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Kultur Regional Rolando Villázon inszeniert an der Oper Leipzig Gaetano Donizettis „Der Liebestrank
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11:41 13.09.2019
Charlie Chaplin ist immer dabei: Rolando Villázon inszeniert in der Oper Leipzig. Quelle: André Kempner
Leipzig

Am 14. September hebt sich in der Oper Leipzig der Vorhang zur ersten Premiere der Saison: Gaetano Donizettis „L’elisir d’amore“, „Der Liebestrank“. Regie führte Rolando Villazón, Jahrgang 1972, dem als Tenor die Welt zu Füßen lag und der mittlerweile auch als Regisseur mit so klugen wie sinnlichen Inszenierungen auf sich aufmerksam macht.

Sie haben den „Liebestrank“ bereits in Baden-Baden inszeniert – ist das jetzt ihr zweiter, oder ist es der erste zum zweiten Mal?

Weder noch. Es ist der Leipziger „Liebestrank“, mit den Sängern dieser Produktion neu erarbeitet. Aber er beruht auf dem Konzept von Baden-Baden. Und ich finde, dass sich dieser „Liebestrank“ sehr gut weiterentwickelt hat, die Logik, mit der wir die Geschichte hier erzählen, überzeugt mich noch mehr als damals in Baden-Baden.

Ist Logik die richtige Kategorie für eine Oper, in der ein schwärmerischer Depp an Zaubertränke glaubt?

Unbedingt – weil es genau so ja nicht ist.

Was ist nicht so?

Dass da ein schwärmerischer Depp an Zaubertränke glaubt. Nemorino ist kein Idiot, dann wäre die Oper tatsächlich unlogisch – und schon gar kein Meisterwerk.

Was ist er dann?

Eine Art junger Don Quichote. Sein einziges Problem besteht darin, dass er die Welt ernstnimmt, an das glaubt, was er sieht. Darum fällt er auf Dulcamaras billigen Zaubertrank-Trick herein. Aber er tut es mit weit geöffnetem Herzen, und noch nah am glücklichen Ende singt er, dass er als Soldat sterben möchte, keinen Frieden mehr findet, sollte der Doktor ihn betrogen haben. So denkt ein Kind – aber kein Idiot. Man muss nur eine Welt finden, in der ein solcher Charakter sich glaubwürdig bewegen kann.

Sie haben ihn ins Filmstudio geschickt – warum?

Weil genau dies in Hollywood passiert: Seit Generationen bekommen wir da etwas verkauft, was wir für Wirklichkeit halten. Die Leute sehen „Gladiator“ und glauben, dass sie über das alte Rom Bescheid wissen. Sie haben von Hollywood gelernt, wie man beim Rauchen die Zigarette hält, wie Weiberhelden laufen, wie Detektive gucken. Und wenn Sie dann noch sehen, wie viele Leute das, was Populisten ihnen erzählen, nur allzu gern glauben, dann ist „Der Liebestrank“ nicht nur logisch, sondern hat auch eine politische Dimension.

Darf in Ihrem „Liebestrank“ trotzdem gelacht werden?

Aber unbedingt! Es muss gelacht werden. Es ist natürlich vor allem eine komische Oper. Nemorino begegnet an unserem Film-Set, wo gerade ein Western gedreht wir, vielen sehr komischen und sehr bekannten Figuren. Dick und Doof zum Beispiel. Aber es ist kein Slapstick. Weil da so viel Poesie ist, ist es ja eine so gute komische Oper. Sie fußt auf der Commedia dell’arte, geht aber weiter, weil sie es ermöglicht, aus Typen Menschen zu machen.

Und warum tun Sie das an einem Filmset in den 30ern oder 40ern und nicht in dem Dorf im Baskenland um 1815, wo Donizettis Oper eigentlich spielt?

Weil das Theater Inszenierungen braucht, die in die Zeit passen. Dieses Dorfleben am Anfang des vorletzten Jahrhunderts, das könnte ein Film viel besser zeigen, fürs Theater ist dieser Zug längst abgefahren.

Also brechen Sie eine Lanze fürs Regietheater.

