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Kultur Regional „Ausgrenzung ist der falsche Weg“ – Ministerin über die Freiheit der Kunst
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17:15 10.06.2019
Eva-Maria Stange (62), Kunstministerin in Sachsen. Quelle: André Kempner
Leipzig

Politische Polarisierungen haben den Kulturbetrieb erreicht. Lesungen werden abgesagt, Diskussionsrunden und zuletzt die 26. Leipziger Jahresausstellung. Am 12. Juni soll sie nun doch noch öffnen, aber ohne Bilder des Künstlers Axel Krause. Der Maler steht der AfD nahe, an seinen politischen Äußerungen auf Facebook hatte sich der Streit entzündet.

Um die Freiheit der Kunst und den Umgang mit Vertretern des Kulturbetriebs geht es am 11. Juni in einer Podiumsdiskussion im Leipziger Museum der bildenden Künste. Und darüber spricht Sachsens Kunstministerin Eva-Maria Stange (SPD), im LVZ-Interview mit Janina Fleischer.

Frau Stange, ab Mittwoch wird die Leipziger Jahresausstellung nach einigem Hin und Her nun doch zu sehen sein. Allerdings ohne die Bilder des der AfD nahestehenden Malers Axel Krause. Halten Sie die Entscheidung, den Künstler auszuschließen, für richtig?

Ich halte diese Entscheidung für falsch. Die Jahresausstellung ist ein bewährtes Format, in dem Leipziger Kunst präsentiert wird. Wenn eine Fachjury entschieden hat, dass ein Werk dieses Malers aus künstlerischen Gründen gezeigt werden sollte, dann muss diese Entscheidung gelten. Es geht nicht, dass Menschen wegen ihrer politischen Haltung stigmatisiert und gesellschaftlich ausgeschlossen werden. Die AfD ist eine demokratisch gewählte Partei. Ich kann sehr verstehen, dass man ihre Positionen nicht teilt und aus guten Gründen ablehnt. Aber wir leben zum Glück in einer Demokratie und die fordert uns auf, uns mit Positionen auseinanderzusetzen. Ausgrenzung ist der falsche Weg, damit spaltet man die Gesellschaft.

Blick in die 26. Leipziger Jahresausstellung. Nach dem Streit um den AfD-nahen Künstler Axel Krause soll die Werkschau nun doch stattfinden – ohne Krause.

Auf den Buchmessen in Leipzig und Frankfurt am Main hat die Teilnahme rechter Verlage für Momente die Aufmerksamkeit abgezogen vom Eigentlichen. Wäre es besser gewesen, sie zu ignorieren?

Wie für bildende Künstler gilt auch für Verlage die Meinungs- und Kunstfreiheit. Das schließt ihre Teilnahme bei Buchmessen natürlich ein, solange sie auf dem Boden unseres Grundgesetzes agieren. Man kann und sollte den Positionen der dort verlegten Autoren mit Argumenten entgegentreten. Ein Ausschluss ist keine Lösung, solange nicht extremistische Meinungen vertreten werden, die als verfassungsfeindlich eingestuft werden.

„Die Verunsicherung ist enorm“

Die Absage von Veranstaltungen wie Diskussionsrunden, Lesungen oder Ausstellungen spricht für eine tiefe Verunsicherung, was den Umgang mit politischen Positionierungen betrifft. Welche Art von Umgang mit der AfD und neuen Rechten müssten Kulturszene und Gesellschaft finden?

Ich nehme auch wahr, dass die Verunsicherung im Kulturbetrieb und nicht nur dort enorm ist. Der demokratische Diskurs steht vor einer großen Herausforderung. Wir können und müssen nun zeigen, wie stark unsere Debattenkultur, unsere Argumente für eine menschliche, tolerante und freiheitliche Gesellschaft tatsächlich ist. Sie wurde oft genug und zu Recht für ihre Qualität gepriesen in der Geschichte der Bundesrepublik und insbesondere während der Zeit der Friedlichen Revolution.

Sie sehen den Herbst 1989 als Vorbild?

Hätte es in diesen Tagen vor 30 Jahren nicht Menschen gegeben, die mit dem friedlichen Dialog, der von Zuhören und Argumenten lebt, einen politischen Wechsel einleiteten – wo wären wir dann heute in Deutschland? Jetzt kommt es zur Belastungsprobe für alle Demokraten. Ich plädiere für einen sachlichen Streit der Argumente, für eine Auseinandersetzung etwa mit dem kulturpolitischen Verständnis der AfD und ihrer Anhänger. Wie steht die AfD zur Freiheit der Kunst und der Meinungsfreiheit? Was bedeutet die Ankündigung, Soziokultur zu kürzen oder ganz zu streichen aus unserem kulturellen Leben? Wie steht es um die Internationalität und den Austausch mit unseren europäischen Nachbarn? Darüber müssen wir reden!

