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11:55 23.09.2018
Mitreißend anders: Die YeoMen feierten in der Moritzbastei im Grunde Kindergeburtstag – mit künstlerischem Anspruch.
Mitreißend anders: Die YeoMen feierten in der Moritzbastei im Grunde Kindergeburtstag – mit künstlerischem Anspruch. Quelle: Dirk KNofe
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Leipzig

Nicht, dass es in der Moritzbastei fehl am Platz wäre, aber ein paar Besucher wundern sich schon, warum sie beim Eintritt in den Club am Samstagabend plötzlich live gespielte Instrumente hören. Zwar wollen sie zu einem Konzert, allerdings zu einem rein mundgemachten: YeoMen, die selbsternannten Extrem Acappella Anarchisten aus Berlin, haben mal wieder den Weg nach Leipzig gefunden.

Aber so vielfältig wie die anschließende Samstagsdisko „all you can dance“ präsentiert sich die Moritzbastei am Samstag schon mit ihrem Live-Programm: Die Instrumentenklänge kommen aus der Ratstonne von den Norweger Indie-Daze-Pop-Newcomern Great News, die nicht nur mit ihrer Neon-Licht-Dekoration reichlich 80er Flair versprühen.

YeoMen sind ein paar Meter weiter in der Veranstaltungstonne zu finden, die mit Stuhlreihen und Stehtischen zunächst recht gediegen wirkt. Dies jedoch hält nicht lange vor, denn gleich zu Beginn proben die Berliner Vokal-Virtuosen mit blinkenden LED-Brillen den Technoaufstand.

Die Liste ihrer bisherigen Erfolge und Engagements klingt vielversprechend: Zahlreiche Wettbewerbspreise, Vorband der Ärzte, Weltrekordhalter im Acappella-Techno-Nonstop (über sechs Stunden ohne Pause), Botschafter bei Rock gegen Kinderarmut, Paten von Schule ohne Rassismus. Erreicht haben sie das Ganze mit handwerklich beeindruckendem Können und einer guten Portion Aberwitz, die Vorbilder wie die Prinzen oder die Wise Guys eher poppig-leicht oder gar etwas bieder wirken lässt. Ganz so viel Anarchie und Chaos, wie die Band propagiert, ist im Publikum zunächst nicht zu finden, dieses lässt sich aber vom Spaß, den das Quintett allein an sich selbst hat, schnell aus der Reserve locken.

Zwischen die an sich schon lustigen eigenen Lieder und durchgeknallten Coverversionen mischt sich reichlich Albernheit und Selbstironie in Form von langen Ansagen, bei denen spätestens klar wird, dass es bei YeoMen keinen Frontmann gibt und sich entsprechend auch der ausgestoßene Quatsch fünffach potenziert.

Musikalisch packen sie unter der Diskokugel mal Boyband-Charme aus, dann wieder rummst der Elektro-Schlager oder pop-leiern die Autotunes. Ihr Hit Bäm! könnte genauso gut ein Partykracher von Deichkind sein und selbst Rammstein findet sich mundgerecht aufbereitet. Denn auch hinter der wüstesten Soundeskapade steckt immer nur Stimme, lediglich mithilfe einer Loopstation wird der eine oder andere Vokalbeitrag vervielfältigt.

Zum Mundgemachten sortiert sich sympathisch Handgemachtes. Besprühte Jacken, LED-Basteleien, Knicklichter, Seifenblasen, Luftballons, Konfetti: Im Grunde ist das ganze Konzert ein großer Kindergeburtstag mit künstlerischem Anspruch. Hat es vorher schon, in Form von Konfetti, 500-Euro-Scheine und Einhörner geregnet (jeweils unecht natürlich...), wird gegen Ende noch ein Weihnachtslied intoniert, was angesichts des noch zum Abschied winkenden Sommers draußen nun wirklich etwas durchgeknallt wirkt.

Von Karsten Kriesel

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