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Kultur Regional Peter Schlobinski über den Wandel der Sprache, wenn die Rechner zu sprechen beginnen
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13:46 10.07.2019
Sieht noch viel Arbeit für Sprachwissenschaftler aus Fleisch und Blut: Peter Schlobinski. Quelle: Isabel Winarsch / VW-Stiftung
Leipzig

Peter Schlobinski, 65, ist Professor für Germanistische Linguistik und seit 2015 Vorsitzender der Gesellschaft für deutsche Sprache. Zu den Schwerpunkten seiner Forschungsarbeit gehört neben der Gegenwartssprache, der Deutschdidaktik und der Soziolinguistik auch das Thema Sprache und computervermittelte Kommunikation. Er ist Herausgeber der Reihe „Studienbücher zur Linguistik“ und Mitherausgeber der Zeitschrift „Muttersprache“ sowie der Online-Reihe „Networx“. Außerdem ist er Träger des Konrad-Duden-Preises, des wichtigsten Preises für Sprachwissenschaftler in Deutschland.

Sie haben bei der Jahrestagung des Leibniz-Instituts für Deutsche Sprache einen Vortrag über das Thema „Sprache und digitaler Wandel“ gehalten. Wie verändert sich unsere Sprache, wenn wir immer mehr mit Maschinen kommunizieren?

Eine Antwort darauf berührt verschiedene Aspekte. Wenn wir mit Maschinen kommunizieren, handelt es sich oft um geschützte Kommunikation, das heißt, wir können anonym kommunizieren. Das hat zur Folge, dass man ohne innere Zensur seine Meinung sagen kann. So konnte sich Hate-Speech im Netz rasant verbreiten. Ein anderer Aspekt ist die Veränderung der Schriftsprache. In den sozialen Medien haben wir bisher vor allem schriftlich kommuniziert. Und zwar meist sehr schnell. Dabei entsteht eine Art umgangssprachliche Form der Schriftsprache mit Auslassungen, Abkürzungen und Vereinfachungen. Die gesprochene Sprache hat Rückkopplungseffekte auf die Schriftsprache.

Heißt das, dass die Macht der Regeln in der Schriftsprache abnimmt?

Einerseits ja, andererseits gibt es immer bessere Korrekturfunktionen. Und Sprachnachrichten werden immer öfter diktiert und von der Software in Standardsprache umgesetzt. Hier haben wir es mit einem Rückkopplungseffekt in die andere Richtung zu tun: Wir bemühen uns, so zu sprechen, dass uns das System auch versteht, das heißt, wir verzichten etwa auf Dialekt. Hier ist unser Sprechen durch die schriftsprachliche Umsetzung seitens des Assistenzsystems beeinflusst, die wir erwarten.

Neuerdings sind immer mehr Maschinen die Adressaten unseres Sprechens. Wir sagen Alexa, Siri oder Google Home, was sie zu tun haben. Fällt es uns wieder leichter, im Befehlston zu sprechen?

Untersuchungen zu diesem Thema laufen gerade an. Da gibt es noch keine Erkenntnisse. Wir wissen aber von Untersuchungen über den Umgang mit Sprachassistenzsystemen wie sie bei Computerspielen und bei Chatbots im Einsatz sind, dass wir mit einer Maschine sprechen, wie wir mit einem Menschen sprechen. Wir verhalten uns auch der Maschine gegenüber normal und höflich.

Muss man sich eigentlich blöd vorkommen, wenn man sich bei Alexa bedankt ?

Muss man nicht. Dass man solche Systeme vermenschlicht, ist ganz normal.

Für Sprachwissenschaftler müsste die Existenz von Alexa und Siri doch ein Segen sein. Früher mussten Studierende ihr Umfeld mit Tonbandgeräten belauschen, um Sprachbeispiele von ganz normalen Menschen zu sammeln. Heute produzieren Sprachassistenzsysteme gigantische Datenmengen, die untersucht werden können. Oder haben da nur die Linguisten von Google und Amazon einen Zugang?

