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Kultur Regional Pionierin der tschechischen Graphic Novel: die Pragerin Lucie Lomová
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12:56 25.01.2019
Die Comic-Künstlerin Lucie Lomová. Quelle: André Kempner
Leipzig

Künstler dürfen das. Sie dürfen von einer dünnen Schneeschicht erzählen, wo keine ist. Schnee, so weiß wie das fordernd leere Blatt Papier auf dem Schreibtisch, vor dem Lucie Lomová in die Leipziger Parks flüchtet. Auf die Krähen zu, die wie verrückt über den Boden hüpfen. Sie nähert sich und sieht, was Vögelfüße in die Schneedecke gefurcht haben: den Schriftzug „Kein Stress!“

Lucie Lomová ist die fünfte Künstlerin im laufenden tschechisch-deutschen Residenzprogramm in Leipzig, nach vier Schriftstellern die erste Comic-Autorin. Und die dreiseitige Episode, die sie unter dem Titel „Leipzig Wonder“ auf ihrer Internet-Seite veröffentlicht hat, erzählt von den ersten Tagen in der Stadt. Von der selbst gestellten Aufgabe, sich in ein neues Projekt zu werfen. Ein spannender Moment. Und ein schwieriger, denn: „Alles ist möglich“, sagt Lomová. Entscheidungen müssen gefällt werden. Und die Botschaft der Krähen? „Das ist eine Mahnung an mich selbst“, sagt sie. Kreative Prozesse lassen sich nicht erzwingen, sie müssen reifen. Sie spricht mit leiser Stimme und strahlt eine Bescheidenheit aus, die kaum darauf schließen lässt, mit welcher Unbeirrbarkeit sie ihre Comic-Karriere meistert.

Lomová, Jahrgang 1964, lebt in Prag. Der Vater war Wissenschaftler, die Mutter Architektin und die Skepsis groß, als die Tochter ihren Weg in der Kunst suchen wollte. So hat Lucie Lomová früh gelernt, ihren eigenen Wünschen zu folgen, sich nicht verunsichern zu lassen von Widerständen. Nicht einmal davon, dass Comics in ihrer Heimat lange Zeit so gut wie nicht existierten. Lomová darf sich als Pionierin für Erwachsenen-Comics fühlen.

Angefangen aber hat alles mit zwei Mäusen, Anca und Pepík, Figuren, die sie zum Zeitvertreib mit ihrer Schwester Mitte der 80er erfand. „Damals sahen die Charaktere noch etwas bizarrer aus“, sagt Lomová. Sie lässt die Buchtitel auf dem Bildschirm vorüberziehen. Zwei Mäuse auf Skiern, in einer Höhle, im grün schimmernden Wald. In den 90ern hat die Künstlerin 62 Episoden der beiden Mäuse im Comic-Magazin Ctyrlístek veröffentlicht. Mäuse, die in rosa Kleid und grüner kurzer Hose ihre Abenteuer in präzise gezeichneten und idyllisch aquarellierten Umgebungen erleben. Seltsam aus der Zeit gefallen von märchenhaften Motiven umgeben.

Das Magazin Ctyrlístek, erzählt Lomová, wurde im Prozess des Prager Frühlings gegründet. Später sollte es wieder eingestellt werden, Comics waren verpönt. „Aber auch die Kinder der kommunistischen Machthaber liebten es.“ Ctyrlístek blieb und erscheint bis heute. Längst aber ohne „Anca und Pepík“. „Ich wollte nicht den Rest meines Lebens mit ihnen verbringen“, erzählt Lomová, die jetzt Glas-Mandalas malte und verkaufte und als Astrologin arbeitete. Alles veränderte sich. „Aber dann fand ich heraus, dass es Comics für Erwachsene gibt. Nur eben nicht in meinem Land.“

Ein bisschen mag man selbst an die Schicksalsmacht der Sterne glauben, wenn sie vom Zufall ihres Lebens erzählt. Davon, dass sie ein Onkel auf eine Ausstellung von Lucie Lom in Frankreich hinwies. „Lucie Lom – wie ein zweites Ich“, sagt Lomová. „Das nahm ich als Zeichen in einem turbulenten Moment meines Lebens.“ Und sie begann zu recherchieren.

