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Kultur Regional Risto Joost dirigiert in der Nikolaikirche Bruckner zum Auftakt des Festivals Leipziger Romantik
Nachrichten Kultur Kultur Regional Risto Joost dirigiert in der Nikolaikirche Bruckner zum Auftakt des Festivals Leipziger Romantik
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14:03 12.05.2019
Der MDR-Chor unter seinem Noch-Chef Risto Joost in der Nikolaikirche. Quelle: Kempner
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Leipzig

Risto Joost ist auf dem Sprung: Zum Ende der Saison sagt er seinem MDR-Chor Lebewohl und macht sich auf zu neuen Ufern. Seine Bilanz fällt durchwachsen aus. Was vor allem daran liegt, dass er sich während seiner drei Jahre beim MDR nicht wirklich als Chorchef betrachtete, seine Energien nicht darauf verwandte, mit diesem Vokalklangkörper, der fraglos zu den besten der Welt gehört, die Maßstabe des Chorgesangs zu verschieben, sondern möglichst viele Visitenkarten als „richtiger Dirigent“ in den Ring zu werfen. Also verzichtete er darauf, das klangliche, ästhetische, programmatische Relief seines Ensembles zu schärfen, sondern tat sich durch fragwürdige Projekte bis hin zur konzertanten „Carmen“ im Gewandhaus hervor.

Beinahe tragisch

Doch selbst dabei war das, was er mit seinem Chor anstellte, über jeden Zweifel erhaben. Und es ist beinahe tragisch, dass dieser Musiker, der so wunderbar umzugehen weiß mit der menschlichen Stimme, der sie instinktsicher zu führen vermag, der fabelhaft hört und selten souverän vokale Klänge zu schichtet, nicht auf seine herausragenden Fähigkeiten setzt, sondern auf Feldern sein Glück sucht, wo er nur einer unter vielen ist.

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Was möglich gewesen wäre

Drum macht das Konzert doppelt wehmütig, mit dem Joost und der MDR-Chor am Wochenende in der passabel besuchten Nikolaikirche das Festival Leipziger Romantik eröffneten. Es steht im Zeichen Anton Bruckners, schmiegt sich geschmeidig zwischen die Großen Concerte des Gewandhausorchesters, in denen Andris Nelsons in dieser Woche anhand der fünften Sinfonie ebenfalls den Nachweis führt, dass die Musik des Linzers in Leipzig bestens aufgehoben ist, und zeigt vom ersten Ton an, was möglich gewesen wäre mit Joost in Leipzig.

Gregorianische Wurzeln

Nein, nicht vom ersten Ton an. Der gehört dem estnischen Ensemble Vox Clamantis und kommt auch nicht von Bruckner, sondern von dessen Wurzeln. Die verkündenden Stimmen, man könnte ihren Namen auch übersetzen mit schreienden solchen, stellen den Chorsätzen des frommen Österreichers die gregorianischen Modelle voran. Sie machen das tadellos – aber nicht so beeindruckend, dass es nicht eine Handvoll Funk-Sänger mindestens ebenso hinbekommen hätte.

Katholische Bekenntnismusik

Was der MDR-Chor indes mit den Tönen Bruckners aus diesen Vorlagen entwickelt, geht tief unter die Haut und beweist einrucksvoll, dass am Ende des 19. Jahrhunderts die katholische Kirchenmusik sich aus ihrer barocken Schickstarre erholt und zur evangelischen Verkündigung in Tönen aufgeschlossen hatte: So zart wie überzeugend spricht aus Bruckners Gradualen, Antiphonen, Motetten, aus den a-cappella-Sätzen und denen mit Posaunen-Begleitung (Eckart Wiegräbe, Sebastian Krause, Fernando Günther und Uwe Gebel vom MDR-Orchester) die Mystik einer nachgerade naiver Glaubensgewissheit.

Vom Gipfel der Tonkunst

Die meisten dieser Werke waren bis vor wenigen Jahrzehnten in der katholischen Kirche Alltagskost von Kirchenchören. „Locus iste“ und „Tota pulchra es Maria“ sind es in vielen Gegenden immer noch. Und weil Bruckner die Entschlackung des Caecilianismus ernstgenommen hat, sind sie auch von Laien darstellbar. Aber das hat dann selbstredend nichts zu tun mit dem, was der MDR-Chor (mit Falk Hofmann als Solist und Danny Wilke an der Orgel) aus diesen spirituellen Kleinodien zu machen vermag. Da werden aus frommer Gebrauchsmusik mit einem Male Bekenntnisklänge vom Gipfel der Tonkunst. Risto Joost liegt diese Musik. Vielleicht übertreibt er es hier und da mit den Schluss-Ritardandi und erbaulichen Effekten aus den Dunstkreis der Chor-Emporen. Aber selbst seine Manierismen singt der grandiose MDR-Chor unter seiner Leitung so entwaffnend schön, dass stilistische Bedenkenträgereien schnell gegenstandslos werden.

Scheinbar Alltägliches

Nur gut eine Stunde dauert dieses Konzert, das in Regers ebenso natürlich überzeugend zugegebenes Nachtlied mündet. Und diese Stunde macht nicht nur melancholisch mit Blick auf vertane Chancen in der Vergangenheit. Sie macht auch neugierig auf Künftiges. Auf Philipp Ahmann, der Joost in Leipzig beerbt und Bruckners geistliche Sätze auf CD produzieren will. Und auf Joost, der am 1. Juni zum eigenen Abschied mit Mozarts ebenfalls scheinbar alltäglicher Krönungsmesse den MDR-Musiksommer eröffnet.

Das Bruckner-Programm überträgt MDR Kultur am 19. Mai ab 19.30. In der Folgewoche ist es nachzuhören unter www.mdr-kultur.de.

Von Peter Korfmacher