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Kultur Regional Moritz Sostmann inszeniert Brechts „Der gute Mensch von Sezuan“ im Schauspiel Leipzig
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16:57 24.11.2019
Der gute Mensch von Sezuan Bertolt Brecht Musik von Paul Dessau Bearbeitet von Philipp Pleßmann Neuerarbeitung einer Inszenierung des Schauspiel Köln Regie: Moritz Sostmann Regie: Moritz Sostmann Bühne: Christian Beck Kostüme: Theresa Mielich, Elke von Sivers Musikalische Leitung: Philipp Pleßmann Puppenbau: Atif Hussein, Franziska Müller-Hartmann Dramaturgie: Marleen Ilg Auf dem Bild: Magda Lena Schlott, Brian Völkner (hinten), Daniela Keckeis, Johannes Benecke, Philipp Pleßmann, Andreas Dyszewski Quelle: Rolf Arnold
Leipzig

2013 gab es diese Inszenierung schon einmal, damals im Schauspiel Köln: „Der gute Mensch von Sezuan“ in der Bearbeitung von Philipp Pleßmann, die jetzt als „Neuerarbeitung“ etikettiert auch in Leipzig zu sehen ist. Am Samstag hatte das Stück im ausverkauften Schauspiel Premiere. Die Regie lag wie schon bei der Kölner Variante in den Händen Moritz Sostmanns. Der somit nach dem damaligen Strickmuster diese damals von der Kritik hochgelobte Inszenierung noch einmal strickte. Oder wie es auf der Webseite des Schauspiels heißt: „Das Team der Kölner Inszenierung leitet an, das Ensemble des Schauspiels Leipzig übernimmt.“

Klassenkämpferisch den Marsch blasen

Was irgendwie nach Aufbau Ost klingt. Aber natürlich nichts damit zu tun hat. Schon, weil ja Regisseur Sostmann Hallenser ist (Jahrgang 1969) und an der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch Puppenspiel studierte. Und dann sind da ja auch noch der Dramatiker Bert Brecht und der Komponist Paul Dessau, diese Identifikationsfiguren eines Kunstverständnisses, mit dem man einst der kapitalistischen Welt und dem bürgerlichen Kunstbetrieb dialektisch gestählt und klassenkämpferisch motiviert den Marsch Richtung kommunistischer Zukunft blasen wollte.

Ironie der Geschichte

Dass nun auch dieser Marsch Salonmusik wurde, fällt freilich unter die Rubrik „Ironie der Geschichte“. Und in Folge ist es auch genau diese Ironie, die man von einer Inszenierung wie „Der gute Mensch von Sezuan“ noch erwarten darf. Zumal das 1943 am Schauspielhaus Zürich uraufgeführte Werk dafür einige Steilvorlagen bietet.

Goldige Männerphantasie

Das geht schon bei der Hauptfigur los. Bei Shen Te, die als Hure mit dem goldenen Herzen eine so herzig goldige Männerphantasie ist, dass sie allenfalls Sonja aus Dostojewskis „Schuld und Sühne“ toppen dürfte. Bei Brecht ist Shen Te das, wonach in seinem Stück die Götter suchen: Dieser eine gute Mensch, der ihre Schöpfung legitimieren könnte. Klar, so jemand ist schwer zu finden, aber mit Hilfe des Wasserverkäufers Wang gelingt es. Und weil in Brechts materialistischer Welt auch Götter schnöde Materialisten sind, belohnen diese Götter gleich generösen Sparkassenvertretern Shen Te mit einem Darlehn. Zu verzinsen in guten Taten. Was sich in einer Welt, die so ist, wie sie bei Brecht eben ist, als Unmöglichkeit erweist.

Kapitalisten-Alter-Ego

Und weil gute Menschen ja allemal schlechte Menschenkenner sind, ist Shen Tes kleiner Tabakladen den sie mit dem Göttergeld eröffnet, auch bald voll mit all den Schmarotzern, die immer auftauchen, wenn es was zu holen gibt. Und derer Shen Te nur noch in Form eines Gestaltenwandels, nun ja, Herr zu werden vermag. Mit der Schöpfung eines Alter Ego namens Shui Ta, der Maskerade eines kalten Kapitalisten.

Sostmann bettet diese Handlung in eine Kulisse, die nicht nur einen imposanten Blick in ein Setting eröffnet, das zwischen Asia-Markt-Großhandels- und Fabrikhalle changiert (Bühne: Christian Beck), sondern sich immer wieder clever zu jenen kleinen Spielflächen komprimiert, derer es bedarf, wenn man dieses brechtsche Personal in einem Puppenspiel zum Leben erwecken will.

Erstaunlich lebendig

Was das Stichwort ist: Dieses Personal nämlich, es wirkt erstaunlich lebendig. Was bei diesem Mustermaß-Stück epischen Lehrtheaters schon mal eine respektable Leistung ist. Die verdankt sich hier just all den Puppen, die von der lebensecht anmutenden Nachbildung Shen Tes oder Wangs, hin zu einem zottlig albernen Haufen reichen, an dem auch Muppets-Schöpfer Jim Henson seinen Spaß gehabt hätte. Abgesehen davon, dass hier dessen Oskar aus der Mülltonne ein Verwandter aus Sezuan grüßt. Eine reizende Referenz (Puppenbau: Atif Hussein, Franziska Müller-Harmann), die sich darin verstärkt, dass sich dieses ganze Lumpenproletarier-Puppenpack aus einem Müllcontainer zwängt.

Traumschöner Moment

Das ist ein schöner Kontrast zu Shen Tes Eleganz. Angetan in einem jener eng hochgeschlossenen Etuikleider, die schon den Frauen in Wong Kar Wais Film „In the Mood for Love“ diese hypnotische Mischung aus Verführung und Distanziertheit verliehen, darf Shen Te auch prompt noch den passenden Tanz dazu wagen. Auf einem Fließband, zum traumschönen „Yumeji’s Theme“ aus „In the Mood for Love“. Ein traumschöner Moment.

Wie für Puppen geschrieben

Einer, an den man mit den Stücken Paul Dessaus nicht mehr heranreicht. Minimalistisch werden die geboten, in bewusst wackliger Schräglage arrangiert. Das hat eine Wirkung ähnlich der, wie das Pupen- und Figurenspiel des sechsköpfigen Schauspielerensembles: Unmittelbar im Gestus, handwerklich nicht immer perfekt, aber gerade darin passend. Denn diese Puppen-Verfremdung lässt Brecht, inklusive der Phrasen so mancher seiner Textsentenzen wirken, als hätte der ohne es zu wissen schon immer für Puppen geschrieben.

Unvermeidliche Längen

Dass sich Längen in Sostmanns Inszenierung finden, ist dennoch unvermeidlich. Eine Parabel von gut drei Stunden (Päuschen inklusive) ist eine verdammt lange Parabel. So wie dann die Lieder im Stück extra noch mal Parabeln in der Parabel sind. Was diese Inszenierung ihrerseits wirken lässt, wie eine Parabel über das Ende der Parabeln. Worin dann wieder die Ironie der Geschichte liegt: Was bleibt, ist Salonmusik mit Puppen.

Aufführungen: 7., 19. Dezember, 11. Januar, 1. Februar, 12. März; Karten und Infos gibt es unter anderem in der Ticketgalerie Leipzig (LVZ-Foyer, Peterssteinweg 19; Barthels Hof, Hainstraße 1), unter der gebührenfreien Telefonnummer 0800 2181050, unter Tel. 0341 1268168 und an der Schauspiel-Kasse

Von Steffen Georgi

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