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Kultur Regional „Rabatt auf die Höllenqualen“: Kunsthistoriker Frank Zöllner über Leonardo Da Vinci
Nachrichten Kultur Kultur Regional „Rabatt auf die Höllenqualen“: Kunsthistoriker Frank Zöllner über Leonardo Da Vinci
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16:52 02.05.2019
Das Leonardo Da Vinci zugeschriebene Gemälde „Salvator Mundi“ wurde 2017 für die Rekordsumme von 450 Millionen US-Dollar versteigert. Wo es sich jetzt befindet, ist unbekannt. Quelle: Kirsty Wigglesworth/dpa
Leipzig

Er war Künstler, Wissenschaftler und gilt als Erfinder der Moderne: Am Donnerstag vor 500 Jahren starb Leonardo Da Vinci (1452–1519). Frank Zöllner hat 1998 über das künstlerische Schaffen des Universalgenies habilitiert. Heute forscht und lehrt der Kunsthistoriker an der Universität Leipzig - auch zu Leonardo da Vinci, der ihn bis heute fasziniert.

Können Sie das Faszinosum Leonardo in wenigen Sätzen formulieren?

Es besteht eigentlich darin, dass man es nicht in wenigen Worten erklären kann. So fasziniert uns die Breite seiner Interessen, die Tiefe seiner Reflexion, die Genauigkeit seiner Beobachtungsgabe, die Meisterschaft seiner Kunst, die Hartnäckigkeit seines Strebens nach Perfektion, seine Kritikfähigkeit gegenüber eingefahrenen Überzeugungen, auch den eigenen, und sein sozialer Aufstieg vom unehelichen Kind zum gefragtesten Künstler seiner Generation.

Man feiert Leonardo jetzt als Erfinder der Moderne. Ist bei ihm das Mittelalter gar nicht mehr wichtig?

Als Künstler mit einer durch und durch handwerklichen Ausbildung hatte er natürlich noch Kontakt zu dem, was wir mittelalterlich nennen. Aber sein Aufbruch zu Neuem auf vielen Gebieten macht ihn zu einem Mann der Renaissance – wenn man diese Kategorien heute noch anwenden möchte.

Der Leipziger Kunsthistoriker und Leonardo da Vinci-Experte Frank Zöllner Quelle: privat

Was machen Sie am 500. Todestag?

Ich halte einen Vortrag in Tübingen über den „Salvator Mundi“ als religiöses Bild. Das ist das eigentlich wichtige Thema: Worum geht es in dem Bild? Wir hingegen sind zu sehr auf diesen ganzen Zirkus um Geld und Vermarktung fixiert und gebannt von dieser nervtötenden Aufmerksamkeitsökonomie. Der wir allerdings dieses Interview verdanken.

Dann erklären Sie uns bitte, worum es in dem Bild geht. Wofür steht zum Beispiel die Glaskugel?

Sie steht für die Welt und damit für die Herrschaft Christi über die Welt, in einem spirituellen Sinne natürlich. Die Rechte hat Christus zum Segen erhoben. Inhaltlich wichtiger aber ist eine andere Sache. Das Gemälde muss man im Kontext der zeitgenössischen Andachtspraxis sehen. So war damals der Glaube verbreitet, dass bestimmte, unmittelbar vor dem Bild eines Salvators gesprochene Gebete eine Tilgung der eigenen Sünden bewirken können. Durch diese Gebete konnte man sich also eine Art Rabatt auf die im Fegefeuer zu erwartenden Höllenqualen erwerben, von bis zu 12 000 Jahren Ablass ist die Rede.

Die Zahl der von Leonardo erhaltenen Gemälde ist sehr übersichtlich. Ist die Sensation abgesehen von der Entdeckung an sich auch eine kunsthistorische?

Die Sensation besteht in erster Linie in der Wiederentdeckung – befeuert natürlich durch die illustre Liste der Käufer, darunter ja allem Anschein nach der saudische Kronprinz Mohammed bin Salman. Dem Mann wird immerhin vorgeworfen, einen bestialischen Mord in Auftrag gegeben zu haben. Aus kunsthistorischer Sicht ist jedoch die Frage interessanter, wie Leonardo sich mit dem Bildthema „Salvator Mundi“ auseinandersetzt. Es geht also darum, was Leonardo aus einer traditionellen Bildformel macht, die schon lange durch Konventionen festgelegt war. Rein formal ändert er fast nichts an der traditionellen Bildformel, aber in der Sichtbarmachung des Sohns Gottes liegt der eigentliche Clou des Bildes. Hierzu greift Leonardo in seiner Darstellung zum Mittel der Unschärfe. Denn das heilige Antlitz Christi ist natürlich erst im Himmel klar erkennbar, auf Erden in seinen Umrissen jedoch nur zu erahnen.

Zu sehen ist dieses Bild nicht. Haben Sie eine unscharfe Ahnung, wo es sein könnte?

Wahrscheinlich in der Schweiz, wo sonst? Aber genau wissen wir das nicht.

Wäre es nicht eine moralische Tragödie, sollte Prinz Mohammed bin Salman tatsächlich der Eigentümer dieses Bildes sein?

Schwer zu sagen. Herrscher mit einem Hang zu Taten, die unser ethisches Empfinden verletzen, haben ja schon immer Kunst besessen. Und moralische Empörung von unserer Seite wäre auch ziemlich verlogen, denn mit unserem ungebremsten Öl-Durst und unseren Waffenverkäufen unterstützen wir seit Jahrzehnten das Herrscherhaus Saud. Wenn wir anfangen wollen moralisch zu sein, dann doch bitte zuerst dort, wo es zählt und wirkt: In Politik und Wirtschaft, beim Energieverbrauch und beim Waffenexport.

