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Kultur Regional Moderner denn je: Ausstellung für den legendären Möbeldesigner Rudolf Horn
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09:45 27.08.2019
Möbeldesigner Rudolf Horn (90) in seiner Ausstellung „Rudolf Horn - Wohnen als offenes System" vor einer Schrankwand aus dem Möbelprogramm Montagemöbel der Deutschen Werkstätten (MDW). Quelle: Sebastian Kahnert/dpa
Dresden

Von Rudolf Horn, im Juni 90 Jahre alt gewordener Designer und Möbelerfinder, gibt es die folgende Anekdote: Bei einem Besuch im Leipziger Grassimuseum setzte er sich auf ein Ausstellungsstück: auf den berühmten Barcelona-Chair des Kollegen Ludwig Mies van der Rohe (1886–1969).

Und er befand beim – freilich unerlaubten – Probesitzen, dass der Freischwinger gar nicht so schwingt, wie er sich das vorgestellt hatte. „Er leistete mir Widerstand“. Der damals noch junge Gestalter macht schnell die Ursache aus: der gekreuzte Bandstahl der Füße.

„Wenn ihr nicht mehr weiter wisst, seid frech ...“, hat der Möbeldesigner Rudolf Horn den Ausstellungsmachern mit auf den Weg gegeben. Frech war der heute 90-Jährige selbst, als er Ludwig Mies van der Rohes Barcelona-Chair verbesserte. Jetzt sind Horns Kultklassiker im Schloss Pillnitz zu sehen.

Und so begann Rudolf Horn zu tüfteln, gab seinem Clubsessel schließlich eine Z-förmige Unterkonstruktion, die wie eine Feder wirkt. Dieser 1966 entworfene Freischwinger aus schwarzem Leder und Edelstahl ist nun in der Ausstellung „Rudolf Horn – Wohnen als offenes System“ zu sehen, mit der das Dresdner Kunstgewerbemuseum im Schloss Pillnitz den Designer ehrt.

Sein Sessel wurde bis 1991 produziert und erlebt inzwischen eine Neuauflage, wird in limitierter Zahl wieder hergestellt. Das Original wird bei Ebay für bis zu 3000 Euro angeboten. Interesse gebe es auch an Hocker, Zweisitzer und Liege.

Offene Gestaltung im geschlossenen System

Das imponiert auch Marion Ackermann, Generaldirektorin der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden. Sie lässt es sich nicht nehmen, die Ausstellung im Bergpalais von Schloss Pillnitz zu eröffnen.

Ackermann nennt Horn „einen großen deutschen Designer“ und verweist auf die Besonderheit, dass im geschlossenen System DDR ein offene gestalterische Arbeit wie die von Horn und weiterer Protagonisten möglich war. Die Rede ist auch von vor 50 und mehr Jahren erdachten Visionen, die zum Teil Realität werden konnten – und jetzt sogar moderner denn je erscheinen.

Der Ausstellungsrundgang führt über die Beschäftigung des Designers mit Bauhaus und Klassischer Moderne zu Projekten wie der zum Kultklassiker gewordenen MDW-Wand.

„Open Design“

Was der seit Jahrzehntenin Leipzig-Gohlis lebende und lange Zeit an der Kunsthochschule Burg Giebichenstein in Halle lehrende Design-Professor entwickelte, ist in zeitgenössischer Deutung bekannt unter Schlagworten wie „Open Design“ und „Prosument“, dem selbst- oder mitproduzierenden Konsumenten.

Der DDR-Möbeldesigner Rudolf Horn feierte seinen 90. Geburtstag. Er ist der Vater der Hellerauer Möbelserie MDW.

„Für wen willst du das machen?“, lautete für Rudolf Horn eine der wichtigsten Fragen seiner Arbeit. Das erfolgreichste Produkt des 1929 in Waldheim Geborenen waren jene Montagemöbel der Deutschen Werkstätten Hellerau (MDW), die er 1967/68 gemeinsam mit Eberhard Wüstner in seinem Leipziger Atelier konzipiert hatte.

MDW-Klassiker

Die beiden Gestalter entwickelten ein modulares Möbelprogramm, das 1968 in Produktion ging und fast 30 Jahre hergestellt wurde. MDW sollte nicht als fertiges Möbel, sondern als variabel-funktionales Baukastensystem den individuellen Bedürfnissen zur Verfügung stehen.

So wurde der Begriff vom „Nutzer als Finalisten“ zu einem weiteren Leitmotiv für Horns Schaffen. Auch in der Ausstellung können Besucher eigene Raumkonzepte anlegen, wie Museumsdirektor Thomas Geisler zur Eröffnung sagte.

„Als ich das erste Mal meine Ausstellung betrat, hatte ich Herzklopfen“, erzählte Horn jetzt in Dresden. „Die Gestaltung der Schau stammt ja nicht von mir, sondern vom Team des Museums. Ich habe nur meine Zeichnungen, Skizzen, Dokumente geliefert und gesagt: Wenn ihr nicht mehr weiter wisst, seid frech ... Mit Kenntnis der Ausstellung sage ich: Was ich damals tat, hat auch heute Bestand.“

Wartburg-Designer zu Gast

Unter den ersten Gästen war am Freitag auch der in Chemnitz lebende Clauss Dietel (84), eine weitere Gestalter-Größe. Er entwickelte die Form des Pkw Wartburg mit, und für Simson Suhl erdachte er Zweiräder, die, so weiß er, nun sogar wieder mehr auf den Straßen unterwegs seien als vor 30 Jahren.

Horn und Dietel sind sich einig: „Wenn von der deutschen Nachkriegs-Moderne gesprochen wird, dann muss man ehrlicherweise auch sagen, dass es eine Ost-Moderne gab.“

Öffnungszeiten und Begleitprogramm

Die Ausstellung „Rudolf Horn – Wohnen als offenes System“ ist bis 3. November im Dresdner Kunstgewerbemuseum zu sehen, Schloss Pillnitz, August-Böckstiegel-Straße 2.

Geöffnet: täglich 10 bis 18 Uhr, dienstags geschlossen.

Eintritt: 8 Euro, ermäßigt 6 Euro, Kinder und Jugendliche (unter 17) frei.

Öffentliche Führungen: 7. und 28. September sowie 26. Oktober, jeweils 14 Uhr.

„Gipfeltreffen der Formgestalter“ Rudolf Horn und Clauss Dietel im Gespräch über die „Ostmoderne“: 25. September, 19.30 Uhr in den Deutschen Werkstätten Hellerau, Moritzburger Weg 68

Buchvorstellung „Ostmoderne – Westmoderne“ mit anschließendem Ausstellungsrundgang gemeinsam mit dem Gestalter Rudolf Horn und dem Autor und Designtheoretiker Walter Scheiffele: 12. Oktober, 14 Uhr, im Kunstgewerbemuseum.

Vom 24. November bis 22. März wird die Ausstellung im Deutschen Stuhlbaumuseum Rabenau gezeigt, geöffnet: Di–Do 10–16 Uhr, Fr 10–14 Uhr, So 13–17 Uhr; Lindenstraße 2 in Rabenau

Von Thomas Mayer

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