„Die Kunst ist nie vom Künstler zu trennen“

Also sollte man mit Künstlern, die rechte Ideologien vertreten, umgehen wie mit allen anderen Künstlern auch?

Wenn wir es ernst meinen mit der Freiheit der Kunst, dann muss man sie gleich behandeln. Die politische Haltung eines Künstlers zu ergründen, wäre Gesinnungsschnüffelei. Aber jedem steht frei, sich zu öffentlich geäußerten Haltungen dieser Künstler zu Wort zu melden, sie zu bewerten oder dagegen zu protestieren.

Abgesehen von wenigen, die ihren Standpunkt direkt in ihrer Arbeit thematisieren, wird das politische Denken anderer erst deutlich, wenn man ihre Social-Media-Profile liest oder die Unterschriftenlisten von Petitionen. Wie politisch ist das Private eines Kunstschaffenden?

Die Kunst ist nie vom Künstler zu trennen. Aber natürlich hat jeder Künstler und jede Künstlerin eine persönliche Meinung, die er auch öffentlich äußern kann. Auch hier gilt: Meinen wir es ernst in unserer Gesellschaft mit der Meinungsfreiheit, dann muss man manchmal auch Dinge ertragen, die schwer zu ertragen sind – solange sie nicht die Grundwerte unseres Grundgesetzes verletzten. Damit muss man umgehen und klare Position beziehen. Aber man muss auch nicht jeder Provokation auf den Leim gehen. Denn wir machen gegebenenfalls den Provokateur erst interessant. Wer hätte über den ausgeschlossenen Künstler je gesprochen, wenn seine Werke nicht künstlerisch wertvoll sind?

Schon am 6. Juni sollte in der Werkschauhalle 12 der Spinnerei eigentlich die 26. Leipziger Jahresausstellung eröffnet werden. Nun ist der 12. Juni geplant. Quelle: Christian Modla

Was genau können Kunst und Kultur rechtsnationalem und demokratiefeindlichem Denken entgegensetzen?

Sie sollen dieses Denken und Handeln mit ihren Mitteln entlarven. Kunst und Kultur können wunderbar zuspitzen und überzeichnen. Viel besser als jeder Politiker, viel deutlicher und klarer die Konsequenzen solchen Denkens sichtbar machen – im Bild, im Theaterstück, im Tanz ... Kunst ist berührend und greift unsere Emotionalität an. Sie geht damit viel mehr unter die Haut als viele Worte über Menschlichkeit, Zukunftsoptimismus, Offenheit für Fremde. Kunst und Kultur können aufklärerisch wirken ohne zu belehren, sie können Mut machen und den ständigen Angstmachern etwas entgegensetzen.

Hat das Einfluss auf Entscheidungen, was die Förderung von Projekten und Institutionen betrifft?

Die öffentliche Hand hat darauf zu achten, dass gleiche, faire und transparente Förderbedingungen umgesetzt werden. Der vom Volk gewählte Sächsische Landtag entscheidet zum Beispiel über den Haushalt, was gefördert wird. Natürlich wird je nach den politischen Mehrheiten entschieden, und so gibt es dann mehr oder weniger Förderung für Soziokultur, für ein Programm „Weltoffenes Sachsen“, für Theater und Orchester und so weiter. Im Rahmen der Förderung entscheiden dann die Kultureinrichtung oder ein geförderter Künstler vollkommen frei – in den Grenzen des Grundgesetzes – über die Inhalte des künstlerischen Schaffens.

„Niemand darf sich kulturell ausgeschlossen fühlen“

Ein kulturelles Angebot zielt auf die sogenannte Mitte der Gesellschaft. Dazu gehört auch die Möglichkeit der Teilhabe. Wie sehen Sie das kulturelle Angebote außerhalb der Großstädte, für ältere Menschen, sozial Schwache, Kinder und Jugendliche in Sachsen?

