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Kultur Regional „Nasenbluten“: Großartiges, sehr persönliches Album von LOT
Nachrichten Kultur Kultur Regional „Nasenbluten“: Großartiges, sehr persönliches Album von LOT
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17:41 16.10.2019
Wieder ein starkes Album: Lothar Robert Hansen alias LOT. Quelle: Foto: Bastian Harting
Leipzig

Was lange währt, sagt das Volk, wird endlich gut. Mag sein. Warum aber währt es oft so lange, bis Gutes vom Volk endlich als solches wahrgenommen wird? Der Wahlleipziger Lothar Robert Hansen ist Musiker, Lyriker und Liederschreiber der Ausnahmeklasse. Vor zehn Jahren schon geriet er mit seiner Band Flimmerfrühstück und deren frischer, glaubhafter, cool angejazzter Liedermacherei ins Rampenlicht. Sie ergatterten gleich mit dem ersten Album einen Majordeal bei Universal, vertraten Sachsen-Anhalt beim Bundesvision Song Contest (Platzierung unter ferner liefen) und räkelten sich lässig auf Herrn Raabs TV-Couch.

Überzeugende Vorgänger-Alben

Doch irgendwie war das Ganze wohl doch zu ambitioniert.LOT machte solo weiter, sein erstes, wunderschönes Video „Nische“, ein Duett mit der zauberhaften Alin Coen, ist bis heute 1,2 Millionen Mal geguckt worden. Er veröffentlichte ein überzeugendes erstes Album namens „200 Tage“ und war damit mindestens genauso lange in aller Auskenner Munde als das „next big thing“ aus Leipzig. Er legte mit„Der Plan ist übers Meer“ überzeugend nach, tourte unermüdlich im Vorprogramm von diversen Megasellern wie alleine und wird heute in einer verschworenen Gemeinde nahezu vergöttert.

Bewegte und schwierige Kindheit

Trotzdem – der Durchbruch in Mehrheitsebenen blieb ihm versagt. Umso bewundernswerter, dass er jetzt, bei seinem dritten Album, erst recht keinen Gedanken auf irgendwelche Kompatibilitäten verschwendet, sondern konsequent in sein innerstes Ich abtaucht und aus seiner Biographie heraus erzählt, wie er zu dem wurde, was er jetzt ist. Als Sohn einer Türkin und eines deutschen Vaters, aber ohne den Hintergrund eines harmonischen Familienlebens, hatte er eine bewegte Kindheit mit vielen geografischen Stationen. Er kennt es, der Neue in der Klasse zu sein: Zu lernen, wieder aufzustehen, wenn man zur Begrüßung erst mal auf die Fresse gekriegt hat. „Keine Angst, das ist nur Nasenbluten. Du musst nicht losgeh’n, einen Arzt zu rufen. Der geht auf mich, doch sie sollten’s nicht noch mal versuchen.“ Toller Titelsong!

Ein Loblied auf die Sturheit

Bei „Weitergemacht“ thematisiert er seinen Weg im Musikbiz. Auch ein Lied vom Immer-wieder-Aufstehen nach geplatzten Träumen, ein lyrisches Lob der Sturheit: „Mich hat der Teufel an den Hörnern gepackt: Ich war nicht nur am Boden, ich war tiefer gesackt. Und trotzdem hab’ ich irgendwie weitergemacht!“

Berührende „Fleischwarenverkäuferin“

Das Schlüsselstück des Albums trägt den schönen Titel: „Fleischwarenverkäuferin“ und ist ein unglaublich berührender Song über seine Großmutter, die ihm Familie war. Ein Nachruf in rückhaltloser Offenheit und lakonischer Poesie, darüber hinaus mit einer schlicht zwingenden Refrain-Hook. Wodurch sich im Übrigen nahezu alle seine Songs auszeichnen. Und auf dem Album gibt’s sogar noch mehr als Musik: Hansen hat zum Hintergrund aller Lieder auch Prosatexte gemacht.

Ein Buch gibt’s dazu

Die haben eine ganz eigene Qualität und sollten allemal ein Grund sein, sich das Gesamtwerk über die Streamingdienste hinaus auch physisch zuzulegen. Zunächst aber sollte man das Büchlein wegzulegen und sich die Lieder anzuhören. Ihre Texte entfalten farbige Breitwand-Filme im eigenen Kopfkino, denen man unbedingt Raum geben sollte, bevor LOTs Prosa die konkreten Untertitel liefert. Wer vorher der eigenen Phantasie eine Chance gab, hat dann einen spannenden Vergleich mit dem realen Hintergrund der Stücke.

Gültig und wahrhaftig

Insgesamt ist „Nasenbluten“ ein gültiges, wahrhaftiges Album eines gültigen, wahrhaftigen Künstlers. Sein tiefstes bisher, vielmehr geht nicht, glaubt man oft beim Hören. Verrückt, dass es so lange dauert, bis das wenigstens qualifizierte Minderheiten erreicht. Die Zeit von Lothar Robert Hansen jedenfalls wird kommen, daran gibt es keinen Zweifel. Es ist ganz und gar unmöglich, an diesen Mann, an seine Lieder und seine Lyrik nicht zu glauben.

www.lotmusik.de

Von Lars Schmidt

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