Musiktheater neu gedacht: „Schatz und Schande“ im Mendelssohn-Saal
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Musiktheater neu gedacht: „Schatz und Schande“ im Mendelssohn-Saal

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12:37 16.07.2021
Milena Gürtler (l.) als Kerstin und Kay Liemann (r.) als Christian führen durch die Vereinsfeier.
Milena Gürtler (l.) als Kerstin und Kay Liemann (r.) als Christian führen durch die Vereinsfeier. Quelle: André Kempner
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„Auf Opern von bekannten, alten Herren verzichten wir bewusst und gern“, heißt es im Programmheft zu „Schatz und Schande – Eine Volkslieder Theaterrevue der Liebe“. Die Revue war am Donnerstagabend im Rahmen von „Leipzig klingt weiter“ im Mendelssohn-Saal zu Gast, und das neue Produktionsteam „Schatz und Schande“ zeigte mit ihrer ersten Inszenierung, wie Musiktheater neu und anders gedacht werden kann – nämlich beißend schwarzhumorig und vielschichtig.

Jahresfeier des Heimatvereins Rietznizsch

Sieben bekannte Volkslieder hat Komponist Philipp Rücker in moderne Arrangements gekleidet und in eine von Anfang an vielversprechende Rahmenhandlung gesteckt: Der fiktive Heimatverein Rietznizsch e.V. richtet seine beliebte Jahresfeier aus. Kay Liemann als Vollblutvereinsmitglied Christian und Milena Gürtler als Kneipenwirtin Kerstin leiten durch den Abend und haben sich dazu eine Reihe von Sketchen und Einlagen überlegt, werden begleitet von den „Elstertaler Musikanten“. „Die Kerstin“ und „der Christian“ treten auf die Bühne, in angetrachtelten, bisweilen bewusst schlecht sitzenden Kostümen, nun doch etwas nervös vor dem großen Abend.

Publikum wird zum Vereinsmitglied

Schon die Begrüßung zeichnet in Regie und Dramaturgie von Leonie Sowa ein herrlich parodistisches Bild, das sich so in unzähligen Vereinsheimen abspielen könnte – Floskeln, Hülsen, krampfige Witze. Kay Liemann und Milena Gürtler haben den Text selbst geliefert, in so feinen Nuancen, dass manchmal die Grenze zwischen Spiel und Ernsthaftigkeit zu verschwimmen scheint. Das Publikum verwandelt sich in Mitglieder des Vereins, gefangen zwischen absoluter Belustigung und unangenehmer Berührtheit, weil die Spitzen gegen die Vereinsmeierei punktgenau sitzen.

Große Gesten, Schmalz und hölzerne Choreo

Allein die Höhepunkte des vergangenen Vereinsjahres, die Christian so stolz aufzählt, werden aus dem Publikum mit Kichern quittiert: das Seifenkistenrennen, der Maibaumdiebstahl – oh und natürlich die Weihnachtsfeier. Zwinker, zwinker. Traurig und wütend sind die beiden Moderierenden, weil das Vereinsheim gebrannt hat. Aber es erstrahlt in neuem Glanz – schließlich sind sie alle „ein Verein“! Haben die „Elstertaler Musikanten“ den Abend mit einem Prosit eingeläutet, übernimmt Milena Gürtler die erste Gesangseinlage: die Lorelei. Andrea Berg wäre hingerissen – vom Arrangement im Schlagerstil bis zu Gürtlers Interpretation voller großer Gesten, Schmalz und hölzerner Choreografie, mit wehendem goldenen Haar. Das alles kann Gürtlers gut sitzende Stimme nicht verstecken, die feine Höhe und die geschmeidige Mittellage.

Anzüglichkeiten und die personifizierte Jagdwurst

„Es geht natürlich genau so schön weiter“, verspricht Christian, der in der zurückliegenden Wahl ganz knapp am Posten des Vorstandsvorsitzenden vorbeigeschrammt ist – „nochmal nachträglich alles Gute für Dr. Matthäus Hüberle, das war ja ein knappes Ding zwischen uns“.

Milena Gürtler singt, die Band spielt. Quelle: André Kempner

An Höhöhö-Anzüglichkeiten kommt die Vereinsfeier nicht vorbei und sie manifestieren sich unter Kerstins Gürtellinie in „Horch was kommt von draußen rein“. Ganz langsam werden die Einlagen skurriler, verstörender. Milena Gürtler als Kerstin als Jagdwurst beklagt ihre schwindende Präsenz auf heimischen Abendbrottellern, verjagt von Tofuwürstchen und Seitandönern. „Guter Mond“ krönt die Szene. Hier glänzt Felix Klinger an der Violine, liefert eine beeindruckende Improvisation im E-Gitarren-Sound.

Geradewegs auf die Katastrophe zu

Nach dem Pauseneinschnitt wendet sich das Blatt. Kerstin und Christian lassen bei einem Bier und ein paar Kurzen raus, was sie eigentlich bewegt. So gut kann Christian doch nicht mit dem neuen Vorstandsvorsitzenden, Kerstin ist allgemein frustriert. Und plötzlich verschwindet die Fassade, Abgründe tun sich auf, und die Vereinssitzung rutscht in eine Talfahrt, steuert geradewegs auf eine Katastrophe zu. Kay Liemann wechselt vom nervösen, stotternden Aufopferer zum rasenden Wüterich. Zwei Plottwists rücken das Gesehene in ein ganz anderes Licht, getrennt vom etwas aus dem Hut gezauberten Entweder-Oder-Spiel „Schatz oder Schande“, das die einzige Länge des Abends kreiert. Der zweite Wendepunkt mit Aha-Effekt lässt das Lachen entweder im Hals stecken – oder umso lauter herausplatzen.

Diese Volkslieder-Theaterrevue soll den Beginn einer Reihe von neuen Inszenierungen markieren und es kann gerne so weitergehen – vielleicht vor mehr Publikum als im locker besetzten Mendelssohn-Saal.

„Schatz und Schande – eine Volkslieder-Theaterrevue der Liebe“; 22. 07. 20 Uhr, Sommerbühne des OPT, Dresdener Str. 82., Karten unter schatzundschande.de.

Von Katharina Stork