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Kultur Regional Nicolas Mathieu stellt seinen Roman „Wie später ihre Kinder“ vor
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12:13 17.09.2019
Nicolas Mathieu im Haus des Buches in Leipzig. Quelle: André Kempner
Leipzig

Henri Barbusse, Marcel Proust, André Malraux, Simon de Beauvoir, Romain Gary, Patrick Modiano, Marguerite Duras, Jean Echenoz, Michel Houllebecq – die Liste der Gewinner des Prix Goncourt versammelt das Who’s who der jüngeren französischsprachigen Literatur. Seit 1903 zeichnet er jeden Herbst das beste erzählerische Werk in französischer Sprache aus, weil Edmond de Goncourt das so in seinem Testament veranlasste. Heute wird der Preis in fünf Kategorien vergeben und ist mit 10 Euro datiert, was seinem Renommée nicht den Hauch eines Abbruchs tut. Wer weiß, ob Louis-Ferdinand Céline ein nur halb so großes Scheusal geworden wäre, wenn man ihm nur einmal diesen Preis verliehen hätte.

Nicolas Mathieu: Wie später ihre Kinder, aus dem Französischen übersetzt von Lena Müller und André Hanse, 448 Seiten, 24 Euro Quelle: Hanser

„Wütend und melancholisch zugleich“

Diesen Céline nennt Nicolas Mathieu am Montagabend im gut besuchten Literaturcafé des Haus des Buches eins seiner literarischen Vorbilder, neben Flaubert, Annie Ernaux und Georges Perec. Der 1978 in Épinal geborene Mathieu ist der aktuelle Träger des Prix Goncourt. Mit dem Romanisten und Übersetzer Ralf Pannowitsch und dem Schauspieler Nikolaus Okonkwo stellt er den prämierten Roman „Wie später ihre Kinder“ vor, den Pannowitsch ein Meisterwerk nennt, „wütend und melancholisch zugleich“.

„Alles muss einmal anfangen“

Einen Bildungsroman habe er schreiben wollen, einen über den Niedergang der Industrie und den Schatten, der dadurch auf die Jugend falle. Und damit wären wir mit dem 14-jährigen Anthony und seinem zwei Jahre älteren Großer-Bruder-Ersatz-Cousin irgendwo im ostfranzösischen Nirgendwo. Mathieu liest, und das Publikum reckt die Hälse – je eingeschlafener das Französisch, desto schräger steht der Kopf. „Il faut bien que tout commence“, endet das erste Kapitel: „Alles muss einmal anfangen.“ Genauso gut könnte dort stehen: „Als wir träumten.“

Clemens Meyers Blick

Zwei Jungs, denen langweilig ist, die Männer sein und Mädchen berühren wollen, die rauchen und trinken, in einer Gegend, in der Generationen Steinkohle abbauten und jetzt in den 90ern die Hochöfen als Gerippe der Geschichte in den Himmel ragen. In diesem „ultrascharfen soziologischen Blick“ (Pannowitsch) auf die französische Gesellschaft abseits der großen Städte und Tourismusidylle dürften einige auch Clemens Meyers Blick erkennen: „Die Männer redeten wenig und starben früh. Die Frauen färbten sich die Haare und verloren nach und nach ihren Optimismus. Im Alter hielten sie die Erinnerung an ihre Männer wach, die krepiert waren, auf der Arbeit, in der Kneipe oder an einer Staublunge, die Erinnerung an Söhne, die sich totgefahren hatten, und an alle, die abgehauen waren.“

Schon als Kinder abgehängt

Die Jungs sind „schon als Kinder abgehängt“, ihre Mütter wurden als Teenager Schlampen genannt. Das erträumte Lebensglück hat Anthonys Mutter verpasst, als sie Gérard verließ, der es sich mit einer anderen erfüllte – „sogar ihr Unglück war erbärmlich“, heißt es im Roman, der in zolascher Tradition seine Figuren auf dem Grat zwischen sozialer Determiniertheit und persönlicher Verantwortung fürs eigene Unglück taumeln lässt. Ob sie heute Gelbwesten wären? Nicolas Mathieu könnte es gut verstehen, sagt er am Ende dieser in den deutschen Passagen leider etwas überperformten Lesung. Okonkwo legt einfach zu viel Unterschichtenklischee in die Dialoge – und wirkt ein bisschen wie ein HGB-Absolvent, der eine Küche weiß streichen soll.

Von Benjamin Heine

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