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Kultur Regional Saisonauftakt mit humanistischer Vision
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17:45 02.09.2018
Cellist Yo-Yo Ma bedankt sich beim Gewandhausorchester. Quelle: André Kempner
Leipzig

Am Ende ist er sichtlich geschafft. Andris Nelsons fährt mit beiden Händen durch sein nassgeschwitztes Haar und lehnt sich aufs Dirigentenpult. Nach dem furiosen Finale aus Béla Bartóks Konzert für Orchester ist er erschöpft, aber glücklich. Die Eröffnung der 238. Gewandhaussaison, der ersten nach seiner Amtseinführung und dem 275. Geburtstag des ältesten bürgerlichen Orchesters der Welt, sie hat Kraft gekostet.

Hinter Nelsons und den Musikern um Konzertmeister Sebastian Breuninger liegt kein leichter Aufgalopp. Ausschließlich Werke des letzten und dieses Jahrhunderts hatten die Programmplaner des Gewandhauses angesetzt, darunter eine europäische Erstaufführung und ein etwas verspäteter Geburtstagsgruß zum 100. an den großen Leonard Bernstein. Und als Auftakt der 2. Boston-Woche sollte das Große Concert auch noch herhalten.

Der „Alliance“ zwischen Boston Symphony Orchestra und Gewandhausorchester ist es zu verdanken, dass die ersten Töne, die Nelsons in der neuen Saison zum Klingen bringt, aus Übersee stammen. Sean Shepherd, Jahrgang 1979, darf sich freuen, seine „Express Abstractionism“ wenige Monate nach der Bostoner Premiere im Gewandhaus vorgeführt zu bekommen. Inspiriert ist das viersätzige Werk, wie der Titel schon nahelegt, vom Abstrakten Expressionismus. Als Ideengeber nennt Shepherd die Künstler Alexander Calder, Wassily Kandinsky, Lee Krasner, Piet Mondrian und – mit besten Grüßen nach DresdenGerhard Richter.

Das Brodeln zum Kochen gebrachten Wassers

Man muss kein ausgewiesener Kunstkenner sein, um Shepherds Musik zu verstehen, weil seine Musik trotz extravaganter Titelgebungen wie „Dichte Blasen, oder Calder, oder: Der Ursprung des Lebens“ mit erfreulich sinnlicher Selbstverständlichkeit zum Hörer spricht. Wer will, fühlt in den irisierenden Klängen von Celesta, Harfe und Schlagwerk den Lufthauch, den ein Calder-Objekt unter freiem Himmel umspielt. Oder findet in den ziselierten Holzbläser-Figurationen die Verdrahtungen des Kunstobjektes abgebildet. Oder spürt, sofern er mag, in der Klangmelange aus schrubbenden Streichern und Schellengeklingel das Prickeln, Brodeln und Aufschäumen zum Kochen gebrachten Wassers.

Shepherd will, wie er in einem Interview wissen lässt, seine Hörer hineinziehen in einen Klangkosmos, dessen Stimmungen und Atmosphären sich rasend schnell verändern. Als Instrumentator ist er ein Feinmechaniker, der die Farben eines Regenbogens im Innern eines Blitzes (zweiter Satz) genauso zu schattieren versteht, wie er die Linien eines Marmorblocks (dritter Satz) nachzuzeichnen im Stande ist oder Mond und Sonne auf einer schimmernden Klangfläche eins werden lässt. Dafür gibt es ausführlichen Applaus, für den Nelsons den Komponisten auf die Bühne winkt.

Zwischen dem üppigen Klangzauber der „Express Abstractionism“ und Dmitri Schostakowitschs erstem Cellokonzert in Es-Dur besteht ein erheblicher Unterschied. Dort ein Riesenorchester und vagierende Stimmungen, hier eine eher kleine Besetzung und klar umrissene Themen. Dass Yo-Yo Ma mit dem Solopart betraut ist, erweist sich als Glücksfall an diesem Abend.

Nicht nur, weil mit dem 1955 geborenen Amerikaner chinesisch-französischer Abstammung ein Weltklasse-Cellist den Bogen führt, der über Unterrichtserfahrung beim legendären Mstislaw Rostropowitsch verfügt, dem Widmungsträger und Uraufführungssolisten des Konzertes. Sondern auch, weil Nelsons und Yo-Yo Ma dieselbe Musizierhaltung verbindet.

Introvertierte Klanglichkeit

Beide gehen das Werk eher defensiv an, steigern das Spaßhafte nicht ins Groteske und das Elegische nicht ins Sentimentale. So entsteht ein Zusammenspiel, das weit über das bloße Dialogisieren hinausgeht, wo alte Hierarchien ihre Gültigkeit verlieren, wo kein Diktator befiehlt oder Untergebene zu parieren hätten. Diese zutiefst humanistische Vision mündet in die Cadenza des dritten Satzes ein: Der Solist, von der Welt alleingelassen, darf hier seiner Trauer in verzweifelnden Gesten freien Lauf lassen. Jedes Pizzicato, das Yo-Yo Ma in den Saal entsendet, wird da zum erschütternden Ereignis.

Von ähnlich introvierter Klanglichkeit sind die „Three Meditations“ für Cello und Orchester aus Leonard Bernsteins Musiktheater „Mass“, die im Gedenken an den großen Jubilar die zweite Hälfte eröffnen. Bereits die ersten Einsätze des Cellos, die sich klagend über aufgeraute Streicherflächen legen, geben den Charakter vor: Die drei Sätze wollen nicht virtuos glänzen, sondern, wie es der Name andeutet, den Hörer in Kontemplation versenken.

Yo-Yo Mas nie unnötig vibratobeschwerter Ton bildet darin ein lyrisches Gegengewicht zu klanglich geschärften Figurationen aus dem Orchester, verliert sich mal in irrlichterndem Flageolett, um sich dann wieder grimmig Gehör zu verschaffen, begleitet von den humorlosen Schlägen der Pauke.

Schade, dass der Cellist, in kumpelhafter Umarmung mit Nelsons sich bei Publikum und Orchester für die Standing Ovations bedankend, zu keiner Zugabe mehr bereit ist.

Mit Béla Bartóks Konzert für Orchester steht den Gewandhausmusikern dann noch der instrumentale Elchtest nach langer Sommerpause bevor. Aus der scheinen die Blechbläser noch nicht ganz zurückgekehrt zu sein – in den Fanfaren des ersten Satzes wackelt es gewaltig. Und auch im Finale ist manche metrische Ungereimtheit nicht zu überhören. Gleichwohl starker Applaus am Ende eines mit zwei Stunden Nettospielzeit überlangen Konzertabends, der mit dem traditionellen Umtrunk im Gewandhausfoyer noch in die Verlängerung ging.

Von Werner Kopfmüller

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