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Kultur Regional Saison-Auftakt mit Faust I+II
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19:00 19.09.2018
Probeneinblick zu „Faust“ im Schauspiel. Quelle: Rolf Arnold / Schauspiel
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Leipzig

Sebastian Hartmann interpretierte den „Faust“, den er „Mein Faust“ nannte und ohne Worte spielen ließ. Wolfgang Engel zuvor ebenso, „Faust I + II“ feierte Premiere zum Jahrtausend-Silvester. Enrico Lübbe war damals Regie-Assistent, und jetzt nimmt er sich als Nachfolger auf dem Intendanten-Sessel des Leipziger Schauspiels selbst Goethes großes Drama vor, ebenfalls beide Teile. Am Samstag der kommenden Woche findet die Premiere statt. In der Residenz auf dem Spinnereigelände, Performance-Bühne des Schauspiels, ist die erste Premiere der Spielzeit allerdings schon am Freitag zu sehen mit „Power House“ von Planningtorock.

„Faust“ zu inszenieren, das ist ein bisschen so, wie als Bundestrainer die Fußball-Nationalmannschaft aufzustellen. Lübbe jedenfalls sagt: „Die Erwartungen sind hoch. Jeder glaubt den Faust zu kennen und zu wissen, wie es geht.“ Lübbe hat sich mit seinem Team im Vorfeld intensiv der Rezeptions-Geschichte gewidmet und dabei für Teil I seiner Inszenierung einen Blickwinkel herausgearbeitet, der im Mittelpunkt stehen soll: der Einzelne in der Gesellschaft, Konformitätserwartung versus freie Entfaltung des Individuums. Und er erklärt es mit der Szene „Am Brunnen“, in der Bärbelchen, die gegen die Konventionen der Zeit verstößt, nicht Mitleid, sondern Vorwurf und Häme entgegenschlägt.

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Das sei übrigens, so Lübbe, die Szene im ganzen Werk, die Goethe in seinem über Jahrzehnte währenden Schaffen am Faust-Stoff unverändert hielt. Wer ausschert, wird gemaßregelt. Lübbe: „Das ist die Welt, in der Faust lebt und mit der er nicht mehr klarkommt. ,Faust’ ist ein Drama gegen die Kleinbürgerlichkeit, paradoxerweise von den Deutschen zum Nationaldrama gemacht. Die Aussage wurde ins Gegenteil verkehrt. Das ist wie mit dem Satz: Mein Leipzig lob ich mir. Das sagen besoffene Studenten in Auerbachs Keller.“ Ästhetisch soll die Wirkung der Masse und der Zwang zur Konformität mit einem großen Chor erzeugt werden.

Ich Ich Ich Ich Ich

Der Inszenierungs-Ansatz schließt sich direkt an das Spielzeit-Motto „Ich Ich Ich Ich Ich“ an, das ja nicht als Lobgesang auf den Individualismus zu interpretieren ist, sondern im Gegenteil die Auswirkung egozentrischer Sichtweisen vom Wutbürger bis zur nationalistischen Politik kritisch hinterfragt. Der Soziologe Andreas Reckwitz dient mit seinem Buch „Die Gesellschaft der Singularitäten“ als Stichwortgeber. Reckwitz breitet darin seine Theorie über die spätmoderne Gesellschaft aus und bietet Erklärungsansätze für die aktuelle gesellschaftliche Polarisierung. Reckwitz ist im Laufe der Spielzeit auch als Gast der Experten-Gesprächsreihe eingeplant, die vor drei Jahren begonnen wurde.

Das Schauspiel will sich weiterhin in den gesellschaftlichen Diskurs einbringen, die Ausschreitungen von Chemnitz haben auch das Leipziger Theater aufgewühlt. Lübbe war in Chemnitz Intendant, einige Schauspieler haben am Chemnitzer Theater gespielt und kürzlich bei „Wir sind mehr“-Konzert Gesicht gezeigt. „Es ist wichtig, dass wir als Theater ein Kommunikationsort bleiben“, so Lübbe. Aber: „Wir sind kein Kabarett.“ Tagesaktuelle Entwicklungen wolle man nicht durch einen Schnellschuss auf die Bühne bringen.

Um aktuelle Entwicklungen geht es dennoch in „Faust II“, ohne Goethes ausuferndem und sprunghaften Erzählstrang zu folgen. „Wir beschäftigen uns mit drei Themen in ihrer heutigen Relevanz, aber nicht als klassische Theater-Inszenierung“, sagt Lübbe. Das Publikum wird auf drei Touren aufgeteilt. Tour 1 hakt ein bei Faust, der dem Kaiser das Papiergeld bringt und beschäftigt sich mit virtuellem Reichtum und Finanzblasen. Dafür geht es quer durch die Stadt in die Alte Handelsbörse.

Tour 2 widmet sich im alten Anatomiehörsaal der Uniklinik Schöpfungsträumen, greift also Goethes Homunkulus auf und schlägt die Brücke zur heutigen Forschung rund um Künstliche Intelligenz.

Tour 3 zieht ins Völkerschlachtdenkmal und setzt inhaltlich bei Philemon und Baucis an, die sich der Umsiedlung aus einer von Faust geschaffenen Landschaft widersetzen. „Das ist, wenn man an Pödelwitz denkt, hoch aktuell: Menschen müssen weichen“, sagt Lübbe und verweist auf den Ortsteil von Groitzsch, der dem Tagebau zum Opfer fällt.

Auftakt am Freitag mit „Toot!“

Aufgenommen wird die Spielzeit bereits am Freitag mit der Wiederaufnahme des Tanzstückes „Toot!“, einer Kooperation von Schauspiel und Ballett Leipzig. Und mit der Premiere von Planningtorock in der Residenz. Dahinter steht die in Berlin lebende Künstlerin Jam Rostron, die in der Residenz bereits ihr Konzert „Human Drama“ zeigte und jetzt ebenfalls musikalisch die Themen „Liebe, Heilung und Überleben“ thematisiert, wie es in der offiziellen Ankündigung heißt. Ausgangspunkt ist die intensive Auseinandersetzung von Planningtorock mit ihrer Mutter und ihrer behinderten Schwester. Ein sehr persönlicher Abend nicht zuletzt darüber, wie Menschen vom Rand in einer nicht auf Inklusion vorbereitete Gesellschaft bestehen.

Die Zweitbühne Diskothek schließlich, im Laufe der Spielzeit noch Uraufführungs-Ort neuer Stücke von Wolfram Höll und Thomas Köck, wird erstmals am 19. Oktober mit „Ännie“ von Thomas Melle bespielt.

„Power House“, 21. Sept., 20 Uhr, Residenz (Spinnereistr. 7, Halle 18) „Faust I+II“, 29. Sept., 18 Uhr, Große Bühne (Bosestr. 1)

Von Dimo Riess

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