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Kultur Regional „One Voice“-Festival gibt israelischer Subkultur im Werk 2 eine Bühne
Nachrichten Kultur Kultur Regional „One Voice“-Festival gibt israelischer Subkultur im Werk 2 eine Bühne
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20:31 25.06.2019
Tobias Grießbach, 30, begeistert sich beruflich und privat für israelische Subkultur.
Tobias Grießbach, 30, begeistert sich beruflich und privat für israelische Subkultur. Quelle: privat
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Leipzig

Andere von seinen Ideen zu überzeugen, dafür hat Tobias Grießbach offenbar Talent. Fast vom Fleck weg übertrug ihm das Werk 2 die Verantwortung für sein erstes eigenes Festival. Noch bevor am Freitag und Samstag nun die erste Ausgabe des „Kol Echad – Saut – One Voice“ über die Bühne geht, konnte er dort auftretende Protagonisten von Fortsetzungen desselben und internationalem Austausch begeistern.

Aber der Reihe nach: Alle zwei Jahre gibt es in Leipzig die Jüdische Woche mit Veranstaltungen rund um die Vielfalt jüdischer Kunst und Kultur. Das beteiligte Werk 2 war in der Planungsphase auf der Suche nach einer griffigen Idee und sprach Grießbach an, da man ihn als intensiven Beobachter der israelischen Musikszene kennengelernt hatte. Tatsächlich spricht die Expertise des 30-Jährigen für sich: Seit mehr als zehn Jahren beschäftigt sich der Ethnologe mit dem Nahen Osten und seiner Konfliktkonstellation, war mehrfach zu Feldforschungszwecken in Jerusalem und ist unter anderem als Vorstand des Deutsch-Israelischen Arbeitskreises (diAk), Volontär und Referent tätig. Besonders die israelische (Sub-)Kultur und Musikszene hat es ihm angetan.

Bühne fürs außereuropäische Judentum

Um diese soll es nun beim „One Voice“ gehen. Als Festival im Festival will Grießbach „eine zeitgenössische Interpretation der reichhaltigen Kultur arabischer JüdInnen, der Mizrachim, präsentieren“, wie er es beschreibt und weiter ausführt: „Ich hatte immer das Gefühl, dass die Jüdische Woche eine recht akademische Angelegenheit ist.“ Was er meint, ist der vorherrschende Fokus auf das europäische Judentum. In unseren Köpfen geistern laut Grießbach drei vorherrschende erste Bilder von Juden: Opfer des Holocausts, antisemitische Stereotype und das Bild orthodoxer Männer mit schwarzem Hut, Locken und Bart. Um dies aufzubrechen, brauche die Jüdische Woche „Input, der die Vielfalt dieser Religion zeigt.“ Grießbach will vor allem dem außereuropäischem Judentum eine Bühne bieten und damit eine Facette bekannt machen, die hierzulande bisher kaum Beachtung findet.

Bei den Mizrachim handelt es sich um verschiedene jüdische Bevölkerungsgruppen, die seit den 1950er-Jahren aus arabischen Ländern in Afrika, Asien und besonders dem Nahen Osten nach Israel ausgewandert sind und entsprechend ihren kulturellen Einfluss mitgebracht haben. Da Israel, bedingt durch seine Gründerväter, eher europäisch geprägt ist, suchen die Mizrachim zum Teil bis heute nach Anerkennung als selbstverständlich vollwertige Bürger. Ihren kulturellen Einfluss auf das Land schätzt Grießbach wiederum als durchaus prägend ein. Was er vor allem spannend findet, ist, dass die Verbindung von jüdischer Existenz und dem Umfeld der arabischen Kultur bei den Mizrachim selbstverständlich und selbstbewusst gelebt wird: „Das ist ein unglaublich brückenbauendes Element“.

In diesem Sinne zeichnet auch Grießbach selbst ein besonders differenziertes Bild des Nahost-Konflikts, eine Draufsicht, die sich ausschließlicher Parteinahme verweigert: Was ihn antreibt, sei ein „grundhumanistischer Anspruch am Wohlsein der Menschen: Warum hat jemand aus Ramallah weniger Recht zu leben als jemand aus Tel Aviv?“

Diese Brücke auch in der hiesigen Wahrnehmung zu bauen, dafür bietet sich für Grießbach Musik als grundmenschliches, niedrigschwelliges Medium zuallererst an. Speziell bei der Musikszene der Mizrachim kommt er schnell ins Schwärmen, beschreibt sie als fordernd, einnehmend und selbstbewusst. Vor allem sei sie weiblich geprägt, was auch mit dem Ursprung des immer wieder bearbeiteten Liedguts zusammenhängt.

Partnerfestival in Israel geplant

Durch seine Verbindung von beruflicher Expertise und privater Leidenschaft ist er in diesem kulturellen Kosmos mittlerweile gut vernetzt. So hat er für das Festival mit Magi Hikri und Shiran am Freitag und Yael Deckelbaum am Samstag drei spannende Israelische Künstler und Künstlerinnen verpflichtet. Unterstützung gibt es von der mehrsprachig singenden Berliner Band Kayan Project, die aus Musikern verschiedener Regionen des Nahen Ostens besteht, sowie Moloch & Nadiya aus Leipzig, die mit ukrainischer Folklore und Blues experimentieren. Yael Deckelbaum ist neben ihrer musikalischen Laufbahn auch als Aktivistin für die israelisch-palästinische Friedensbewegung aktiv. Magi Hikri mixt weltmusikalisch arabische Klänge mit Dancehall-Beats und allerlei tanzbaren Elektronika: „Ein unglaublicher Energieball, diese Frau“, schwärmt Grießbach.

Begeisterung scheint es offenbar auf beiden Seiten zu geben: Der Manager von Magi Hikri war von der Idee der „Kol Echad – Saut – One Voice“-Konzerte so angetan, dass er auf subkulturellen musikalischen Austausch bedacht ist. Mit Schützenhilfe der israelischen und deutschen Botschaft soll nächstes Jahr ein entsprechendes Festival mit deutschen Bands in Israel stattfinden. Der Idealfall wäre für Grießbach, wenn daraus eine regelmäßige Vernetzung entstünde: „Es geht immer um Verständnis füreinander. Man kann voneinander lernen.“

Hört man in die Musik der zum Festival auftretenden Künstlerinnen und Künstler, wird es am Wochenende vor allem auch um Spaß und ums Tanzen gehen. In diesem Gesamtpaket verkraftet es Grießbach auch, dass für ihn als Veranstalter in dieser Form rein finanziell nicht allzu viel herausspringt: „Mir geht’s nicht voranging um die Kohle. Sinnstiftende Sachen sind mir wichtiger.“

„Kol Echad – Saut – One Voice“, Freitag, 20 Uhr: Magi Hikri, Shiran, Moloch & Nadiya; Samstag, 20 Uhr, Yael Deckelbaum & The Mothers, Kayan Project, Werk 2, Halle D, Kochstraße 132, Vorverkauf je 20 bis 23 Euro

Von Karsten Kriesel