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Kultur Regional Saukomisch, sauböse: Philipp Weber
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00:20 11.12.2017
Philipp Weber im Kabarett Academixer in Leipzig. Quelle: Foto: André Kempner
Leipzig

Was der Unterschied zwischen Comedians und Kabarettisten ist, fragt ein alter Witz. Comedians machen es nur wegen dem Geld, Kabarettisten hingegen wegen des Geldes. Philipp Weber zeigt am Donnerstagabend im gut gefüllten Academixer-Keller, dass er durchaus beides ist: sich mit dem Publikum verbrüdernder Comedian und kluge Schlüsse ziehender Kabarettist.

Das neue Programm des 43-jährigen Odenwälders heißt „Weber No. 5“ und dreht sich um Werbung und deren Mechanismen, um Marketing und dessen Tricks, also auch: um unseren Willen in der Konsumgesellschaft. Denn Weber ist Verbraucherschutz-Kabarettist. Er erklärt so wissenschaftlich fundiert wie witzig, warum wir immer wieder neuen Quatsch kaufen, den wir nicht brauchen, warum wir funktionierende Dinge einfach wegwerfen, statt sie, wie Opa einst, zu reparieren – „Der Toaster meiner Oma konnte danach Mittelwelle empfangen.“

Ob er sich vorstellen könne, Werbung zu machen, habe ihn sein Agent gefragt. „Wo simmer denn! Ich bin Kabarettist!“, war Webers entschlossene Antwort, von wegen Unabhängigkeit, die Kunst und nicht der schnöde Mammon. Gut, wenn es 5000 Euro gibt, ist das natürlich was Anderes. Also ja zur Werbung für bio-faire Pflegeprodukte! Die gerät natürlich zum Fiasko, also muss die Marke „Philipp Weber“ rehabilitiert werden: Statt seiner geliebten Küchengeräte (Milchaufschäumer! Grills! Messersets!) dreht man ihm aber einen Neuwagen zur Bewerbung an. Ihm, der sein eigenes Auto über Jahre so verdrecken ließ, dass die Polizei vor Führerschein und Fahrzeugpapieren immer erstmal seinen Impfausweis sehen wollte. Assistenten drängen ihm nun ihre Hilfe beim Berganfahren und Einparken auf, eine blinkende Kaffeetasse mahnt ihn zur Pause – seine Überforderung im ständig piependen Cockpit bringt den halben Saal zum Lachen, die andere Hälfte quiekt sogar.

Von seiner „persönlichen“ Werbeodyssee springt Weber immer wieder zur Analyse von Kommunikation, Manipulation und Bedürfnissen in der Konsumgesellschaft, aber auch zur Politik. Stolz zu sein, dass er Deutscher ist, schaffe er, der selbsternannte „linke, langhaarige Bombenleger“, einfach nicht („Ich will ja, aber immer, wenn ich den Höcke sehe, ist’s vorbei.“). Aber er sei froh, kein Pakistani zu sein, der überlegen müsse, wie er seine Tochter an eine Universität bringt, froh, kein Syrer zu sein, der sich nicht auf die Straße traue, froh, kein Italiener zu sein, der nicht wisse, was er zur WM machen soll. Als Weber auf eine aktuelle Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung zu sprechen kommt, in der ein Drittel der Befragten sagt, Demokratie könne die heutigen Probleme nicht lösen, klatschen drei Leute im Saal, was zwar nur ein Fünfzigstel des Publikums ist, aber trotzdem erschreckt. Weber empfiehlt allen Demokratiemüden einen schönen Urlaub, weg von der Demokratie, vielleicht in der Türkei oder in Saudi-Arabien.

Er springt so leichtfüßig wie im formidablen Videotrailer zum Programm vom ernsten großen Ganzen zum kleinen Witzchen und zurück. Statt im Postfaktischen lebten wir immer noch im Präfaktischen, weil von Emotionen dominierten Zeitalter. Das sehe man ja schon in der eigenen Beziehung: Tränen überstimmen da die Argumente. „Ich bin nicht stolz drauf, aber ich hab mir auf diese Weise schon einen Räucherofen im Baumarkt erflennt.“

Philipp Weber gastiert mit dem Programm erneut bei den Academixern am 28. Oktober 2018 zur Lachmesse; Karten über www.academixer.com.

Von Benjamin Heine

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