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Kultur Regional Rückblick auf die Opernsaison 2018/2019:Fürs Repertoire und für Wagner
Nachrichten Kultur Kultur Regional Rückblick auf die Opernsaison 2018/2019:Fürs Repertoire und für Wagner
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17:53 16.07.2019
Höhepunkt: Gaston Rivero und Meagan Miller in „La fanciulla del West“ Quelle: Tom Schulze
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Leipzig

Langsam biegt er auf die Zielgerade ein: Ulf Schirmer, 60, seit 2011 Intendant und Generalmusikdirektor der Oper Leipzig in Personalunion, kehrt dem Haus zum 1. August 2022 den Rücken, um sich nach neuen Aufgaben umzusehen. Und Ulf Schirmer wäre nicht Ulf Schirmer, würde er in Leipzig dann noch Unerledigtes zurücklassen.

Fünfmal Oper, viermal MuKo – die Opern-Saison.

„Der fliegende Holländer“

Zwei kühne Visionen prägen seine Ära, Aufgaben titanischen Ausmaßes. Da wäre zunächst der Plan, alle vollendeten Bühnenwerke Richard Wagners ins Repertoire zu bekommen. Diesem Ziel kam Schirmer in der vergangenen Spielzeit wieder ein gutes Stück näher: Am 30. März hob sich der Vorhang zur Premiere von Richard WagnersDer fliegende Holländer“. Damit fehlen nun nur noch „Tristan und Isolde“ (Premiere ist bereits am 5. Oktober, Schirmer dirigiert, Schauspiel-Intendant Enrico Lübbe führt Regie), ein neuer „Lohengrin“ (2020) und neue „Meistersinger“ (2021). Dann kann Schirmer seinem designierten Nachfolger Tobias Wolff, den der Stadtrat im September noch wählen muss, einen Repertoire-Schatz übergeben, den kein anderes Opernhaus auf der ganzen weiten Welt vorweisen kann.

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Repertoiretauglich jedenfalls ist auch Michiel Dijkemas „Holländer“. Dem Bühnenbildner Dijkema gelang mit seinen überbordenden Bühnenwelten sogar ein großer Wurf: Nicht nur das Holländer-Schiff, das seine blutroten Segel bis weit in den Zuschauerraum stößt, ist im Publikum für offene Münder und Begeisterungsstürme gut. Der Regisseur Michiel Dijkema dagegen bleibt dahinter diesmal zurück. Sein Versuch, Wagners Schauerromantik mit der feinen Ironie Heinrich Heines zusammenzubringen, bei dem der Komponist den Stoff gefunden hatte, bleibt szenisch ungelöst, die Personenführung unentschlossen. Und auch musikalisch werden nicht alle Versprechen eingelöst. Da stehen drei exzellenten Sängern (Christiane Libor, Dan Karlström, Karin Lovelius) weit weniger überzeugende gegenüber, setzt das Gewandhausorchester im Graben dem fabelhaften Chor der Oper Leipzig zur Premiere überraschend viel Unausgereiftes entgegen.

Im Laufe der Saison renkte sich das ein. Und der „Holländer“ hat selbstredend das Zeug, auch die zweite Hauptaufgabe des Intendanten Ulf Schirmer zu erfüllen: Nicht nur Wagner will er seinem Nachfolger vermachen, sondern überhaupt ein großes und funktionierendes Repertoire. Und dafür ist er immer noch damit beschäftigt, die Wunden zu heilen, die seine Vorgänger schlugen. Zum Beispiel mit dem vorletzten „Holländer“, den Christian von zur Mühlen 2008 versenkte und der für den saftigsten Leipziger Opernskandal der letzten Jahrzehnte gut war.

„Carmen“

Bei „Carmen“ dagegen, 2009 von Tatjana Gürbaca verschenkt, reichte es nicht einmal dafür. Eine neue musste trotzdem her. Denn Georges Bizets Oper gehört nicht ohne Grund zu den beliebtesten der gesamten Opernliteratur. Drum durfte sich Lindy Hume erneut an der spanischsten Oper versuchen,die je ein Franzose schrieb. Am 30. November war Premiere, die Titelrolle mit Wallis Giunta hochinteressant bis beglückend gut besetzt. Die ganz große Freude kam dennoch nicht auf. Weil Hume die Binnenakte zäh werden ließ, ihren neuen Stalking-Ansatz nur behauptete und einen allzu großen Schluck aus der Folklore-Pulle nahm, Matthias Foremny überdies im Graben das Gewandhausorchester allzu wohlanständig aufspielen ließ. Repertoiretauglich zweifelsfrei auch dies – aber kein großer Wurf.

