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Kultur Regional Michiel Dijkema inszeniert, Ulf Schirmer dirigiert Richard Wagners „Der fliegende Holländer“
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17:18 31.03.2019
Beeindruckender Bühnenbild-Coup: Das Schiff des Holländers im dritten Aufzug. Quelle: Leipzig repor
Leipzig

Letztlich ist alles eine Frage der Romantik. Womit indes die Frage nicht beantwortet ist, worin sie besteht. Die Romantik. In Richard Wagners Romantischer Oper „Der fliegende Holländer“ ist sie jedenfalls nicht in melancholischer Klaviermusik zu finden – die kommt nicht vor in diesen kaum zweieinhalb Nettostunden, die am Samstagabend in der seit langem ausverkauften Oper Leipzig so enthusiastisch bejubelt und bebuht wurden wie lange nichts mehr auf dieser Seite des Augustusplatzes.

Schauerromantik in eindrucksvollen Bildern: Der neue „Holländer“ in Leipzig.

Welten treffen aufeinander

Nein, beim Musiktheater ist es komplizierter. Hier müssen, soll der Tatbestand der Romantik erfüllt sein, Welten aufeinandertreffen, vorzugsweise die, in der wir leben und die, die Mächte und Wesen bevölkern und beherrschen, die sich unserer Vorstellungskraft entziehen. Der forsche norwegische Feilscher Daland etwa mit seiner verpeilten Tochter Senta und der untote Holländer mit seiner aus Raum und Zeit in ewige Verdammnis gefallenen Mannschaft. Hier, wo das Verderben der einen die Erlösung der anderen erst ermöglicht, entsteht Romantik – Schauerromantik sogar, um präzise zu sein.

Das nun ist Michiel Dijkema, der als Regisseur und Bühnenbildner in Leipzig von Rossini bis Puccini, von Gounod bis Dvorák bereits zahlreiche Erfolge einfuhr, eine Spur zu simpel. Darum lässt er Kostümbildnerin Julia Reindell und Chefmaskenbildnerin Miriam Mendler-Benkendorf auch das diesseitige norwegische Personal mit mindestens einem Bein im Jenseits stehen. Folglich, muss die Welt, mit der diese kollidiert, noch eine andere sein.

Heinrich Heine und das Theater

Es ist dies, und das ist eine grandiose Idee des Regisseurs, die der Kunst im Allgemeinen und die des Theaters im Besonderen. Die der feinen ironischen Kunst des Heinrich Heine, in dessen „Memoiren des Herrn von Schnabelewopski“ Wagner den Holländer-Stoff kennenlernte. Und die des Theaters, in dem Heine die Geschichte erzählen lässt, weil es auf der Bühne gerade klemmt. Diese Welt, sie ist bei Dijkema, dem Bühnenbildner, in den allerbesten Händen: Von der sinnlichen Selbstertüchtigung des Theaterraums während der Ouvertüre bis zum Überrumpelungs-Coup des Holländer-Schiffs nach der Pause sind die Bilder dieser Produktion immer wieder für Ahs und Ohs gut. Beim Schiff, das sich mit seinen blutroten Segeln aus dem Nebel heraus bis über die siebte Reihe des Parketts schiebt, reicht die Begeisterung sogar für ausführlichen Szenen-Applaus.

Realistische Üppigkeit

Der Bühnenbildner Michiel Dijkema hat also eine erstklassige Arbeit abgeliefert, auch und vor allem, weil er die partiell überbordende realistische Üppigkeit seiner Bühnenwelten immer wieder abfedert mit beinahe karger Reduktion. Beim Regisseur Michiel Dijkema ist es indes mehr als nur ein bisschen komplizierter. Denn Heines distanzierte Ironie bekam er nicht in seine Inszenierung hinein, sondern projiziert sie textreich auf Tafeln. Seine Personenführung jedenfalls lässt für derlei doppelbödige Feinheiten keinen Spielraum. Eigentlich findet sie auf viel zu weiten Strecken kaum statt. So stehen Senta und Erik oder Senta und der Holländer über lange, lange Zeit an unterschiedlichen Enden der riesigen Bühne umher und singen sich gegenseitig darstellerisch seltsam unbeteiligt Dinge von höchster romantischer Brisanz vor.

