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Kultur Regional Rückenwind für die tschechische Literatur
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18:01 24.03.2019
Besucher am Tschechischen Nationalstand in der Messehalle 4. Quelle: Jan Woitas / dpa
Leipzig

„286 000 Besucher haben ihre Begeisterung für Bücher, Autoren und Verlage zum Ausdruck gebracht und bestätigen damit die Kraft und Faszination des Wortes“, sagte Martin Buhl-Wagner, Geschäftsführer der Messe, zum Abschluss der Leipziger Buchmesse am Sonntag. Die ist mit einem Besucher-Plus zu Ende gegangen, nachdem 2018 ein Wintereinbruch die Zahl auf 271 000 gedrückt hatte. Die nächste Buchmesse findet vom 12. bis 15. März 2020 statt.

Am letzten Messetag gesteht Martin Krafl, Programmkoordinator des tschechischen Gastlandauftritts: „Ich habe ganz schön Herzklopfen gehabt.“ Herzklopfen, weil niemand wusste, wie der Tschechische Nationalstand angenommen werden würde. Doch der Stand entpuppt sich vom ersten Tag an in seiner Mischung aus Lesungen und Diskussionen als Publikumsmagnet, ist für Auftritte wie dem Gesprächsdoppel mit Radka Denemarková und Jáchym Topol am Donnerstag eher zu klein dimensioniert. Zwei herausragende Autoren, Seismographen für gesellschaftliche Entwicklungen global und in Tschechien. Schwarzhumorig ist der Zugriff in Topols Werk, Denemarková kleidet analytischen Scharfsinn in eine poetische Sprache. Gradliniger bezieht sie in der Diskussion Stellung. Sie, die viel Zeit in China verbracht hat, ein Buch schrieb über Dissidenten, das gerade auf Tschechisch erschienen ist und ihr in China bereits ein Einreiseverbot beschert hat, sie zieht die Verbindungslinien. Auch in Tschechien beobachte sie die Aushöhlung der Demokratie – „weil wir Demokratie auf Business reduziert haben“. Schleichend würden Begriffe und Werte umgedeutet, heutige Politiker machten sich über die Charta 77 lustig. „Wenn die Demokratie verloren geht, kommt das nicht plötzlich, sondern Zentimeter um Zentimeter“, sagt sie in einem Interview, das in der ersten Ausgabe der täglichen, achtseitigen Messezeitung des Gastlandes abgedruckt ist. Auch die Zeitung – neben dem Stand und vielen Veranstaltungen in der Stadt – dient dem Gastland als wirkungsvolles Vehikel, dem Publikum 55 tschechische Autoren nahe zu bringen.

Deutlicher als die Belletristik werden politische Autoren wie Jirí Pribán, in Prag geboren, heute an der Universität Cardiff Leiter des rechtssoziologischen Zentrums. In einer Diskussion in der Stasi-Gedenkstätte am Freitagabend gibt er Einblick in die tschechische Spezifik des global um sich greifenden Rechts-Populismus. „Man gewinnt mit Anti-Politik“, sagt er. Das Misstrauen gegen politische Eliten sei groß, trotz einer boomenden Wirtschaft. So ist es kein Zufall, dass ein Milliardär und Unternehmer wie Andrej Babiš als Ministerpräsident das Land führt. Womit man wieder bei Denemarkovás These landet: Ökonomie triumphiert über Demokratie.

Auch Dramatiker Roman Sikora, neben bekannten Theaterautoren wie Arnošt Goldflam oder David Drábek zu Gast, knöpft sich mit politischen Grotesken seine Heimat vor. Sein „Schloss an der Loire“, als szenische Lesung am Donnerstag in der Schaubühne aufgeführt, spielt unverkennbar auf Babiš ab. Ein Politiker und Milliardär entsorgt seine Ehefrau in einem Schlösschen, umgibt sie mit Personal. Ein doppeltes Spiel: Demaskierung der Macht, gleichzeitig blickt der Westen vom Loire-Schlösschen aus immer noch mit Befremden und Vorurteilen auf Tschechien. Der Eiserne Vorhang lebt in den Köpfen fort.

Man kann sich festbeißen an den politischen Strömungen in der tschechischen Gegenwartsliteratur, muss es aber nicht. Der Gastland-Auftritt zeigt Tschechiens literarische Vielfalt, zeigt etwa Bestseller-Autoren wie Jirí Hájícek („Der Regenstab“), zeigt Michal Ajvaz’ sprudelnde Fantasie mit der Freude an surrealen Momenten in „Die Rückkehr des alten Waren“, zeigt Schicksale und persönliche Entwicklungen wie in Bianca Bellovás mit dem tschechischen Buchpreis Magnesia ausgezeichneten „Am See“ und zeigt natürlich Jaroslav Rudiš’ verschrobenen Protagonisten Winterberg in „Winterbergs letzte Reise“. Rudiš’ erster auf Deutsch verfasster Roman, nominiert für den Preis der Leipziger Buchmesse, gespickt mit bizarren historischen Details über Mitteleuropa, die sich in den atemlos-rhythmischen, von Wiederholungen durchdrungenen Monologen Winterbergs zu einem doppelt belichteten Bild verbinden: Die Gegenwart und das zweisprachige Böhmen der späten Habsburger Monarchie legen sich vielsagend übereinander.

Rudiš stand mit der siebenköpfigen Band Kafka schon bei der inoffiziellen Eröffnung am Mittwochabend in der Schaubühne Lindenfels auf der Bühne, an der Seite von Comiczeichner und Musiker Jaromír 99. Kafkas Romanfragment „Amerika“ haben sie vertont. Und das Konzert gerät zum gelungenen Auftakt, dient Franz Kafka doch auch für viele heutige Autoren als Bezugspunkt. Und spätestens wenn die Band stampfend das Gewimmel New Yorks, wo Kafkas Romanheld Karl landet, heraufbeschwört, denkt man schon an die Menschenmassen an den vier Messetagen.

Im Getümmel ragt noch ein zweiter tschechischer Stand auf, reserviert für das Kinderbuch, das einen eigenen Auftritt verdient: Rund ein Drittel der Neuerscheinungen im Nachbarland sind dem Kinder- und Jugendbuch zuzurechnen. Doch nur wenige gelangen auf den deutschen Markt. Was sich vielleicht ändert mit dieser Buchmesse und Einblicken in das Werk von Autoren wie Petr Sís oder Vratislav Manák. Iva Procházková, Botschafterin des tschechischen Kinderbuchs, schwärmt von selbstbewusst-frechen Figuren, anarchischem Geist und Steampunk-Momenten.

Kaum einem Gastland ist es bisher gelungen, die eigene Literatur so sichtbar auszustellen wie Tschechien. Bücher wie das von Rudiš sind in der Messebuchhandlung ausverkauft. „Sogar die Security-Leute haben mich mit Ahoj begrüßt“, sagt Krafl. Der gemeinsame Kraftakt vom Tschechischen Kulturministerium, Verlagen, dem Deutsch-Tschechischen Zukunftsforum und weiteren Akteuren habe sich gelohnt. Was jetzt passieren muss, um den Aufmerksamkeitsschub für tschechische Autoren langfristig zu nutzen? „Jetzt dürfen wir nicht wieder in Einzelkämpfer zerfallen“, sagt Krafl. Und die Mitarbeitet am Stand verteilen fleißig Ahoj-Anstecker.

Von Dimo Rieß

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