„Die verkaufte Braut“

Was auch für Christian von Götz’ „Verkaufte Braut“ gilt, die letzte Premiere der Spielzeit (Premiere war am 16. Juni). Diese Produktion saugt all ihren grellbunten Charme aus der folkloristischen Überzeichnung der herrlichen Kostüme Sarah Mittenbühlers – und aus der Qualität der Musik, für die Magdalena Hinterdobler in der Titelrolle eintritt und Patrick Vogel als Hans, der wunderbare Sebastian Pilgrim als Heiratsvermittler – und auch und vor allem das unter der Leitung Christoph Gedscholds herrlich federnd und sinnlich klingende Gewandhausorchester.

„Schneewittchen“

Das spielt unter Gliedre Šlekyte auch in Felix Langes (Jahrgang 1968) Märchenoper „Schneewittchen“ (Premiere: 9. März) sehr gediegen. Ins Repertoire gehört dieses Produktion dennoch nicht. Weil allen musikalischen und szenischen (Regie führte Ex-MuKo-Ensemblemitglied Patrick Rohbeck) Bemühungen zum Trotz, das zähe und unsinnliche Werklein erst in der letzten Viertelstunde Fahrt aufnimmt.

„La fanciulla del West“

So steht als Opernhöhepunkt am Ende der Spielzeit überraschend ihr Anfang da: Cusch Jungs Inszenierung von Giacomo PuccinisFanciulla del West“ (Premiere war am 29. September). Der MuKo-Chefregisseur erzählt in seinem Opern-Debüt sauber eine klassische Dreiecksgeschichte im Wilden Westen, er entwickelt große Genre-Tableaus in den Außenakten und bleibt in Minnies Hütte psychologisch glaubwürdig. Dazu singen Meagan Miller, Gaston Rivero und Simon Neal in den Hauptpartien die Sterne vom Himmel, der Chor des Hauses und das Gewandhausorchester unter Schirmers Leitung bleiben dahinter nicht zurück.

„On the Town“

Auch am kleinen Haus, in der Musikalischen Komödie setzte Jung einen der beiden Saison-Glanzpunkte: Bei Leonard Bernsteins Musical-Bilderbogen „On the Town“ (Premiere: 25. Januar) schubst er ohne Unterbrechung immer neue szenische Einfälle auf die Bühne, mal poetisch, mal albern, mal geistreich, mal grotesk. Und Chefdirigent Stefan Klingele sorgt im Graben dafür, dass auch musikalisch alles fein wird.

„Die Herzogin von Chicago

Für den zweiten Höhepunkt am Haus sorgten Ulrich Wiggers als Regisseur und Tobias Engeli am Pult: Emmerich Kálmáns viel zu selten gespielte „Herzogin von Chicago“. Ein wunderbares Kaleidoskop der Stile und der Genres, mal sentimental, mal witzig, mal durchgeknallt, mal kitschig. Aber unterhaltsam und musikalisch überzeugend vom ersten bis zum letzten Ton. Diese Produktion war die letzte mit einer großen Rolle für Radoslaw Rydlewski, der nicht über die Saison hinaus verlängert wurde. Rätselhaft. Denn um den Wundertenor beneideten viele das Haus, und die 15-Jahre-Regelung, die die MuKo als lapidare Begründung vors Loch schob, greift bei ihm nicht: Erst 2007 kam er ins Ensemble.

Unerhebliches

Wie auch immer: Den Rest vom MuKo-Fest konnte man 2018/19 getrost in den Skat drücken: Axel Köhler holte Paul Burkhards unnötigen Wirtschaftswunderschwank „Das Feuerwerk“ unnötigerweise in den Leipziger Wende-Herbst (13. April), und Klaus Seiffert fuhr am 1. Juni Leo FallsMadame Pompadour“ von keiner nennenswerten szenischen Idee gebremst vor die Wand. Fürs Repertoire taugt derlei nur bedingt. Und beim ganzen Wagner hilft es naturgemäß schon gar nicht.

Am 25. August geht es trotzdem wieder los: Im großen Haus steht dann „Die verkaufte Braut“ auf dem Spielplan, als erste Premiere steht hier bereits am 14. September Donizettis „Liebestrank“ an, inszeniert von Rollando Villazón und dirigiert von Gliedre Šlekyte. In der MuKo bleibt in der kommenden Saison abends das Licht aus. Hier wird der Zuschauersaal komplett umgebaut. Ausweichspielstätte ist das Westbad, hier geht’s am 7. September mit einem großen Eröffnungsfest los.

www.oper-leipzig.de

Von Peter Korfmacher