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Kultur Regional Schöner leiden: Das Weiße Haus in Markkleeberg widmet sich der Passion
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19:27 10.01.2018
Kreuzabnahme bei Fackelschein (Ausschnitt) – eine Radierung von Rembrandt.
Kreuzabnahme bei Fackelschein (Ausschnitt) – eine Radierung von Rembrandt. Quelle: André Kempner
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Markkleeberg

Es ist die vielleicht größte Erzählung des christlichen Abendlandes, die Verwandlung eines „einfachen, zum Tode verurteilten Galiläers in den Erlöser, das Licht der Welt“, wie es US-Historiker Joel Carmichael ausdrückt. Eine Flut von Bildern befasst sich mit dem Leiden Christi. Wie diese Geschichte in der Bildenden Kunst zwischen 1500 und 1800 immer wieder neu und immer wieder faszinierend erzählt wird, zeigt eine Ausstellung mit über 60 hochkarätigen Originalgrafiken – etwa von Dürer oder Rembrandt, die am 11. Januar um 19 Uhr im Weißen Haus in Markkleeberg eröffnet wird. „Passion – Verwandlung einer Ausstellung“, lautet ihr Titel. Kuratiert haben sie Richard Hüttel, 2003 bis 2011 Leiter der Graphischen Sammlung im Museum der bildenden Künste in Leipzig, und seine Frau Barbara Mikuda-Hüttel.

Das Paar lebt auf einem restaurierten Hof in Scharfbillig in der Eifel nördlich von Trier. „Was für ein Glück, wieder in Leipzig zu sein“, sagt Richard Hüttel, dessen Verbindung zu der Stadt nie abriss und die auch diese Ausstellung möglich machte. Vor ihren Toren, im seit zwei Jahren als Ausstellungsort etablierten Weißen Haus, werden nun Werke einer bislang weitgehend unbekannten Sammlung präsentiert, die die Hamburger Hartwig Böttjer und Jörn Ihde in Jahrzehnten zusammengetragen haben. Hüttel kennt sie seit über zehn Jahren, aus seiner Zeit im Bildermuseum, das die beiden häufig besuchten; sie haben sogar eine Wohnung in der Stadt. „Beide sind Sammler, die sich weniger für den Preis, als vielmehr für den Wert einer Arbeit interessieren“, so Hüttel. Längst sei man befreundet.

Natürlich, es geht in der Schau, die im vergangenen Jahr in ähnlicher Form bereits im rheinland-pfälzischen Wittlich zu sehen war, zu allererst um die Passion. Es mag sein, dass wir uns in säkularer Entfernung davon eingerichtet haben, tatsächlich aber bestimmt dieses Leiden seit vielen Jahrhunderten unsere Geistes-, Religions- und Kunstgeschichte. Sicher kann man es vergessen, ihm entkommen aber kaum. Schon gar nicht in diesen vier Ausstellungsräumen, in denen die biblische Geschichte erzählt, während sie in den Werken ständig überarbeitet und ergänzt wird, mit Zutaten, die im Neuen Testament nicht erwähnt werden.

So sei in den Evangelien keineswegs die Rede davon, dass Engel den sterbenden Heiland umschwebt hätten, erklärt der Kurator. Auf zahlreichen Bildern tauchen diese jedoch auf. Warum? Michelangelo (1475–1564) habe dieses Motiv populär gemacht. Seine fromme Freundin, die Markgräfin von Pescara, Vittoria Colonna, habe den Künstler vehement um die Hinzufügung in einer Zeichnung gebeten, erklärt Hüttel. Michelangelo gab schließlich nach, wenngleich er seine Arbeit nun für „verdorben“ hielt – und schuf eine Blaupause für Unmengen von Kreuzigungsdarstellungen. Zum Beispiel für Albrecht Dürer (1471–1528), bei dem Engel das Blut Christi mit Kelchen auffangen.

Das Leiden des Künstlers

Das Leiden – in der Renaissance konnte es nun auch den Künstler selbst betreffen, mit seinem Ringen, seinem Scheitern, um bei Michelangelo zu bleiben. Dieser zerschlug 1553 eine Pietà-Skulptur, die er über seinem eigenen Grab in Rom aufstellen wollte. Sein Diener Antonio hatte ihn gebeten, ihm die Marmortrümmer zu überlassen und ließ sie von einem Bildhauer wieder zu einer Gruppe zusammensetzen – heute befindet sie sich im Florentiner Dom-Museum. Cherubino Alberti (1533–1615) wiederum versetzt diese in seiner druckgrafischen Rekonstruktion vor eine Felsenhöhle – und eine der Figuren hat das Gesicht Michelangelos. Auf seiner Kompositionszeichnung hatte dieser aus Dantes „Göttlicher Komödie“ zitiert: „Man denkt nicht daran, wie viel Blut das kostet.“ Auch Künstler haben es nicht leicht.

Albertis Grablegung ist gegen Ende dieser Ausstellung zu sehen, die die Passion chronologisch präsentiert – unter anderem mit den Themen Abendmahl, Gethsemane, Dornenkrönung, Kreuztragung, Kreuzaufrichtung, Christus am Kreuz, Beweinung Christi und Grablegung. Einen leichten Monty-Python-Einschlag darf man in einige der Kreuzabnahmen hineinsehen – etwa bei Marcantonio Raimondis Darstellung nach Raffael, in der ein ganzes Team bemüht ist, den Leichnam sorgsam mit Leitern zu bergen – eine Inszenierung die, so Hüttel, auf die damals sehr populären Passionsspiele zurückgehe, die sehr stark auf die Kunstgeschichte eingewirkt hätten.

So sind der künstlerischen Freiheit Grenzen gesetzt, die jedoch permanent ausgedehnt werden. Laut Hüttel entstand „eine Erzählung, die nie abgeschlossen und immer in Bewegung war“. Beginnen lässt er sie mit Raimondis Bethlehemitischem Kindermord, in dem bereits das Sterben Christi vorempfunden sei. Dieser Raimondi (1480–1527/34) hatte sich zuvor recht dreist bei Dürer bedient, rund 80 seiner Grafiken, einschließlich der Signatur „AD“ kopiert, woraufhin Dürer nach Italien fuhr, um gegen die nicht autorisierten Reproduktionen gerichtlich vorzugehen. In Venedig kam es 1506 zum ersten urheberrechtlichen Prozess der Kunstgeschichte – untersagt wurde Raimondi allerdings nur die Verwendung der Signatur. Später – auch das zeigt die aufschlussreiche und vielschichtige Markkleeberger Schau – wird auch Raimondi kopiert. „Der Dürer-Beklauer wird selbst beklaut“, sagt Richard Hüttel. Eine ironische und durchaus aktuelle Pointe.

„Passion“ im Weißen Haus in Markkleeberg (Raschwitzer Str. 13). Eröffnung am 11.1., 19 Uhr; bis 8. April, geöffnet Di, Mi, Do 10–17 Uhr, Eintritt frei

Von Jürgen Kleindienst

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