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Kultur Regional Samuel Rohrers Konzerte weisen weit über den Jazzhorizont hinaus
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14:25 17.10.2019
Konzert im UT Connewitz: Dark Star Safari mit Erik Honoré, Eivind Aarset, Samuel Rohrer und Jan Bang bei den 43.Leipziger Jazztagen. Quelle: André Kempner
Leipzig

„Diese Band heißt Oh No Noh“, sagt Markus Rom, „wir spielen jetzt das Stück ...“ So weit, so normal. Nur dass Markus Rom allein auf der Bühne steht und seine mitspielenden Wirs digitale Geräte sind. Computer, Delays, Laptops, Toolkits, Loops, Tapes, Synthies, Amps, flackernde und blinkende Lichter. Die Band sind Markus Rom und seine digitalen Freunde, von denen er sich anregen, provozieren und begleiten lässt. Mensch und Maschine.

Es ist die neue Zeit, die sich in solchem Setup spiegelt. Und dann hat Markus Rom, der ein Einzelner ist und bleibt während seines Auftritts, noch eine Gitarre umgehängt, schließlich ist er in Leipzig studierter Gitarrist. Mit ihr improvisiert er über seinen digitalen Sammelstücken. Er macht das konsequent und gut.

Unterwegs zu neuen Zielen

So legt er mit Themen, Melodien und Improvisationen seine menschliche Spur über den Automatenpark, so humanisiert er das ganze Unternehmen und bringt die beiden Abende der 43. Jazztage am Dienstag im UT Connewitz und am Mittwoch in der Schaubühne Lindenfels, zwei idealen Orten für derartige Musikerkundungen, sympathisch auf den Weg.

Dieser Auftritt signalisiert von der Basis, wie tragfähig das diesjährige Motto „Zukunftsmusik“ der Jazztage ist. Überdurchschnittlich viele junge Leute im Publikum für die Inventur eines Musikgenres mit einigen Blicken zurück und vielen nach vorn. Verstörend ist das manchmal, anregend immer und in der Summe ein schöner Beweis dafür, dass der Jazz unterwegs zu neuen Zielen sein muss, will er nicht als Museumskultur stillstehen.

Ein Labelchef für alles

Samuel Rohrer, der an den beiden Abenden fast so etwas wie ein Artist in Residence war, verkörpert dann diese Entwicklungen. Üblicherweise wird der 42-jährige Schweizer unter Jazz rubriziert. Im Jahr 2012 ging er den nächsten Schritt und gründete sein unabhängiges Label arjounamusic records.

Stetig und nie die Qualitätsansprüche unterlaufend, ist dort seither ein handverlesener Katalog an Einspielungen gewachsen, mit dem er weit über den Jazzhorizont hinausweist: neue Clubmusik, Remixe, alternatives Songwriting, klassisches Klaviertrio, ein Quartett, mit dem er den Preis der Deutschen Schallplattenkritik bekam, ein Analoges und Digitales fusionierendes Trio und neuerdings auch Soloprojekte des Labelchefs.

Alternative Songpreziosen

Seit etwa sechs Jahren markiert für Samuel Rohrer die Einbeziehung eines elektronischen Instrumentariums ergänzend zu seinem Schlagzeugspiel eine künstlerische Neuorientierung. Damit im Zusammenhang steht seine Einladung an den Gitarristen Eivind Aarset, der wohl Europas Nummer eins ist, wenn es darum geht, mit zusätzlichem Equipment meditative Soundscapes zu kreieren.

Auch dessen norwegische Landsmänner Jan Bang und Erik Honoré sind ganz dieser Art von Musikproduktion verpflichtet. Man traf sich im Studio, um gemeinsam zu improvisieren und zu sehen, was passiert. Als dann Jan Bang mit dunkel rhapsodischer Stimme zu singen begann, bekam das Projekt unter dem Signum „Dark Star Safari“ Kontur. Eine CD mit zehn alternativen Songpreziosen entstand, die aktuell zum Schönsten in diesem neuen Genre zählt.

Reise zu dunklen Sternen

Das Quartett präsentierte das im UT, wobei es das Erreichte nicht reproduzierte, sondern die Stoffe in weit ausholende Musik einband. Harsch, manchmal irritierend, doch durchweg in plausibler Konsequenz wurden weite Räume ausgeschritten, was tatsächlich zu einer Reise zu dunklen Sternen wurde.

Diese drängende Maschinenmusik wurde immer wieder von Rohrers mild pulsendem Schlagzeugspiel geerdet und von Bangs Gesang, in dem es um metaphorisch eingesetzte Nordlandschaften als Folie für Befindlichkeiten ging, um Zwischenmenschliches, um Refugien in einer sich überstürzenden Welt oder in einem der schönsten Songs dieses innovativen Abends um den Juden Mordecai, der für eine Wende im Denken steht als eine zentrale Figur im alttestamentlichen Buch Ester.

Macht der Maschinen

Diese Musik ist futuristisch, fordernd, manchmal spröde, aber urplötzlich wieder von höchster Sinnlichkeit. Vergleiche greifen zu kurz, weil hier Neuland vermessen wird, weil hier zu Reisen im Kopf eingeladen wird, auf die man sich einlassen muss, wofür das Loslassen traditioneller Hörgewohnheiten Voraussetzung ist.

Klangmeditationen sind das, die leise beginnen und sich tastend aufschwingen unter der Macht der Maschinen, von wo sie dann wieder weich und organisch zurückindividualisiert werden mit verschleppten Grooves und eindringlichen Vokalisen. Etwas Schamanisches schwingt mit, wenn diese großartigen Songs in weite Kollektivimprovisationen eingebunden werden, und irgendwann leuchten diese Klänge intensiv aus einer inneren Schönheit heraus.

Exkursionen im Offenen

Am nächsten Abend variierte Rohrer dieses Konzept im Duo mit der norwegischen Trompeterin und Sounddesignerin Hilde Marie Holsen in Exkursionen im Offenen. Wieder dieses detailreich sich Aufschwingende oder auch die Stille sprechen Lassende, wieder Reisen in unbekannte Territorien, einen Tick eindimensionaler diesmal in reduzierter Besetzung, doch wieder eine faszinierende Abenteuerreise durch ungesicherte Territorien.

Dann gab es in einem weiteren Duo Mann/Frau Musik vom entgegengesetzten Ende des Spektrums. Die isländische Violinistin und Bratschespielerin Gerður Gunnarsdóttir und der Schweizer Klarinettist Claudio Puntin zelebrierten vom Start weg in höchster musikalischer Finesse eng verschränkt ihr naturbelassenes Spiel.

Könner von Gnaden

Mit einer Art imaginärer Folklore mit Elementen aus Renaissance und klassischer Moderne machten sie sich auf zur Insel in wunderschönen Melodien. Genitivtitel wie „Kunigundes Schal“ oder „Pärts Hand“ illustrieren sprechend das Prinzip. Zwei Könner von Gnaden fanden in inniger Zweisamkeit zu die Zeiten überbrückender Harmonie. Viel Beifall auch dafür, zwei Zugaben und in den Gesichtern die Vorfreude auf die drei noch kommenden Jazztage.

Jazztage heute, 18.30 Uhr, Schauspielhaus: „Aufmucken? Eine deutsche Geschichte des Jazz“, Podiumsdiskussion; 20 Uhr, Schauspielhaus: Mette Henriette, Mouse on Mars; 23.59 Uhr, die naTo: The Claudia Quintet; www.jazzclub-leipzig.de

Von Ulrich Steinmetzger

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