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Kultur Regional Nach über 30 Jahren endlich veröffentlicht: „Rubberband“ von Miles Davis
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11:03 05.09.2019
Miles Davis im Jahr 1987 Quelle: Ap Photo
Leipzig

John Coltrane, Bill Evans, Eric Dolphy oder Jimmy Giuffre: In jüngster Zeit bilden erstaunliche Erstveröffentlichungen der Giganten ein gutes Medium, die Maßstäbe im Jazz hoch zu halten. Archivschätze als Vergewisserungshilfen, Orientierungsmarken und Blicke zurück nach vorn. Dass nun auch eine bis dato unbekannte Miles-Davis-CD auftaucht, war nicht zu erwarten und ist zunächst einmal ohne Wenn und Aber zu feiern.

Lag drei Jahrzehnte lang fast fertig in den Archiven; Rubberband Quelle: Rhino/Warner Music

Näher am Pop

Es war in der Mitte der 80er, als der Trompeter überraschend das Columbia-Label verließ, das drei Jahrzehnte seine künstlerische Heimat war, und zu Warner Bros. Records wechselte. Er tat es wahrscheinlich, um dem Pop einen Schritt näher zu sein. Miles liebte Popularität und wollte in größerem Rahmen bemerkt werden. Also probte er unter dem Signum „Rubberband“, wobei er sich auch an Scritti Politti, Toto und Prince orientierte. Mit zumeist neuen Musikern und einigen alten Bekannten wie dem Gitarristen Mike Stern oder dem Keyboarder Adam Holzman ging er auf die Spielwiese und experimentierte mit Funk, Soul, Rock, Calypso, Latin und natürlich Jazz. Wobei er bei vielen Stücken die Stimmen von Chaka Khan und Al Jarreau im Kopf hatte. Der große Miles Davis (1926–1991) schielte auf MTV.

Statt „Rubberband“ kam „Tutu“

Die Dinge gediehen weit, doch irgendwie sah Produzent Tommy LiPuma den neuen Star in seinem Stall woanders. Und wahrscheinlich war es dann auch die richtige Entscheidung, dass zunächst das in einer Zusammenarbeit mit dem Bassisten Marcus Miller entstandene, in sich geschlossenere und schlicht überzeugendere Album „Tutu“ erschien im Jahr 1986. Dass aber „Rubberband“ mehr als 30 Jahre in den Archiven schlummerte, ist dennoch kaum nachvollziehbar. Es verblüfft umso mehr, weil 1992 schon posthum „doo-bop“ erschienen war, wobei der HipHopper und Produzent Easy Mo Bee in einem mindestens fragwürdigen Unterfangen Trompetenlinien unter seine Sounds gemischt hatte. In diesem Kontext wirkt „Rubberband“ deutlich organischer.

Alles ist ihm gelungen

Es dokumentiert einen nächsten Schritt im an nächsten Schritten reichen Musikerleben des Miles Davis. „Für mich sind viele alte Jazzmusiker faule Arschlöcher, die an der Tradition festhalten, weil sie zu bequem sind, was anderes zu probieren.“ Er hat in seiner gut 40 Jahre umspannenden Musikerkarriere vieles ausprobiert. Und alles ist ihm gelungen. So ist er innerhalb der Musik des 20. Jahrhunderts zur Ikone geworden, an der sich inzwischen keine Geister mehr scheiden. Zu sehr war er das unverwechselbare Gravitationszentrum, dessen Werk man gar nicht überschätzen kann, weil keiner für so viele Jazzetappen stilbildend war: Bebop, Cool-Jazz, Hard-Bop, Electric-Fusion und später dann eben auch Pop.

Schroffe Arroganz

Auf der einen Seite haben wir die imagesüchtigen Maskeraden hinter großen Sonnenbrillen, hinter Luxus, aufwendig bunten japanischen Designeroutfits, Frauengeschichten und weißen Sportschlitten. Schroffe Arroganz als Signum für den Stolz des Afroamerikaners, der seine Leute suchte und doch immer wieder bei einer europäischen Konzert-Elite landete, die er verachtete, doch deren Geld er brauchte. Darum die legendären Auftritte mit dem Rücken zum Publikum: „Was soll ich denn sonst tun? Etwa lächeln?“

Auf der anderen Seite die Musik. Oder die Musiken. Definitiv keiner hat so unbestechlich die Stile erneuert, war so zuverlässig Anziehungspunkt und Inspiration für seine Zunft und über seine Zeit hinaus. Die Aura des Miles Davis schwebt heute ungebrochen über den Klängen in den weltweiten Clubs der Metropolen.

Chemische Reaktionen

Es ist sein Ton, der sich durch die Dekaden zieht: lyrisch-verhangen und strahlend metallisch, eiskalt und melancholisch, verhaucht, intim und punktgenau, schwebend und doch immer ökonomisch nah am Kern. Trauer, Resignation, Aufruhr und die selbstsichere „Fähigkeit, bestimmte Jungs zu finden und damit eine chemische Reaktion in Gang zu setzen“. Die Jungs waren die besten, aber der Mittelpunkt blieb er. Das ist wieder so und macht die neuen Aufnahmen, durch die oft auch Miles‘ heiser-raue Stimme irrlichtert, so bemerkenswert. Da ist es verzeihlich, wenn die zum Teil um die jeweils einen Auftritt habenden Vokalisten Lalah Hathaway, Ledisi und Randy Hall ergänzten, aber letztlich doch ein wenig angestaubten Stücke eine aufwendige Post-Produktion erfuhren. Es wurden zeitgemäße Drumsounds, Gitarren und Keyboards hinzugemischt, um dem Ursprungsmaterial zu seinem Update zu verhelfen. Und über allem schwebt die Trompete des Meisters: markant und essenziell.

Miles Davis: Rubberband. Rhino/Warner Music

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