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Kultur Regional „Mein Freund Harvey“ rüttelt an den Maßstäben für Normalität
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16:39 19.01.2020
„Mein Freund Harvey“ am Schauspiel Leipzig. Quelle: Rolf Arnold
Leipzig

Der Psychiater Sanderson (Julius Forster) brüllt in Wut. Seine These passt einfach nicht. Das Lehrbuch läuft ins Leere. Und passend dazu hängt am Ende das Bild von Sigmund Freud über der Orgel schief. Da, wo zuvor das Porträt der Mutter des Patienten Elwood P. Dowd prangte. Und zwischenzeitlich ein großer, weißer Hase in Öl: Harvey.

„Mein Freund Harvey“ feierte am Samstagabend im Schauspiel Leipzig in der Regie von Intendant Enrico Lübbe Premiere. Vor 75 Jahren hat das Stück den Broadway und den Pulitzer-Preis erobert. Und im Zentrum steht – Autorin Mary Chase ließ sich von der keltischen Sagenwelt inspirieren – ein Puka, ein großer Hase, den im Stück allerdings nur Elwood sehen kann. Er ist unsichtbar. Da ist der Weg in die Psychiatrie nicht weit.

Vorhalle für die Anstalt

Etienne Pluss hat die Bühne detailverliebt in eine mondän-morbide Vorhalle verwandelt, mit verschmutztem Oberlicht, milchigen Fenstern, Orgel, bizarr in die Höhe verlegtem Regal und hinreichend Türen für Auf- und Abgänge. Mal ist sie Klinik-Empfang, mal Eingangsbereich von Elwoods Haus. Der hat das Familienvermögen geerbt und lebt mit Schwester Veta Louise Simmons und deren Tochter Myrtle Mae (Katharina Schmidt) unter einem Dach. Und stellt Gästen gern Harvey vor, weshalb die Familie aus den gesellschaftlichen Kreisen zu kippen droht. Die Schwester versucht, Elwood in die Klinik abzuschieben.

Michael Pempelforth spielt Elwood in unerschütterlicher Sonnigkeit. Ein bescheidener Menschenfreund mit nie versiegendem Interesse am Gegenüber. Allein das, so die erschreckende Erkenntnis der Inszenierung, stempelt ihn bereits zum Sonderling. Da bräuchte es nicht einmal den Hasen an seiner Seite. Die vermeintlich normale Gesellschaft erscheint mit dem Karrierestreben von Dr. Sanderson, dem Geltungsbedürfnis von Dr. Chumley, der Angst vor der sozialen Ächtung der Veta Louise und all den verklemmten Annäherungsversuchen in verschiedenen Konstellationen pathologischer als Elwood.

Das rechte Maß an Schrulligkeiten

Kurz: Unter gesellschaftlichem Druck hat jeder seinen Spleen entwickelt. Diese schlüssige These spielt die Inszenierung über rund zweieinhalb Stunden genüsslich aus. Allerdings oft ziemlich überdreht, was direkt in die Karikatur führt, ohne in gleicher Weise mit Komik zu leuchten. Nicht leicht findet sich das rechte Maß an Schrulligkeiten. Das gelingt etwa Thomas Braungardt als Wilson, Sanatoriumsangestellter unter Dauerstrom mit Mangel an Selbstkontrolle. Denis Petkovic stürzt überzeugend als Klinikchef Chumley vom Plateau der Selbstherrlichkeit in den Selbstzweifel. Annett Sawallisch spielt Veta Louise konsequent als herrisches bis hysterisches Nervenbündel, bis sie ihre Meinung ändert.

Die Inszenierung bedient sich der klassischen Komödien-Verwechslungen: Zunächst gerät Veta Louise statt Elwood in die Mühlen der Psychiatrie. Zum ausgelassenen Gag-Reigen reicht das alles nicht. Dafür blitzen überraschende Details auf, etwa, wenn der Schattenwurf einer nahenden Person Harvey erwarten lässt – sich die Ohren dann aber als zwei Baguettes entpuppen.

Der Butler als Sinnbild

Eine Nebenfigur, die zum heimlichen Hauptdarsteller wird, verleiht der Inszenierung Gleichgewicht, webt eine Art humoristischen roten Faden. Tilo Krügel, ein Glücksgriff, geistert als hinfälliger Butler durch die Szenen, zu bizarren Altersverrenkungen gestaucht, mal Torte balancierend, dann wieder an der Leiter baumelnd. Jederzeit droht ein Sturz, fragil wirkt all sein Tun, womit er wie ein Sinnbild für all die so leicht zu erschütternden Personen wirkt. Zugleich dient er als stummer Charakter-Indikator: Niemand beachtet ihn – außer Elwood.

Der Taxifahrer (Christoph Müller) spricht es am Ende aus: Nach der Behandlung werde Elwood ein normaler Mensch sein. „Und Sie wissen ja, was das für ein Gesindel ist.“ Die Schlusspointe wird zugleich zum Plädoyer für Toleranz gegenüber Sonderlingen und der schützenden Kraft der Einbildung. Harvey darf bleiben.

Kommende Spieltermine: 25. Januar, 6. und 22. Februar, 1. März und 12. April, jeweils um 19.30 Uhr auf der Großen Bühne im Schauspiel. Außerdem am 24. Mai bereits um 16 Uhr mit Kinderbetreuung. Die Spieldauer beträgt etwa zweieinhalb Stunden. Kartentelefon: 0341 1268168

Von Dimo Rieß

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