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16:57 02.11.2018
Zwischen natürlicher Freundlichkeit und sexy Koketterie: Glasperlenspiel-Sängerin Carolin Niemczyk, 28. Quelle: Christian Modla
Leipzig

Die 90er sind zurück. Wer das bisher nicht gemerkt hat, konnte es Donnerstagabend beim Tourauftakt von Glasperlenspiel erleben. Im Haus Auensee tänzelt Sängerin Carolin Niemczyk in Adidas-Jogginghose mit Knopfleiste und Plateausneakers auf die Bühne und gesteht später: „Die Schuhe muss ich erst noch einlaufen.“ Leipzig ist die erste Station auf der Tour zum neuen Album des in Berlin lebenden Pop-Duos, das von Niemczyks Partner Daniel Grunenberg komplettiert wird. Nicht-Fans könnten Glasperlenspiel durch solide Chartplatzierungen, Niem­czyks Jury-Mitgliedschaft bei „Deutschland sucht den Superstar“ oder die aktuelle Version des „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“-Titelsongs bekannt sein.

Das Pop-Duo Glasperlenspiel war zum Tourauftakt am Donnerstagabend im Leipziger Haus Auensee.

An diesem Abend platzt die Halle nicht aus allen Nähten, ist aber ordentlich gefüllt mit einem gut durchmischten Publikum, in dem Pubertierende, Mittvierziger-Paare und auch die eine oder andere ältere Dame Platz finden. Während die Vorband Kuult noch etwas humorlos um Ruhe im Publikum bitten muss („wenigstens für die, die es hören wollen“), steigen Niemczyk, Grunenberg und die mitgebrachte Live-Band (Bass: Marcus Vieweg, Gitarre: Nico Schliemann, Schlagzeug: Bene Neuner) gleich fulminant mit aufwendiger Lichtinszenierung, durchgestylten Visuals und Bühnennebel ein. Dann eine Explosion: Goldglänzende Luftschlangen ergießen sich über die Menge. Diese findet’s toll. Schon mit den ersten beiden Songs ziehen die Musiker das Publikum auf ihre Seite, wo es für den Rest des Abends bleibt.

„Willkommen zurück“ erzählt vom Wiedersehen mit Freunden und scheint wie für die Leipziger Fans geschrieben. Niemczyk gesteht ihre Aufregung am Touranfang, der enthusiastische Empfang beruhigt sie sichtlich. Sie belohnt ihn mit Charme, der zwischen natürlicher Freundlichkeit und sexy Koketterie angesiedelt ist. Das kommt ziemlich gut an: „Sie hat mich die ganze Zeit so süß angelächelt“, sagte eine junge Zuhörerin nach dem Konzert. Das Schwanken zwischen Inszenierung und Authentizität ist prägend für den Abend: Einerseits dreht sich ein Großteil der Songs darum, „man selbst“ zu sein, zu sich zu stehen („Ich bin ich“, „Weil es echt ist“). Es geht um das, „was wirklich wichtig“ ist – Zeit mit Freunden zu verbringen, mal das Smartphone wegzulegen. Auf der anderen Seite werden dabei textlich viele Klischees bedient und ist die Show bin ins Kleinste kontrolliert.

„Nächte ohne Fotos“ sind die besten

Gemeinsam „die Sau rauszulassen“, wie Niemczyk es ankündigt, heißt dann eher, gemeinsam einen Tanzschritt einzuüben. Dieser ergibt vor allem auf dem Video, das die Sängerin selbst während des Konzerts dreht, ein schönes Bild für Instagram und Co., ebenso wie die „Kiss Cam“, die Paare aus dem Publikum mit einem Herz rahmt. Diese Präsenz von Social Media während eines Live-Auftritts führt ad absurdum, was noch ein Song kurz zuvor beschworen hatte: Dass „Nächte ohne Fotos“ die besten seien. Nicht zuletzt dieser Bruch lässt Zweifel an der beschworenen „Echtheit“ aufkommen. Und setzt unfreiwillig das Grundmotiv des neuen Albums fort: Wie „Licht & Schatten“ gehören eben auch Echtheit und Falschheit zusammen …

Musikalisch sind Glasperlenspiel weniger ambivalent, dafür am Zahn der Zeit, indem sie Dub-, Dancehall- und Hip-Hop-Anklänge in ihren aktuellen Sound integrieren. Ansonsten bleiben sie sich treu mit eingängigen Melodien und 4-to-the-floor-Beats, die manchmal arg nach Dorfzelt klingen: technisch gut gemachter Charts-Pop, der auch schon Helene Fischer als Live-Support dienen durfte. Lobenswert ist der glockenhelle Gesang Niemczyks, die stimmlich gut in Form ist und darin beinahe noch von ihrer hervorragenden Background-Sängerin Silvia Dias übertroffen wird (lustiger Kommentar von Niemczyk: „Sie kann so hoch singen, dass es nur Fledermäuse hören“). Auch das Publikum singt gern, oft und textsicher mit, manchmal wie bei „Du bist“ auch einfach weiter, obwohl der Song schon vorbei ist. „So schön“ und „unglaublich“ finden das Grunenberg. Zweifellos: ein „echter“ Moment.

Von Eva Finkenstein

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