Trauen Sie sich jetzt noch, nach Abu Dhabi einzureisen – man geht in der Region ja nicht immer freundlich mit Kritikern um …

Ich war im letzten Jahr dort, auch im Louvre Abu Dhabi. Aber in autoritären Staaten hat man ja immer ein mulmiges Gefühl. Man sollte nur noch in Länder reisen, die unsere Menschenrechtsstandards einhalten. Das wäre übrigens auch gut für die CO2-Bilanz.

Sie bezweifeln die alleinige Autorenschaft Leonardos. Nennen Sie bitte kurz noch einmal Ihre Argumente.

Zunächst möchte ich vorausschicken, dass der 2005 wiederentdeckte und 2011 erstmals ausgestellte „Salvator Mundi“ ein bedeutendes Altmeistergemälde ist, dessen Entwurf sicher und dessen Ausführung zumindest zu einem gewissen Teil auf Leonardo zurückgeht. Zweifel ergeben sich aus derm ruinösen Zustand des Bildes und einer sehr weitgehenden Restaurierung. Die gut erhaltenen Teile des Bildes sind meisterhaft ausgeführt, aber zu einem Teil sehr schematisch, wie das eben Leonardos Schüler gemacht haben.

In der „Zeit“ haben Sie geschrieben, die Restauratoren hätten das Bild eigentlich erst zu einem Leonardo gemacht – inwiefern?

Das war vielleicht etwas übertrieben, aber die sehr weitgehende Restaurierung ist nur unzureichend dokumentiert und wohl auch nicht reversibel. Es gibt auch im Bereich der Kunst ethische Standards, die man einzuhalten hat, hier ist das nicht immer geschehen.

Sie werfen auch die Frage auf, ob die aufgerufenen 450 Millionen überhaupt gezahlt wurden. Wie kommen Sie dazu?

Ziemlich unklar ist immer noch, wer der eigentliche Käufer oder wer jetzt der Eigentümer des Bildes ist, wo es sich befindet und so weiter. Diese Verwirrung nährt den Verdacht, dass das Geld noch gar nicht vollständig gezahlt wurde – auch mit Blick auf den Umstand, dass inzwischen etliche Fachleute weltweit den eigenhändigen Status des Bildes bestreiten. Vielleicht haben die Freunde der Kunst am Golf doch kalte Füße bekommen?

Gerüchten zufolge soll das Gemälde im Oktober in einer Ausstellung im Louvre zu sehen sein. Kann man das ernstnehmen, und wäre der Louvre damit gut beraten?

Die Offiziellen des Louvre in Paris wünschen sich das Gemälde für die Ausstellung. Aber wir wissen nicht, ob Paris es ausstellen kann und wenn ja mit welcher Zuschreibung. Auf jeden Fall Stoff für weitere Interviews im Oktober.

Was erzählt die Geschichte rund um den Verkauf dieses Bildes über den Kunstmarkt?

Immer dasselbe: It takes money to make money (Man muss viel Geld haben, um viel Geld zu verdienen). Die beiden Entdecker des Gemäldes waren 2012 offenbar kurz vor der Pleite. Da haben sie sich jemanden gesucht, der gegen eine Gewinnbeteiligung von 33 Prozent bereit war, 10 Millionen Dollar in die Vermarktung des Bildes zu investieren. Das hat bekanntlich geklappt, sehr gut sogar. Der Investor, der Kunsthändler Warren Adelson, ein seriöser Mann übrigens, hat dann relativ fix einen Gewinn von irgend etwas zwischen 100 und 150 Prozent eingestrichen. Nicht schlecht in einer Niedrigzinsphase, wo das Ersparte der Oma durch die Inflation aufgefressen wird.

Halten Sie den Umgang des Auktionshauses Christie’s mit dem Bild für seriös - oder siegten die Dollarscheine über Wissenschaftlichkeit?

Ich denke, die Dollar haben in jedem Fall gesiegt, bis jetzt. Aber ein Auktionshaus ist kein Wohltätigkeitsverein, ebenso wenig ist das Auktionshaus eine staatlich finanzierte Institution, die unbedingt rigorosen wissenschaftlichen Standards zu folgen hat. Daher gibt es ja verbeamtete Wissenschaftler, die den Akteuren im obersten Segment des Kunstmarktes gelegentlich in die Parade fahren können, weil sie unabhängig von den Anforderungen und Einflüssen des Marktes sind. Das hat in diesem Fall ganz gut geklappt. Einige Journalisten und Wissenschaftler, denen statt 10 Millionen Dollar nur ein paar graue Zellen hinter der Stirn zur Verfügung standen, haben das Konstrukt der Alleinautorschaft Leonardos doch ganz schön ins Wanken gebracht.

12.7. –15.9.: „Leonardo war nie in Leipzig“, Ausstellung im Museum der bildenden Künste über die Wirkung der Ideen und Bilder Leonardos.

18.–20.7.: Internationale Leonardo-Tagung in Leipzig – Thema ist der Künstler Ingenieur, Geologe, Botaniker, Anatom.

Bis Dezember: Giganten der Renaissance: Immersive Show im Kunstkraftwerk Leipzig (Di–So, 10–18 Uhr)

Frank Zöllner: Leonardo da Vinci 1452–1519. Sämtliche Gemälde. Taschen; 704 Seiten, 40 Euro

Von Jürgen Kleindienst

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