Menü
Leipziger Volkszeitung | Ihre Zeitung aus Leipzig
Anmelden
Kultur Regional Musik gewordener Splatterfilm – Slayer zum letzten Mal in Leipzig
Nachrichten Kultur Kultur Regional Musik gewordener Splatterfilm – Slayer zum letzten Mal in Leipzig
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
12:37 14.06.2019
Teuflischer Abend: die kalifornische Trash-Metalband Slayer spielte auf ihrer Welt-Abschiedstour in der halbvollen Arena Leipzig. Quelle: Thomas Kube
Leipzig

Lebe schnell, sterbe jung. Beim alten Rock ’n’ Roll-Mantra trifft auf Slayer nur der erste Teil zu: Schnell sind sie, dürften allein in einem Konzert mehr Gitarrenanschläge ansammeln, als alle Fernsehgarten-Kuschelrocker der letzten Jahre zusammen. Auch die Gesamterscheinung des Kalifornier Quartetts ist dem Klischee des wilden Rockerlebens zuträglich.

Mit 37 Bandjahren wiederum sind sie fast biblisch alt. Auch mit ihrer 2018 angekündigten Auflösung beweisen sie einen langen Atem: Aktuell befinden sie sich auf Teil Sechs der abschließenden Welttournee, der sie am Donnerstag letztmalig nach Leipzig brachte.

Demnächst aber wird Schluss sein. Zu schwer wirkt etwa der Alkohol-Tod von Gründungsmitglied und maßgeblichem Songwriter Jeff Hannemann 2013 nach, auch wenn dieser es mit 49 nicht in den berühmten Club 27 geschafft hat.

Fehlendes Dämmfleisch

Vor der Bühne macht am Donnerstagabend ebenfalls das Alter nicht halt: Zwar dürfte es auch kaum einen Nachwuchs-Metaller ohne Slayer-Aufnäher an der Kutte geben, doch das überwiegend männliche Publikum sortiert sich zu großen Teilen in die Schublade 40 Plus.

Slayer treten als erste Band der sogenannten „Big Four“ des Thrash-Metal ab, der sich Anfang der 80er Jahre anschickten, unter dem Einfluss von Hardcore und Punk dem zunehmend ausschweifenden Heavy Metal das Pathos zu rauben und durch neue Härte, Akzente und Schnelligkeit zu ersetzen. Mit Metallica letzten Frühling in der Arena, Megadeaths Open Air-Auftritt im Sommer und der Einladung Slayers an Anthrax, ihre Show zu eröffnen, hatte Leipzig innerhalb eines Jahres alle Vier bei sich zu Gast.

Beim Anblick der nur etwa halbvollen Arena möchte man zwar einige Superlative über Slayer relativieren, aber der Energie auf beiden Seiten der Bühne wird der Füllstand am Ende wohl kaum einen Abbruch tun, bestenfalls leidet ein wenig der Sound ob des fehlenden Dämmfleischs.

Die Backing Vokals übernimmt das Publikum

Statt eines Intros läutet Iron Maidens „Number of the Beast“ den teuflischen Abend stilecht ein, hernach knüppeln Anthrax los. Gründungsvater Scott Ian legt seine typisch punkige Bewegungsfreude an den Tag, auch im Publikum üben sich die ersten in Metal-typischer Spring-Ringelei.

Der direkte Vergleich wenig später zeigt jedoch klar, warum Slayer immer noch als eine der härtesten, schnellsten und kompromisslosesten Bands des Genres gelten.

Auf dem Bühnenvorhang drehen sich große Kreuze langsam in ihr satanisches Gegenteil, bevor die drittletzte Deutschlandshow mit dem Titeltrack ihres letzten Albums „Repentless“ losdonnert. Sofort ist auch mehr Bewegung im Publikum, und auf der Bühne reicht ein Mikrofon für Sänger Tom Araya völlig aus: Die Backing Vokals übernimmt das frenetische Publikum.

Krieg, Tod und Teufe

Von neueren Songs geht es bald zurück zu ihrem wegweisenden 86er Album „Reign in Blood“ und in der Folge quer durch die Karriere aus 12 Studioalben.

Nicht nur den Hintergrund zieren große satanische Schlachtengemälde, auch durch die Musik ziehen seit jeher Krieg, Tod und Teufel. Ihre Anleihen an die NS-Zeit wirkten in den 80ern noch provokant. In Zeiten jedoch, in denen Wacken auf Arte läuft, hat man gelernt, dass Metal eher zu lesen ist, wie ein Musik gewordener Splatterfilm, wahlweise ein Tableau von Bosch oder Bacon.

Ebenso wenig wie ihre Musik Balladen kennt, halten sich Slayer mit verbalen Sentimentalitäten auf. Die aus markanten Hooklines gezimmerten Gitarrenbretter und Knüppelorgien werden durchschnitten von Arayas wütendem „Gesang“ und Kerry Kings rasend daherqietschenden dissonanten Soli. Flammen schießen aus allen Richtungen, formen zwischenzeitlich ebenso umgedrehte Kreuze.

Ohne Schnickschnack wie Zugaben geht das Konzert nach anderthalb Stunden zu Ende. Ein letztes Mal stellen sich King und Araya an die Rampe, und in Arayas Blick und abschließendem „I’ll miss you guys“ meint man dann doch noch so etwas wie Rührung zu erkennen.

Von Karsten Kriesel

Kommentare 0 Nutzungsbedingungen
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Herrlich unaufgeregt und beeindruckend kraftvoll: Die 82-jährige Country-Legende Kris Kristofferson hat am Donnerstag auf der Clara-Parkbühne gespielt.

14.06.2019

Auf dem diesjährigen Musikfestival werden 160 Veranstaltungen rund um den „Hof-Compositeur Bach“ geboten. Die gute Nachricht: Für einige gibt es sogar noch Karten.

13.06.2019

Friseure gehören zu den wenigen, denen künstliche Intelligenz noch nicht die Arbeit wegnehmen kann. Warum das so ist, sieht man an Friseurin Altdorf, die im Zentrum des neuen Solos von Kabarettistin Anke Geißler steht. Ab 14. Juni ist „Unter der Haube“ im Academixer-Keller zu sehen.

13.06.2019