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Kultur Regional Petr Borkovec schreibt einen Monat in Leipzig
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18:00 23.09.2018
Petr Borkovec, Dichter, Übersetzer, Publizist – und derzeit schreibender Gast in Leipzig im Rahmen des tschechisch-deutschen Residenzprogramms. Quelle: André Kempner
Leipzig

Leipzig, das ist jetzt dieser Tisch für mich“, sagt Petr Borkovec, Dichter, Übersetzer und Publizist aus Prag. Ein schwarzer Laptop steht auf dem Tisch, und in ihn fließen jeden Tag Worte, die zu Texten wachsen. Kurzgeschichten, die sich aktuell vage den Themen Liebe, Hunger, Nacktheit und Armut nähern. Ungefähr, sagt Borkovec. Seine Themen vermisst er nie exakt im Vorfeld, etwas bleibt lange im Dunkeln, im Verborgenen, nach und nach freigelegt von der Sprache, die er liebt. Die Sprache, die er manchmal wie eine Droge empfindet, wenn sich die Möglichkeiten, die sich mit und in ihr bieten, vor ihm auffächern.

Borkovecs Tisch steht am offenen Fenster eines schmucklosen Raumes, 1. Stock, Plattenbau, mitten in der Innenstadt. Westseite, die Morgensonne macht sich über einen Umweg bemerkbar und bringt auf der gegenüberliegenden Straßenseite die rötliche Fassade des Stadtgeschichtlichen Museums zum Leuchten. Der Lieferverkehr dieselt vorbei, Gesprächsfetzen dringen herauf. Sehr nah und zugleich sehr weit weg, denn der Dichter versteht kein Deutsch, wird nicht hineingezogen in die Gespräche. Und er liebt sie, diese Inseln der Einsamkeit. „Niemand stört mich“, sagt er und fügt mit einem Schmunzeln hinzu: „Außer Ihnen.“

Keine sozialen Kontakte, das ist das Beste für seine Arbeit. Aber diese Freiräume bieten sich selten. Borkovec, schlanke Gestalt, graues Haar, grauer Bart, arbeitet auch als Übersetzer, als Herausgeber in einem Verlag, betreut das Programm eines Literatur-Cafés – und dann ist da noch die Familie, drei Töchter hat der End-Vierziger, 1970 geboren in Lounovice pod Blaníkem, heute in Prag zu Hause. „Da bleibt nicht viel Zeit, ein Dichter zu sein.“

Unterschwelliger Witz

Borkovec wird immer wieder eingeladen und schätzt Schreib-Stipendien als arbeitsreichen Luxus. Vier Wochen darf er sich in Leipzig ganz aufs Schreiben konzentrieren im tschechisch-deutschen Residenzprogramm im Vorfeld der kommenden Leipziger Buchmesse mit Tschechien als Gastland. Borkovec wird dann voraussichtlich „Lido di Dante“ in deutscher Übersetzung mitbringen. Ein Buch über das italienische Städtchen in der Nähe von Ravenna, das er auf seine Weise umkreist, mit „Reportagen, die eher Kurzgeschichten sind“. Denn er sei „Tourist und auch wieder nicht Tourist“, sagt Borkovec, der solche Unschärfen und ihren lyrischen Gehalt ausschöpft. Seine Frau hat Wurzeln in Lido die Dante, gemeinsam sind sie jedes Jahr dort.

In einen Text – wie viele seiner Gedichte von Christa Rothmeier ins Deutsche übertragenen – ,„Rimini im Winter“, erlaubt er einen Einblick. Rost. Müll. Das Meer „lag herum“. Und die Aufgabe der Sonne „übernahmen die den dunklen Wasserspiegel abschleckenden Lichter der Erdölbohrung“. Borkovec beobachtet mit den Augen des Dichters, durchbricht Momentaufnahmen mit den Hintergründen einer Reportage, die von örtlicher Kriminalität und Schwulentreff erzählt, und bringt sich selbst ein mit seinem feinen, unterschwelligen Witz, der auch im Gespräch immer wieder aufblitzt. Der Text legt eine Welt hinter der touristischen Sommerfassade frei, so wie er mit dem Gedichtband „Feldarbeit“ Einblicke in den glanzlosen Teil Prags jenseits des polierten Zentrums geschaffen hat.

Zuvor, in den 90er Jahren, kreisten seine ersten Gedichtbände um die Heimat seiner Großmütter im ländlichen Böhmen, wo er geboren wurde. Ein ihm abhanden kommender Raum, den der Zyklus zu bewahren versucht. In einer Dichtung, die damals vor allem klassische Formen wie Sonette wählte.

Als seine „Liebesgedichte“ 2014 im Wiener Verlag Edition Korrespondenzen erschient, freute sich die „Neue Zürcher Zeitung“ über „Weltzärtlichkeit“ und dass der „Klassizismus“ aus der Form verschwunden sei. Borkovec nimmt solche Beobachtungen von außen über stilistischen Wandel eher überrascht zur Kenntnis. „Über meine Entwicklung denke ich nicht nach.“ Auch in den 90er Jahren habe er schon Prosatexte geschrieben, wenn auch unveröffentlicht. Umgekehrt hat auch heute die strenge Form noch ihren Platz in seiner Dichtung.

Aussterbende Tierarten

Vor wenigen Tagen hat Borkovec in Bukarest gelesen. Seine Gedichte und Texte werden vielfach übersetzt. Und er übersetzt selbst, hat vor allem in den 90er Jahren russische Dichter ins Tschechische überträgt, Exilanten des 20. Jahrhunderts wie Nabokov. Lässt sich Lyrik, so tief verwurzelt in der Sprache des Dichters, überhaupt übersetzen?

„Ja“, sagt Borkovec. „Wenn man den Autor liebt.“ Wenn man alles von ihm liest. Wenn man sich mit der Epoche auskennt. Wenn man den Kontext begreift, in dem das Gedicht steht. Als Übersetzer wird Borkovec zum akribischen Arbeiter, der sich in Bibliotheken vertieft. „Für die eigene Arbeit mag ich keine Bibliotheksrecherchen“, sagt er. Inhaltlich nutzt er inzwischen auch die digitale Fundgrube. Er zeigt ein verschwommenes Foto auf dem Handy. Ein Vogel von Madagaskar, der letzte seiner Art. Arten vor der endgültigen Auslöschung und ihre letzten Fotos im Internet – sie haben ihn inspiriert zu noch unübersetzten Texten über das Auseinandergehen und Verlassen.

Leipzig verlässt der Dichter Ende September. Das Spinnereigelände hat er schon besucht. Nach wilderen Orten und ob es sie noch gibt, fragt er. Aber das wichtigste ist der Schreibtisch. „Wenn ich viele Seiten schaffe, ist Leipzig meine Lieblingsstadt.“

Residenzprogramm für Autoren

Tschechien ist Gastland der Leipziger Buchmesse 2019 (21.–24. März). Im Rahmen eines Residenzprogramms für den Austausch deutscher und tschechischer Schriftsteller leben und arbeiten fünf Autoren aus dem Nachbarland für jeweils einen Monat in Leipzig. Im Gegenzug erhalten fünf deutsche Autoren die Möglichkeit für einen Aufenthalt in Brünn (Brno). Unterstützt wird das Programm von der Mährischen Landesbibliothek, der Leipziger Buchmesse, den Städten Leipzig und Brünn und dem Goethe-Institut Prag sowie der Leipziger Wohnungs- und Baugesellschaft.

www.ahojleipzig2019.de

Von Dimo Rieß

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