Sängerisch durchwachsen

Und sie tun es auf recht unterschiedlichem Niveau: Christiane Libor lässt als Senta erwartungsgemäß nichts anbrennen und ist wieder am besten da, wo ihr Sopran Unsicherheit, Suche, Verstörtheit transportiert. Was nicht heißt, dass nicht auch die Ausflüge in die Gesangsregionen der Ekstase, der Verzweiflung oder der Hysterie hörenswert, beeindruckend, bewegend wären. Stimmlich eine beinahe perfekte Besetzung für diese Partie. Das gilt ebenfalls für den Steuermann Dan Karlströms und die Mary Karin Lovelius’ – wobei man sich bei beiden das „beinahe“ kneifen kann. Die mütterliche Wärme und Strenge der Amme und der tenorale Überschwang des verträumten Schläfers sind besser nicht in Töne zu gießen. Und auch Randall Jacobshs sehr robuster und diesseitiger Daland lässt kaum Wünsche unerfüllt.

Weinerlich und beleidigt

Bei den anderen beiden großen Männerpartien, beim Holländer Iain Patersons und dem Erik Ladislav Elgrs, liegt der Fall komplizierter. Nein, bei Elgr eigentlich nicht. Sein Tenor klingt matt oder angestrengt, weinerlich oder beleidigt, oft alles zur gleichen Zeit – überschreitet aber nie die Grenze zwischen sängerischer Berufsaufübung und Leben. Beim im Prinzip großartigen Paterson ist die vom ersten bis zum letzten Ton fließend. Er singt einen verzagten, einen suchenden, einen zutiefst menschlichen Holländer. Aber er singt ihn auch mehr als nur ein wenig verschnupft und ermattet. Es sei ihm verziehen nach Jahrhunderten auf See, unterbrochen nur von einem Landgang alle sieben Jahre, bei dem es offenkundig nie Zeit gab für ein heißes Bad oder wenigstens einen Klamottenwechsel.

Prachtvoller Chor

Macht nichts, der Chor sieht schließlich ebenso abgeranzt aus – singt aber exzellent. Thomas Eitler-de-Lint hat aus seinen Damen und, mehr noch, den Herren alles herausgeholt, was diese Choroper hergibt. Der Spinnerinnenchor am industriellen Großgerät, das Dijkema auf die Bühne stellte, klingt sogar diesseits der ironischen Brechung prachtvoll. Der Matrosenchor ist ohnehin eine sichere Bank, und beider Wechselgesang im letzten Aufzug greift dem Zuhörer mit im Wortsinne schauerromantischer Stringenz klangstark an de Gurgel.

Enttäuschendes Gewandhausorchester

Das tut das Gewandhausorchester auch. Im Prinzip und immer wieder. Aber unterm Strich ist die Leistung im Graben dennoch als Enttäuschung zu verbuchen. Denn das älteste bürgerliche Orchester der Welt war auch auf dieser Seite des Augustusplatzes schon sehr viel weiter – zumal bei Wagner. Das liegt zum einen an der kühn auf Extreme setzenden „Holländer“-Ästhetik des Generalmusikdirektor-Intendanten Ulf Schirmer, dessen kraftvolles Chiaroscuro aufgehen könnte, würde das Orchester ihm die Präzision liefern, derer es bedarf, um eine solche recht handfeste Ästhetik mit Leben zu füllen – oder wenigstens beeindruckend klingen zu lassen. Doch dafür bleiben im Zusammenspiel zu viele Fragen offen, hängt das rechte Blech den Rest des Orchesters in dynamischen Belangen zu schnell und zu entschieden ab, passiert nicht nur im linken einfach zu viel für ein Orchester dieses Ranges.

Überrumpelungskraft der Musik und der Bilder

Das ist erstaunlich bis ärgerlich, wird aber dem Erfolg dieses „Fliegenden Holländers“ keinen Abbruch tun. Denn erstens wird sich das im Laufe der kommenden Vorstellungen zurechtruckeln, und zweitens ist die Überrumpelungskraft der Musik und der Bilder, die Dijkema dazu fand, so unwiderstehlich, dass ein großer Teil der knapp drei Bruttostunden wie im Flug vergeht. Trotzdem schade, dass Dijkema für seine so klugen Gedanken zur Romantik keine Theater-Übersetzung gefunden hat, was sie letztlich unerlöst im luftleeren Raum über diesem „Holländer“ schweben lässt. Vielleicht ist dies der Grund für die nicht sehr zahlreichen, aber ziemlich engagierten Buhs fürs Regieteam. Die anderen Beteiligten können sich zufrieden im lautstarken Jubel sonnen.

Vorstellungen: 22. April, 12., 17., 30. Mai, 10. Juni, 10., 17. Oktober, 2., 24. November. Karten (15–78 Euro) erhalten Sie u.a. bei der Ticketgalerie im LVZ Foyer, Peterssteinweg 19, im Barthels Hof, Hainstr. 1, in unseren Geschäftsstellen, über die gebührenfreie Ticket Hotline 0800 2181050 unter www.ticketgalerie.de oder an der Opernkasse sowie unter Tel. 0341 1261261.

Von Peter Korfmacher

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