Das ist ein großes Problem. Die Daten, die von Google, Facebook und Co. erhoben werden, werden zwar zum Training der Künstlichen Intelligenz genutzt, aber wir haben keinen direkten Zugriff darauf. Facebook stellt zwar bestimmten amerikanischen Universitäten Datensätze zur Verfügung, aber wir können uns nur mit den Ergebnissen dieser Untersuchungen auseinandersetzen.

Steht die Linguistik an einer Schwelle, weil jetzt riesige Datenmenge zur sprachwissenschaftlichen Analyse zur Verfügung stehen?

Wir hatten ja zuvor auch schon Daten, zum Beispiel aus der teilnehmenden Beobachtung. Aber es ist richtig, dass wir an einer Schwelle stehen, weil wir jetzt auch Big-Data-Analysen vornehmen können.

Helfen dabei Maschinen mit künstlicher Intelligenz?

Bei der Analyse großer Datenmengen kann man selbstlernende Systeme hervorragend einsetzen. Sie können selbstständig Strukturen aus den Datensätzen herausziehen.

Könnten selbstlernende Systeme auch gemeinsam eine neue Sprache entwickeln, die sich von menschlichen Sprachen möglicherweise grundlegend unterscheidet?

Einen Versuch dazu gab es tatsächlich schon. Vor 20 Jahren etwa hat ein KI-Forscher entsprechende Programme geschrieben und Computer miteinander kommunizieren lassen. Grammatische Strukturen, die dabei herauskamen, waren nicht grundsätzlich anders, als die, die wir kennen. Es gab eine Art Subjekt-Prädikat-Objekt-Struktur. Es hat sich eine Thema-Rhema-Gliederung herausgebildet, bei der Bekanntes, das Thema, mit Neuem, dem Rhema, auf bestimmte Art verknüpft wird. Wenn man sich so etwas mit jetzigen Systemen vorstellt, würde man wohl beobachten können, wie grammatische Strukturen entstehen. Die Entwicklung in dem Bereich erfolgt rasant. Schachcomputer schlagen ja seit Langem jeden Schachweltmeister.

Dann können selbstlernende Sprachanalysesysteme ja bald auch jeden Linguisten schlagen.

Moment. So einfach ist es nun doch wieder nicht. Beim Schach hat man einen überschaubaren Set an Regeln. Sprache ist viel komplexer. Sie basiert auf vielen Regeln, und sie ist mit vielfältigen Wissensstrukturen verknüpft. Man muss sich mit Vorurteilen, Ironie und Sprechsituationen auskennen. Sprache ist eng mit dem Weltwissen verknüpft.

Ähnliche Probleme gibt es auch bei der Bilderkennung. Da beginnen Maschinen sich gerade das Weltwissen anzueignen und schaffen es, einen Schneemann von einer Person zu unterscheiden.

Die Frage ist, ob das bei Sprache auch so funktioniert. Ich sehe vorerst nicht, dass Linguisten überflüssig werden. Die Fragestellung für eine Untersuchung etwa entwickelt immer noch der Wissenschaftler, nicht das System.

Ein anderer Beruf, der durch Digitalisierung im Bereich der Sprache sehr gefährdet ist, ist doch der Beruf des Übersetzers. Google und andere Übersetzer leisten hier bereits Erstaunliches.

Das ist richtig. Aber man muss zwischen einfacher Übersetzung, die nur dem Verständnis dient, und literarischer Übersetzung unterscheiden. Eine gute literarische Übersetzung anzufertigen, ist etwas ganz anderes. Hier spielen wieder das Weltwissen und das kulturelle Wissen sowie feinste Stilnuancen eine wichtige Rolle.

Wie viele Jahre geben Sie den Übersetzern im literarischen Bereich noch?

Viele. Es wird noch sehr lange dauern, bis Maschinen so weit sind. Die Frage ist, ob es überhaupt jemals möglich sein wird.

Jetzt zu einem ganz anderen Thema: Wie sehen Sie eigentlich die Sache mit dem Gendersternchen?

Ach, hören Sie auf .... Wenn es um Sterne geht, dann schaue ich lieber in den Himmel.

Von Roland Meyer-Arlt

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