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Kultur Regional Saisoneröffnung im Gewandhaus mit Nelsons, Helmchen, Mozart, Debussy und Strawinsky
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14:16 01.09.2019
Andris Nelsons dirigiert sein Gewandhausorchester. Quelle: Gert Mothes
Leipzig

Gewaltig sind die Veränderungen nicht. Das stand auch nicht zu erwarten. Denn erstens zählte das Gewandhaus bereits vor dem Bühnen-Umbau in der Sommerpause zum exklusiven Dutzend der besten Konzertsälen der Welt. Und zweitens ist nur die erste Phase geschafft, der Rest kommt in der nächsten Spielzeitpause. Neu sind bisher der hintere Teil des Bühnenbodens samt Untermaschinerie sowie eine behutsam veränderte Prospekt-Geometrie.

Schwärzer, präziser, konturierter, differenzierter

Die deutlichste Folge bei der ausverkauften Saison-Eröffnung am Samstagabend: Der Bass hat seinen Charakter verändert. Die Kontrabässe klingen – wohl auf Grund der besseren Ankopplung an den veränderten Untergrund – eine Spur schwärzer, präziser, konturierter, differenzierter. Nicht lauter, aber intensiver, sie tragen besser. Und da sich Musik von unten her aufbaut, wirkt sich dies segensreich auf den ganzen Rest des Orchesters aus. Dazu schein die geänderte Schallführung auf der Bühne tatsächlich dazu geführt zu haben, dass die Musikerinnen und Musiker sich gegenseitig ein wenig besser hören.

Nicht gut fürs Programm

Das zeigt bereits das erste Werk der 239. Saison mit sanftem Nachdruck: Mozarts G-Dur-Klavierkonzert KV 453 mit Martin Helmchenam Flügel. Beides übrigens ungeplant. Denn eigentlich sollte Andras Schiff die Spielzeit mit Bartóks Drittem eröffnen. Aber der Großmeister sprang kurz vor der Sommerpause ab. Und da offenkundig kein Solist mehr aufzutreiben war fürs nicht so sehr exotische Bartók-Konzert, half Helmchen mit Mozart aus. Fürs Programm ist das nicht gut. Denn das kristalline G-Dur-Konzert steht in keinem nennenswerten Zusammenhang zu den oszillierenden Klangzaubereien nach der Pause, zu Debussys „La Mer“ und Strawinskys „Feuervogel“-Suite. Und weil – im Gegensatz zu Helmchen – weder das Gewandhausorchester noch sein Chefdirigent im Ruf stehen, ausgemachte Mozart-Spezialisten zu sein, ist die Skepsis zunächst groß.

Rundum beglückendes Mozart-Erlebnis

Doch sie verfliegt spätestens mit den ersten Tönen, die Helmchen nach der Orchester-Einleitung beisteuert. Über markant abgesetzten Alberti-Bässen bringt der Pianist sich überraschend kraftvoll ins ebenso überraschend subtile Musizieren ein, zu dem Nelsons das Gewandhausorchester rund um den Konzertmeister Sebastian Breuninger antreibt. Es klingt, als hätten beide Seiten dieser konzertanten Medaille sich von der jeweils anderen inspirieren lassen. Ergebnis ist ein rundum beglückendes Mozart-Erlebnis, selbstbewusst, aber nicht selbstherrlich, sehr eigenständig, aber nicht gewollt anders.

Die ersten Bravo-Rufe der Saison

Hochemotional klingt das Konzert und farbsatt – bleibt dabei aber mit den Füßen fest auf dem Fundament der aufführungspraktischen Erkenntnisse der letzten Jahrzehnte. Dabei lässt Nelsons Orchester-Solisten (Holzbläser!), Gruppen, dem Tutti bemerkenswert viel Spielraum, um auf das delikate Rankenwerk, die herrlich ausgesungenen Melodien, die Vielfalt der Farben und Texturen zu reagieren, die Helmchen am Steinway vorgibt. Dennoch bleibt der Orchesterklang fein ausbalanciert, kompakt und homogen. Und so gibt es bereits zur ersten Pause der Saison die ersten Bravo-Rufe, für die Helmchen sich nach einigem Bitten bedankt mit dem ganz nach innen gekehrt ausmusizierten Adagio aus Mozarts F-Dur-Sonate KV 332.

Sträflich seltene Gäste

Wie Wolfgang Amadeus Mozart ist auch Claude Debussy ein viel zu, ein sträflich seltener Gast in den Programmen des Gewandhausorchesters. Ganz im Gegensatz zu Andris NelsonsSchwesterorchester in Boston. Überhaupt wäre das Bartók-Debussy-Strawinsky-Programm so etwas wie eine Verbeugung vor dem Kernrepertoire der Kollegen aus Übersee gewesen, mit denen im Herbst in Boston das erste gemeinsame Konzert ansteht.

Kostbares Seestück der Seele

Nelsons ist folglich ganz in seinem Element bei „La Mer“, in diesem Rausch der Farben und der Reflexe, der schillernden Nuancen und Luftspiegelungen, der beherrschten Eruption und kultivierten Brecher. Und auch sein sächsisches Orchester folgt ihm in blindem (Selbst-)Vertrauen mit subtil belebtem Tutti-Klang, wunderbaren Details und berückenden Solos (Englisch-Horn, Trompete) durch dieses kostbare Seestück der Seele, dem die ersten spitzen Schreie der Spielzeit folgen.

Hauchzart die Seele streichelnd

Ganz am Schluss, nach Igor Strawinskys 1919er „Feuervogel“-Suite, klingen sie noch ein wenig enthemmter. Dabei betont Nelsons auch hier keineswegs das Energetische, das Motorische oder Archaische des einstigen Skandalwerks. Gewiss: In Kaschtscheis Höllentanz lässt er nichts anbrennen und hat keinerlei Scheu vor nachgerade brutalen Effekten. Aber beeindruckender noch sind die vielgestaltig belebten zarten Flächen des Beginns, ist der beseelte Reigen der Prinzessinen, ist das hauchzart die Seele streichelnde Wiegenlied.

Die Zeichen stehen auf Sternstunde

Der Saal ist also noch etwas besser geworden, das Orchester in fabelhafter Verfassung und mit seinem Chef in tiefem Einverständnis verbunden. Heute und morgen präsentieren Dirigent und Orchester ihr staunenswertes Niveau als Abschluss der bejubelten Festival-Tournee in Essen und Köln. Da steht dann, wie zuvor bereits in Wiesbaden, London, Luzern und Salzburg, Bruckners unvergleichliche Achte auf dem Programm. Die gibt’s am Donnerstag und Freitag auch im Großen Concert im Gewandhaus – und nach der ausführlichen Tournee-Vorbereitung stehen die Zeichen auf Sternstunde. Schön, dass sie endlich begonnen hat, die 239. Saison des Gewandhausorchesters.

Für die Großen Concerte am 5. und 6. September gibt’s noch einige wenige Restkarten unter Tel. 0341 1270280.

Von Peter Korfmacher

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