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Kultur Regional Regeln der Einschränkung – Debatte mit Axel Krause und über Kunstfreiheit
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10:29 29.08.2019
Auf einer Bühne, aber nicht alle einer Meinung: Moderator Jürgen Reiche mit Uwe Neumann (Kunsthalle Rostock), Maler Axel Krause, Sachsens Kunstministerin Eva-Maria Stange, Christoph Tannert (Künstlerhaus Bethanien) und Maler Rüdiger Giebler (v.l.n.r.) im Zeitgeschichtlichen Forum Leipzig. Quelle: Dirk Knofe
Leipzig

„Wir haben alles ausgehalten“, sagt Sylvia Schade. „Aber am 30. Mai hat es gereicht.“ Was am 30. Mai passiert ist, bewegt bis heute in Leipzig die Gemüter und sorgt für einen vollen Saal im Zeitgeschichtlichen Forum, wo es am Mittwochabend eigentlich um „Freiheit, Grenzen und Tabus“ in der Kunst gehen sollte. Darüber zu sprechen, heißt aber auch, über die26. Leipziger Jahresausstellung zu reden, vor der es Proteste gegen die Teilnahme des Malers und Grafikers Axel Krause gab, der wenig später ausgeladen wurde.

Sylvia Schade gehört zum Vorstand des Jahresausstellung e.V. und meldet sich am Ende aus dem Publikum zu Wort. Vorausgegangen ist eine Podiumsdiskussion, bei der Moderator Jürgen Reiche, Direktor des Zeitgeschichtlichen Forums, beides zusammenbringt: gemeinsames Nachdenken über Kunstfreiheit als gesellschaftliche Vereinbarung, worüber zu sprechen schon seit Jahresbeginn geplant war, und die Sichtweise des Künstlers Axel Krause.

Normalität der Anfeindungen

Dass dies gelingt, liegt am eingelösten Anspruch, miteinander zu reden statt übereinander und „souveräne Streitkultur“ zu üben. Dazu sind gekommen: Sachsens Kunstministerin Eva-Maria Stange, Uwe Neumann als Chef der Kunsthalle Rostock, Christoph Tannert, Leiter des Berliner Künstlerhauses Bethanien, der Maler und Grafiker Rüdiger Giebler aus Halle und Axel Krause.

Zum Aufwärmen zieht Moderator Reiche eine Karte aus der Kategorie der Gretchenfragen und erkundigt sich danach, wo die Gäste am 9. Oktober und 9. November 1989 waren, was sie damals empfunden, erhofft oder befürchtet haben. Denn schon das Erringen der einen Freiheit kann mit Ängsten vor dem Verlust anderer Freiheiten verbunden sein. Damit umzugehen, prägt die Arbeit der Künstler wie auch der Kulturvermittler.

Dass sie dabei Anfeindungen ausgesetzt sind, hat Uwe Neumann erlebt, als er in der Rostocker Kunsthalle Willi Sitte und Fritz Cremer im Dialog gezeigt hat. Christoph Tannert spürt derzeit mit der Gruppenschau „Milchstraßenverkehrsordnung (space is the place)“ Gegenwind wegen „mangelnder Diversität“ und einer „Vereinnahmung afro-futuristischer Ideen“.

Kanon der Ostkunst

Als einer der Kuratoren der Ausstellung „Point of No Return – Wende und Umbruch in der ostdeutschen Kunst“ im Leipziger Museum der bildenden Künste legt Tannert Wert darauf, von ostdeutscher und nicht von DDR-Kunst zu sprechen – um Biographien nicht an einer Datumsgrenzen zu kappen.

Dass eine Ausstellung wie „Point of No Return“ mit ihrem Nebeneinander von staatsnaher Kunst und widerständigen Positionen so vor 20 Jahren noch nicht möglich gewesen wäre, bestätigen alle Beteiligten. Es bestehe die Möglichkeit, „den Kanon der Ostkunst anders zu singen“, sagt Tannert.

Andeutung und Provokation

Bei Axel Krause liegen die Klage über den Vereinigungs-Umgang der Bundesrepublik mit der DDR („nicht auf Augenhöhe“) und eine Verweigerung von Weltoffenheit dicht beieinander. Er wendet sich gegen das beim Integrations-Ministerium angesiedelte Programm „Weltoffenes Sachsen für Demokratie und Toleranz“, er wolle kein offenes Zuhause, sondern „am Ende des Tages“, die Türen „auch mal zumachen“.

Ein Sprachbild, dass er einige Male bemüht in der gut zweistündigen Diskussion, – wie auch die Mittel der Andeutung („Druck von außen“) und der ironischen Provokation (Parteinahme für die AfD) bis zur doppelten Opferrolle rückwärts. Das Einfordern eigener Freiheiten klingt bei ihm nach der Beschränkung für andere.

„Nicht lustig“

Jener Text, den er am 30. Mai auf Facebook als „Satire“ postete, in dem er von sich als „entarteten Künstler“ schreibt und den Begriff „Volksschädling“ verwendet, begeistert ihn noch heute. „Nicht lustig“, finden die anderen.

Reiche kann „nicht verstehen, wie man das ironisch meinen kann“. Verweise auf Sensibilität und Verantwortung in der Sprache prallen ab. Mit wachsendem Widerspruch der anderen Diskussionsteilnehmer, die sich gegen einen Einfluss der Politik auf Kultur aussprechen und für mehr Diskussionen darüber, unter welchen Bedingungen die Freiheit der Kunst garantiert werden kann, formuliert Krause immer deutlicher sein Unverständnis.

Formen der Einflussnahme

Es würden schon mit der Entscheidung Grenzen gesetzt, für welche Kultur Geld ausgegeben wird und wofür nicht, sagt Ministerin Eva-Maria Stange. Aus diesem Grund vergeben Kulturstiftungen die Fördermittel und nicht politische Entscheider.

Wo eine Partei programmatisch festlege, das eine zu fördern und das andere nicht, beginne die Einschränkung. Debatten über Publikumszahlen und Auslastung halte sie für problematisch, weil sie Spielräume und Kreativität begrenzten. Auch schränke es die Arbeit beispielsweise der Theater enorm ein, wenn sie sich politisch zurückhalten sollten.

Ihm sei oft zu viel Markt und zu wenig Politik in der Kunst, sagt Uwe Neumann. Kunst müsse politisch sein, sonst habe sie keine Kraft. Dass ein Künstler generell das Bedürfnis habe, keine Grenzen zu respektieren, wirft Rüdiger Giebler ein, weder ökonomische noch die des Alters noch die des eigenen Talents. Er, der derzeit mit seinem langjährigen Freund Moritz Götze zusammenarbeitet, sorgt für die heiteren Momente des zuweilen angespannten Abends.

Offene Fragen

Nicht abschließend beantwortet werden kann die Frage nach einer Trennung von Werk und Künstler und auch nicht die, ob sich Freiheit der Kunst in der Freiheit ihrer Herstellung erschöpft und die öffentliche Präsentation auf einem anderen Blatt stehe.

Einigkeit besteht weitestgehend darin, dass Kunstfreiheit ein Ziel bleibt. Es gebe permanent gesellschaftliche Debatten, die Regeln der Einschränkung formulieren, sagt Christoph Tannert. Auch ein Shitstorm sei einschränkend.

Das Wichtigste an dieser Diskussion ist, dass sie stattgefunden hat. Den Streit auszuhalten, ist nicht angenehm, ihn zu führen notwendig. Das Ambiente des historischen Museums verstärkt die Dringlichkeit.

Von Janina Fleischer

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