von Händel.

Aber auch Bach hat in seinen Kantaten und Oratorien immer wieder das Leben Jesu behandelt, das werden wir abbilden. Ich plane das gerade und bin ganz besessen von der Idee.

Und was verbirgt sich hinter dem kleinen Kantaten-Ring 2019?

Fünf Konzerte am zweiten Festival-Wochenende – ein Zyklus mit allen 16 Weimarer Kantaten, darunter sind einige seiner populärsten Werke, und die erste Passionsmusik, die Bach aufgeführt hat. Es war keine eigene, sondern Keisers Markus-Passion. Und auch bei den Interpreten setzen wir uns ganz bewusst ab vom 2018er Konzept.

Nämlich wie?

Dieses Jahr haben die bekanntesten Bach-Interpreten der Welt mit vergleichsweise großen Erwachsenenchören – also einem bei allen interpretatorischen Unterschieden sehr ähnlichen Ansatz – diese Werke gesungen. Im nächsten Jahr geht es uns bewusst darum, vokal die ganze Breite der heute gängigen Aufführungspraktiken abzubilden. Vom Solisten-Quartett des Ricercar Consort übers Doppelquartett, nach meinem Dafürhalten für Bach häufige Praxis, wofür Vox Lumini steht, über den Rias Kammerchor mit der Akademie für Alte Musik Berlin unter Rinaldo Alessandrini, bis zum großen Knabenchor, also den Thomanern, die vom Gewandhausorchester auf modernen Instrumenten begleitet werden.

Ein dramaturgisch interessantes Konzept – ist es auch so zugkräftig wie das von 2018?

Durchaus. Das Kombiticket für Preisgruppe 1 ist bereits ausverkauft. Aber es ist auch dahingehend nur ein kleiner „Ring“, weil wir ihn nicht ausschließlich in Thomas- und Nikolaikirche spielen. Für das Konzert mit dem Solistenquartett reisen wir in die 1774 abgebrannte Weimarer Schlosskapelle, will heißen: in die architektonsisch verblüffend ähnliche Kapelle im Weissenfelser Schloss, und in die passen nur 220 Zuhörer.

Und läuft der Vorverkauf insgesamt?

Er gibt keinen Anlass zum Klagen. Wir sind nicht auf dem Niveau des letzten Jahrgangs, aber deutlich über dem der übrigen.

Rechnen Sie nach dem Rekord-Ergebnis vom letzten Jahr mit einer weiteren Steigerung?

Nein. Das wäre unseriös. Hinter den nackten Zahlen von 2018 werden wir zurückbleiben – aber wohl die der 19 Vorjahre wieder übertreffen. Wir müssen aufpassen, dass wir nicht Opfer des eigenen Erfolgs werden. Denn wenn man bei der Planung die nächste Steigerung immer im Hinterkopf hat, kann im Grunde nichts wirklich Herausragendes und schon gar nichts Überraschendes herauskommen.

Wie viele Konzerte stehen 2019 an?

159, also nur 2 weniger als 2018 und weit mehr als die rund 120 in den Vorjahren. Auch weil die Partner Gewandhaus, Oper, die Komponistenhäuser und und und so wunderbar mitspielen.

Die Konzerte stehen unter dem Motto „Hof-Compositeur Bach“, da wäre eigentlich zu erwarten gewesen, dass die weltlichen Werke eine große Rolle spielen.

Das tun sie auch, obwohl Bach auch in seiner Zeit bei Hofe in Weimar, Köthen oder bei seinen Bemühungen um gekrönte Häupter in Dresden und Berlin immer wieder Geistliches komponierte. Aber natürlich kommen seine weltlichen Kantaten, die großen Huldigungsmusiken oder Werke wie das Musikalische Opfer oder die Brandenburgischen Konzerte ebenfalls zu ihrem Recht. Ich glaube, dass dieser Festival-Jahrgang Bach so vielfältig wie nie darstellen und deshalb gut geeignet sein wird, das schiefe Bach-Bild wieder ein wenig gerade zu rücken.

Wie meinen Sie das?

Bach wird gern wahrgenommen als der Prototyp des treufleißigen lutherischen Kantors – und genau das war er nicht.

Nein?

Nein! Der Prototyp des lutherischen Kantors hätte seine Lehrverpflichtungen ernstnehmen müssen – und zwar auch in gepflegtem Latein. Er hätte seine Singestunden ernstnehmen müssen – und sich nicht so häufig vertreten lassen. Er hätte nicht ständig im Caféhaus auftreten dürfen und sich nicht fortwährend um Ehrenämter bei Höfen bemühen müssen. Bach war ja ab 1728, nach dem Tod Leopolds von Köthen und dem Wegfall seines dortigen Titels wie besessen davon, einen neuen zu bekommen.

Warum tat er das? War er nicht zufrieden in Leipzig?

Na zufrieden war er nie. Und damit hing diese Titelgier zusammen: Als er 1736 endlich Hof-Compositeur in Dresden wurde, ein Ehrentitel ohne klar umrissene Aufgaben und vor allem ohne Bezahlung, erhoffte er sich davon Protektion bei seinen zahlreichen Scharmützeln mit der wie Bach meinte, „wunderlichen, der Music wenig ergebenen“ Leipziger Obrigkeit. Und die Stars der Zeit, die ranghöchsten Musiker des Barock, das waren die Hofkapellmeister. Auch deren Schaffen bilden wir im nächsten Bachfest ab. So kommt beispielsweise Bachs Dresdner Hof-Kollege Jan Dismas Zelenka zu Wort, ein echtes Schwergewicht, oder Gottfried Heinrich Stölzel, seines Zeichens Hofkapellmeister in Gotha. Sein Passionsoratorium „Ein Lämmlein geht und trägt die Schuld“ führte Bach 1734 in der Thomaskirche auf, und Hermann Max wird es beim nächsten Bachfest wieder tun. Ein Meisterwerk – aber nicht leicht zu vermarkten für uns.

Warum?

Weil die Leute wegen Bach zum Bachfest kommen, und wegen der Zyklen, die Touristen viel eher dazu bewegen, ein Flugticket nach Leipzig zu buchen als Einzelkonzerte – und seien sie noch so interessant. Daraus werden wir sicher für die Zukunft unsere Schlüsse ziehen. Dennoch müssen wir weiter über den Bach-Tellerrand blicken, denn auch die Entdeckungen, die Momente in denen aus musikwissenschaftlicher Forschung Musik wird, gehören zur DNA unseres Festivals.

Das Bachfest 2019 steht unter dem Motto „Hof-Compositeur Bach“ und dauert vom 14. bis zum 23. Juni, Karten gibt’s telefonisch unter 01806  562030 (20 Cent/Anruf aus dem dt. Festnetz, max. 60 Cent/Anruf aus dem dt. Mobilfunknetz). Bestellungen und das vollständige Programm im Internet unter www.bachfestleipzig.de.

Von Peter Korfmacher

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