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Kultur Regional Robinsonade, Schenkel-Gedicht und der ewige Clemens Meyer
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17:03 21.03.2019
Fotografieren, wie man fotografiert wird: Für Autoren wie den österreichischen Reisereporter Martin Amanshauer (rechts) ist es selbst ein Ereignis, Gast der Leipziger Buchmesse zu sein. Neben ihm Kollege Philipp Böhm und eine Moderatorin. Quelle: Christian Modla
Leipzig

Wie er da sitzt mit der Erich-Honecker-Brille auf der Nase und dem Glas Schwarzbier in der Hand. Und dann röhrt er los mit der von abertausenden Pfeifenzügen gegerbten Stimme. Clemens Meyer ist einfach eine Erscheinung!

Am Mittwoch hat der gebürtige Hallenser, der seiner Wahlheimat Leipzig mit „Als wir träumten“ ein literarisches Denkmal setzte, mal wieder die Lange Leipziger Lesenacht (L3) beehrt – und der inzwischen auf zwei Nächte angewachsenen Leseparty in der Moritzbastei einen ersten Höhepunkt beschert. Am Donnerstag sollten dann nicht minder prominente Autoren folgen: wie Sophie Passmann, die gerade mit „Alte weiße Männer“ gefühlt das gesamte deutsche Feuilleton beherrscht, oder Feridun Zaimoglu, seines Zeichens Bachmann, Chamisso, Wassermann – und viele weitere Literaturpreiseträgern. Letzterer, Jahrgang 1964, zeigt übrigens deutlich, dass die L3 nicht mehr nur eine Schau der jungen deutschsprachigen Literatur darstellt, sondern Autoren allen Alters willkommen sind.

Aber zurück zu Clemens Meyer, der mit seinen 41 Jahren auch nicht mehr zu den ganz jungen Wilden zählt. Gerade hat der Pferdeliebhaber und Inhaber einer kleinen feinen Kolumne zum Reitsport in der LVZ eine Stelle als Stadtschreiber im Hessischen inne, lässt es sich aber nicht nehmen, extra mit dem ICE von Frankfurt zur L3 gesaust zu kommen. Fast pünktlich, wie man es von der Deutschen Bahn gewohnt ist, so dass sich vor der Veranstaltungstonne bereits eine lange Schlange bildet, bis sich um 21.06 Uhr endlich die Tür zum größten Lesesaal an diesem Abend öffnet (der Oberkeller war am Mittwoch noch verschlossen).

Alkohol und das Leben im Allgemeinen

Und wie man es von Meyer kennt, kommt er sofort vom Hundertsten aufs Tausendste und hält – bevor die eigentliche Lesung aus seinem neuen noch unbetitelten Projekt startet – einen 15-minütigen Quasi-Monolog über Tolstoi und Dostojewski, Alkohol als Sujet in der Literatur und dem Leben im Allgemeinen („Wir sind alle Teil eines großen Ganzen“). Das alles in seiner unnachahmlichen Art, die das Publikum mehr als einmal zum lauthalsen Lachen bringt. Schließlich liest er aber doch noch aus „Die zehn Gesänge des Hadschi“ vor. Grob gesagt eine Geschichte über einen Schweizer Salafisten und Staubsaugervertreter, der in der ägyptischen Wüste seine Staubsauger verkaufen will. Klingt nicht nur schräg, ist es auch. Dabei geht es auch um aktuelle Konflikte im Nahen Osten, und Meyer resümiert, dass man über diese nicht ohne ihre komischen Elemente erzählen könne. Denn: „Die Geschichte ist eine Groteske.“

Neben den Stars der Literaturszene bekommen bei der L3 aber immer noch viele Talente die Chance, sich vor einer großen Öffentlichkeit zu präsentieren. So hat etwa eine Stunde vor Clemens Meyer im benachbarten Schwalbennest der 26-jährige Lennart Loss gelesen. Für sein Debüt, eine Kurzgeschichten-Sammlung, war der gebürtige Braunschweiger bereits für den Bachmann-Preis nominiert. Im Gegensatz zu Meyer konnte Loss die Jury aber (noch) nicht von seinem Text überzeugen. Dabei ist die Geschichte, aus der er bei der L3 liest, durchaus amüsant. Es geht darin um die Irrungen und Wirrungen auf einem Kreuzfahrtschiff, das der Kapitän aus Versehen in einen Zyklon steuert – woraufhin sich Besatzung kollektiv erbrechen muss – dadurch aber auf eine Schiffbrüchige aufmerksam wird, die auf einem einsamen Atoll vor sich hinvegetiert. „Ich wollte eine Robinsonade schreiben“, erklärt Loss, „aber anders als die, die man kennt.“

Erste Fabrikate aus dem Deutschen Literaturinstitut Leipzig

Ebenfalls ein Debütant ist Anselm Oelze, der kurz darauf in der Ratstonne seinen Roman „Wallace“ vorstellt. Der Leipziger beschreibt darin das Zusammentreffen der beiden englischen Naturforscher Alfred Russel Wallace und Charles Darwin in Südamerika. Wobei Letztgenannter in die Weltgeschichte eingegangen ist, während Wallace wohl nur Experten kennen – obwohl seine Erkenntnisse ähnlich bahnbrechend waren. „Das ist die Ironie des Schicksals“, erklärt Oelze, der seine Lesung mit einem klassischen Cliffhanger beendet, so dass sicher der eine oder andere Zuhörer am draußen drapierten Büchertisch zu „Wallace“ greifen wird.

Noch gar kein eigenes Werk, aber zumindest eine aktuelle „Anthologie“ hat die „Tippgemeinschaft“ veröffentlicht, die im Schwalbennest Platz nimmt. Mit einer solchen Formation vom Deutschen Literaturinstitut Leipzig (DLL) hat 2005 die L3 angefangen, wie Claudius Nießen erklärt. „Das Publikum soll die ganze Bandbreite der aktuellen Literatur vorgeführt bekommen“, sagt der L3-Organisator.

Daher ist es inzwischen zu einer guten Tradition geworden, dass die derzeitigen DLL-Studierenden bei der L3 ihre ersten Fabrikate vorstellen können. Ganz frisch aus dem Druck kommt die diesjährige Anthologie, erst am Samstag wird sie bei einer Release-Party im DLL offiziell vorgestellt. Doch die ersten Auszüge sind bereits in der Moritzbastei zu hören, etwa Lyrik von Selma Imhof. Die junge Bernerin dichtet über Schenkel und Lider und Brauen und verzaubert dabei zusätzlich mit ihrem leichten Schweizer Akzent.

Anna Kira Koltermann liefert dagegen atemlose Prosa mit vielen Wortspielen über eine sich im Endstadium befindliche Beziehung. Zuletzt liest Linn Penelope Micklitz, die angesichts der fortgeschrittenen Zeit aber nur noch knapp zehn Minuten hat, Texte über das Thüringer Schiefergebirge. Etwas erratisch, aber auch nicht schlecht. Punkt zwölf ist die nicht ganz so Lange Leipziger Lesenacht am Mittwoch beendet – aber zum Glück geht es am Donnerstag ja weiter.

Lange Leipziger Lesenacht, Teil 2, Donnerstag, 19 Uhr, Moritzbastei, Kurt-Masur-Platz 1, Abendkasse 16/14 Euro

Von Christian Dittmar

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