Sie fand heraus, dass sich hinter „Lucie Lom“ eine kleine Künstlergruppe um den bekannten französische Comic-Autor Marc-Antoine Mathieu verbirgt. „Die Gruppe macht auch großartige Installationen“, schwärmt Lomová. Sie reiste nach Frankreich, war überwältigt von der französischen Comic-Szene und der Austausch mit „Lucie Lom“ führte bald zum Kontakt zu einem neu gegründeten französischen Verlag, der nach ausländischen Autorinnen suchte. „Der Verleger fragte mich nach meinen Plänen – zwei Tage später kam die Zusage.“

So begann Lomovás Karriere in Frankreich als Graphic Novelist für Erwachsene. „Anna will springen“ erschien 2006, ein Jahr später erst in Tschechien, wo es mit dem Muriel-Preis für das beste tschechische Comic-Album ausgezeichnet wurde. Lomová ließ „Die Wilden“ folgen, das auf den Spuren des realen tschechischen Forschungsreisenden Albert Vojtech Fric wandelt. Ein Botaniker, fasziniert von Kakteen, der sich vor gut 100 Jahren mit indianischen Stämme im Amazonas anfreundete, die von einer Krankheit heimgesucht wurden. „Fric bot einem Indianer an mitzukommen, um eine Medizin zu finden“, erzählt Lomová. Bis nach Prag reisten die beiden. Und wie die beiden Kulturen aufeinandertreffen, das gibt Raum für viel Komik. Zugleich ist es ein tragisches Buch: Der Heimkehrer erzählt von Europa, und keiner glaubt ihm. „Doch die Lüge“, erklärt Lomová, „gilt in der dortigen Kultur als größte Sünde. Er wird aus dem Stamm ausgeschlossen.“

Zu lesen sind ihre Werke in Frankreich und Tschechien – auf Deutsch liegen nur die„Goldenen böhmische Märchen“ vor. In dem Buch hat sie fünf Märchen von Karel Jaromír Erben adaptiert. Die nächste Auflage erscheint mit neuem Titelbild, das sie gerade in Leipzig entworfen hat.

Meist entwickeln Comic-Künstler ihre unverkennbare Handschrift. Lomová sorgt mit Handzeichnung, Aquarell oder digitaler Kolorierung und Nachbearbeitung immer wieder für stilistische Wechsel. „Ich mache es vom Inhalt abhängig“, sagt sie. Ihren Comic-Krimi „Zum Abschuss“ hat sie in Schwarz-Weiß getaucht. Eine Theaterkritikerin geht darin einem Todesfall auf offener Bühne nach. Lomová hat als Dramaturgin selbst kurz am Theater gearbeitet, bevor sie sich mit der Revolution für ein Leben als freie Comic-Autorin entschied. Als Zeichnerin ist sie Autodidaktin.

Ganz abschütteln konnte sie „Anca und Pepík“ auch in ihrer zweiten Karriere als Autorin für Erwachsene nicht. Aus den Episoden sind fünf Bücher entstanden, das letzte 2018 veröffentlicht. Zuvor hat sie den Stoff in dreijähriger Arbeit als Animations-Serie für das Tschechische Fernsehen umgesetzt. „Ich dachte immer, ich könnte nebenher andere Comics entwickeln, aber das war unmöglich.“

Das Tschechische Fernsehen gehört immer noch zu ihren Auftraggebern, sie produziert jährlich einen interaktiven Adventskalender für die Homepage. Aber daneben bleibt endlich wieder Zeit für eigene Projekte. Das Kommende nimmt seinen Ausgang gerade in Leipzig. Eine Idee formt sich. „Aber ich kann noch nicht darüber sprechen“, sagt Lomová mit entschuldigender Miene. „Sonst geht sie verloren. Sie ist noch scheu.“

Von Dimo Riess

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