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Kultur Regional Rassistisch und diskriminierend? Debatte um neue Namen für Kunstwerke
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Rassistisch und diskriminierend? Debatte um Umbenennung von Kunstwerken in Dresden

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19:30 15.09.2021
Beim „Mohr mit der Smaragdstufe“ im Grünen Gewölbe in Dresden wurde in der Online-Datenbank das Wort „Mohr“ durch vier Sternchen ersetzt.
Beim „Mohr mit der Smaragdstufe“ im Grünen Gewölbe in Dresden wurde in der Online-Datenbank das Wort „Mohr“ durch vier Sternchen ersetzt. Quelle: Matthias Hiekel/dpa
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Leipzig

143 Werke haben die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (SKD) bislang umbenannt, weil diese sie für rassistisch und diskriminierend halten. So heißt die „Zigeunermadonna“ jetzt „Madonna mit stehendem Kind“. Das zuvor als „Kopf eines Negerknaben“ betitelte Werk wird nun als „Studienkopf eines jungen Mannes“ bezeichnet. Beim um 1724 geschaffenen „Mohr mit der Smaragdstufe“ im Grünen Gewölbe wurde in der Online-Datenbank das Wort „Mohr“ durch vier Sternchen ersetzt.

Vorstandsmitglied des Deutschen Museumsbunds fordert Sichtbarkeit

Daran gibt es nicht nur Kritik von der AfD-Fraktion im Sächsischen Landtag, die zu den Umbenennungen eine Kleine Anfrage gestellt hatte, sondern auch vom Deutschen Museumsbund. Vorstandsmitglied Reinhard Spieler hält laut einem Bericht des MDR eine Tabuisierung bestimmter Wörter für nicht angebracht. „Ich finde, wir sind als Museen historische Institutionen und wir wollen eigentlich sichtbar machen, dass man in anderen Kulturen und zu anderen Zeiten andere Werte vertreten hat“, sagte er dem MDR. Das sei der Sinn von Museen. „Wenn sich Titel über die Jahre verändern, dann sollte das auch sichtbar sein“, so Spieler, der Direktor des Sprengel Museums in Hannover ist.

Die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden verteidigen die Änderungen: „Die Bearbeitung von Werk- oder Objekttiteln ist eine übliche, seit Jahrhunderten in sehr vielen Museen in aller Welt stattfindende Praxis“, teilten die SKD mit. Sie hänge damit zusammen, dass bis ins 19. Jahrhundert hinein Werke beziehungsweise Objekte nur selten von denen betitelt wurden, die sie geschaffen haben. Insofern würden sie in den allermeisten Fällen keinen vom Künstler oder der Künstlerin vergebenen Originaltitel ausweisen.

Kunstsammlungen wollen Diskriminierungen vermeiden

„Stattdessen wurden Werke je nach Wissensstand und Perspektive immer wieder neu aus dem Handel oder Sammlerbeständen heraus sowie von Museumsfachleuten beschrieben und betitelt und bedürfen, je nach Forschungsstand, der wissenschaftlichen Kontextualisierung“, hieß es weiter. „Meist dient diese Aktualisierung der kunsthistorischen Begriffspräzisierung, manchmal wollen die SKD damit auch erreichen, dass eine Diskriminierung von Personen vermieden wird, die die Online Collection oder die Ausstellungen besuchen“, hieß es weiter. Die SKD folgten Standards, wie sie von Museen weltweit praktiziert werden.

Marion Ackermann: „Reißerische Zuspitzungen“

Marion Ackermann, Generaldirektorin der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden Quelle: Imago

In bestimmten Zusammenhängen wirkten die Titel diskriminierend oder müssten erläutert werden, sagte Marion Ackermann, Generaldirektorin der SKD, bei „MDR Aktuell“. Nur ein kleiner Teil der Neubezeichnungen habe jedoch mit Diskriminierungen zu tun. Es sei „übliche Museumsarbeit“, dass man Werktitel immer wieder überarbeite und aktualisiere. Der Historiker Michael Wolffsohn hatte in der „Bild“-Zeitung heftige Kritik an den Kunstsammlungen geäußert: „Merken denn die Umbenenner vom Dienst nicht, wie sehr sie sich und die eigentlich gute Absicht zum Gespött machen?“, sagte er. Ackermann sprach auf solche Äußerungen bezogen von „reißerischen Zuspitzungen“: „Es ist immer das Problem, dass die Dinge sehr komplex sind“, sagte sie dem MDR. Man habe es mit einem transparenten Prozess zu tun. Auch wenn in einzelnen Fällen ein Wort überblendet werde, könne man sich mit einem Klick den früheren Titel ansehen.

Der Gesamtbestand aller bislang in der Datenbank der SKD erfassten Objekte beträgt über 1,48 Millionen. Die 2020 erfolgten Aktualisierungen von Werktiteln entsprechen damit etwa 0,01 Prozent der katalogisierten Titel.

Von dpa/epd/LVZ