Sachsen ist das Land mit der höchsten Dichte an Kultur mit Theatern, Orchester, Museen und soziokulturellen Einrichtungen. SPD und CDU haben sich bereits im Koalitionsvertrag 2014 klar zur besseren Förderung jenseits der Großstädte ausgesprochen. Wir haben in den letzten fünf Jahren die Förderung der Kulturräume – die Basis für die Kultur im ländlichen Raum – um elf Millionen Euro erhöht, soviel wie noch nie. Wir haben mobile Kulturangebote auf den Weg gebracht und die Arbeitsbedingungen für die kommunalen Theater und Orchester deutlich verbessert. Niemand darf sich kulturell ausgeschlossen fühlen. Deshalb müssen wir noch mehr tun, damit auch kleine Vereine in den Gemeinden beispielsweise einen Jugendklub gründen können oder ein Festival organisieren.Kunst und Kultur müssen für alle erreichbar sein.

Die 26. Leipziger Jahresausstellung

Die 26. Leipziger Jahresausstellung beginnt am 12. Juni, geöffnet ist die Schau in Halle 12 der Spinnerei von Dienstag bis Freitag 13 bis 18 Uhr, am Samstag von 11 bis 16 Uhr und am Sonntag von 14 bis 18 Uhr. Eine Eröffnungsveranstaltung ist nicht geplant. Hintergrund sind dem Vernehmen nach große Sicherheitsbedenken seitens des Vereins. Die Ausstellung geht bis 30. Juni.

Einen Tag vor der Eröffnung findet am 11. Juni um 19 Uhr im Leipziger Museum der bildendenden Künste eine kulturpolitische Diskussion statt. Podiumsgäste sind unter anderem der Maler Axel Krause, Galeristin Arne Linde (ASPN in der Spinnerei) und Rainer Schade, langjähriger Vorstandsvorsitzender des Vereins Leipziger Jahresausstellung. Die Moderation übernimmt Museumsdirektor Alfred Weidinger.

In Freiberg hatten AfD-Stadträte dem Mittelsächsischen Theater Wahlwerbung unterstellt, der parteilose Oberbürgermeister Sven Krüger hat daraufhin dem Haus untersagt, die Veranstaltung „Dialog – Wir haben die Wahl 2019. Was ist zu tun?“ stattfinden zu lassen. In welchem Ausmaß sollten und dürfen Kultureinrichtung über das eigene künstlerische Angebot hinaus ihre Räume für politische Diskurse öffnen?

Es wurde in mehreren Bundesländern von der AfD versucht, den Theatern einen Maulkorb zu verpassen. Es ist unsere Aufgabe als Träger von Theatern, die Freiheit der Kunst zu verteidigen. Öffentlich geförderte Theater haben auch einen gesellschaftspolitischen Auftrag, und die Intendanten sind für die künstlerischen Inhalte verantwortlich. Die Kulturminister der Länder haben im März den Kultureinrichtungen mit einer gemeinsamen Erklärung den Rücken gestärkt. Ich bin sehr froh, dass das Staatsschauspiel seit 2015 das Montagscafé durchführt und am Sonntag interessante Referenten zu Wort kommen lässt. Viele Theater im Freistaat bieten sich als Raum für die Auseinandersetzung mit aktuellen Themen an und genau das brauchen wir in unserer bewegten Zeit.

Und wie verhält es sich mit den Angestellten dieser öffentlichen Räume? In Dresden hat die parteilose Bibliotheksleiterin der Hochschule für Bildende Künste (HfBK) bei den Kommunalwahlen im Landkreis Meißen für die AfD kandidiert.

Solange öffentliche Angestellte wie die Bibliotheksleiterin nicht während ihrer Dienstzeit, in dem Fall innerhalb der Hochschule, parteipolitisch agieren, ist es ihre persönliche Angelegenheit. Keine Gesinnungsschnüffelei – das hatten wir lange genug. Wo sind die Grenzen des Privaten? Eine Hochschule ist ein guter Ort, den streitbaren Diskurs zu führen – über Inhalte, über demokratische Werte unserer Gesellschaft. Wenn wir die Meinungsfreiheit selbst nicht mehr tolerieren und damit angemessen umgehen, dann werden unsere Grundwerte verletzt.

Sehen Sie die Freiheit der Kunst in Deutschland in Gefahr?

Noch nicht! Aber sie ist keine Selbstverständlichkeit mehr. Man kann sehen, was in anderen Ländern in Europa oder Amerika geschieht. Diktaturen kennen keine Kunstfreiheit. Das sollte die Lehre aus der deutschen Geschichte sein. Die Demokratie wird heute leider von zu vielen Menschen infrage gestellt, deshalb müssen wir sensibel sein und Angriffe aus dem rechten Spektrum bewusst wahrnehmen.

Von Janina Fleischer

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