Nicht wirklich. Denn das, was Sie hier Regietheater nennen, ist auch schon wieder von gestern. Ebenso wie das abstrakte Theater oder das Rampenstehtheater. Womit ich nicht sagen will, dass das alles überholt wäre. Man muss damit arbeiten.

Wie meinen Sie das?

Ich bediene mich natürlich bei den Konzepten von früher. Hier ein bisschen Regietheater, da etwas Abstraktes. Und manchmal darf ein Sänger auch an die Rampe. Entscheidend ist, dass etwas herauskommt, das erstens geschlossen ist, zweitens neu und drittens echtes Theater. Alles, was wir gelernt haben, dürfen wir zwar nicht kopieren, aber wir dürfen es benutzen. Es ist wie in der Literatur: Niemand nach James Joyce ist von ihm unbeeinflusst geblieben – und trotzdem hat niemand einen zweiten „Ulisses“ geschrieben.

Inszenieren Sie als Sänger anders als andere Regisseure? Nehmen Sie mehr Rücksicht auf die Kollegen? Oder weniger?

Das kann ich nicht beantworten. Denn ich inszeniere nicht als Sänger, sondern als Regisseur. Lassen Sie es mich so sagen: Ich weiß als Sänger sehr genau, was geht, wo vielleicht noch mehr geht, wo man den Sänger auch mal mit der Musik allein lassen muss. Das hilft. Entscheidend ist aber für den Sänger auf der Bühne, dass er sich all das aneignet, dass er mir die Regie ebenso stiehlt wie dem Komponisten die Musik.

Dass er Regie und Musik stiehlt?

Ja, genau so. Auf der Bühne darf man nicht denken. Auf der Bühne muss man machen und sein. Das geht nur, wenn man sich das, was man da macht und ist, so tief angeeignet hat, dass es zum eigenen wird. Nur dann sehen wir auf der Bühne keine Sänger oder Schauspieler, sondern Nemorino, Adina und Dulcamara. Und wenn das passiert, dann bin ich glücklich – ganz gleich, ob als Sänger, als Regisseur oder als Zuschauer.

Wie halten Sie’s als inszenierender Sänger mit der Gretchenfrage der Oper: Was ist wichtiger, das Wort, die Regie also, oder die Musik?

Was ist denn die Regie ohne Musik? Eine Pantomime, so unsinnig wie absurd. Und was ist die Musik ohne Regie? Immer noch eine konzertante Aufführung, der man mit großen Genuss und Gewinn folgen kann. Dennoch würde ich beide niemals gegeneinander ausspielen. Es muss Theater daraus werden, nicht mehr und nicht weniger. Und das funktioniert nur, wenn sie auf Augenhöhe stehen.

„L’elisir d’amore“ war Donizettis 34. Oper, aber der erste wirklich uneingeschränkte Erfolg. Schlecht ist die Musik der Vorgänger-Werke auch nicht. Haben Sie eine Ahnung, warum es da mit dem Publikum nicht klappte?

Ja, wenn man das immer wüsste, hätten wir mehr Melodien wie „Una furtiva lagrima“ oder „Yesterday“. Es liegt ein Zauber in ihnen, der beinahe jeden erreicht – aber nicht zu ergründen ist. Aber die Tenor-Romanze von der flüchtigen Träne aus dem „Liebestrank“ zeigt immerhin die emotionale Wahrhaftigkeit von Donizettis Musik. Nemorino singt dieses Lied ja, weil er glaubt, dass Adina um ihn weine. Er fühlt sich geliebt – und gießt das in eine beinahe traurige Melodie, die in verhaltenem Moll alles stille Glück der Welt umfasst. Wunderbar.

„L’elisir d’amore“ in der Oper Leipzig: Premiere: heute, 19 Uhr, Vorstellungen: 22. September, 3. Oktober, 1. November, 4. Januar, 13. März, 25. April; Karten (17 bis 85 Euro) gibt es unter anderem in der Ticketgalerie Leipzig (LVZ-Foyer, Peterssteinweg 19; Barthels Hof, Hainstr. 1), unter der gebührenfreien Telefonnummer 0800 2181050, unter 0341 1261261 und an der Opernkasse.

Von Peter Korfmacher

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