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Kultur Regional Schönheit des Geisterhaften – Diederik Peeters’ „Erscheinungen“ in der Leipziger Residenz
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11:29 16.06.2019
Diederik Peeters bringt „Erscheinungen“ in die Schauspiel-Residenz. Quelle: Rolf Arnold
Leipzig

Magie, das ist die Freiheit, sich für eine nicht-rationale Erklärung von Phänomenen zu entscheiden. So in etwa lautet die Definition, die Diederik Peeters mitbringt zu seiner Performance „Erscheinungen“ in der Schauspiel-Residenz.

Und, ja, der belgische Performer nimmt sich diese Freiheit reichlich. Einen kompletten Zyklus zum Reich des Geisterhaften hat er in den vergangenen zwei Jahren erarbeitet, künstlerisch umgesetzt vom Tanzstück bis zum Hörspiel. Einige Motive daraus fließen in das gelungene Finale, dem an der Residenz produzierten „Erscheinungen“, ein. Am Freitagabend war Premiere.

Weit weg von der Gegenwart

Peeters taucht in die Technik-Geschichte ein, erzählt von Thomas Edisons Erfindung des Phonographen 1877 und wie Menschen an Spuk glaubten, als sie die abgespielten Stimmen hörten. Ebenso verweist er auf Edisons Versuch, über ein Nekrophon Kontakt zu Toten aufzunehmen. Dazwischen schneidet er die Briefe eines im Jahr 2119 Wiederbelebten.

Fakten und Fiktion spannt der Abend klug zwischen zwei entfernte Zeitebenen, zwischen den wissenschaftlichen Aufbruchsgeist des späten 19. Jahrhunderts und eine hundert Jahre ferne Zukunft. Weit weg von der Gegenwart, um erstens frei zu fantasieren und zweitens zu erkennen, wie sich Deutung und Wahrnehmung über die Zeit verschieben, wie die Wissenschaft einer Epoche von der nächsten zum Okkultismus erklärt werden kann.

Die Illusion, lebendig zu sein

Der Briefeschreiber unterdessen, das schält sich als Story heraus, hat sein Bewusstsein nur als körperloses Geisterwesen wiedergefunden. Peeters dreht einfach das sogenannte Cotard-Syndrom um, das in Menschen den Glauben auslöst, tot zu sein: Die Wiederbelebten glauben durch einen Eingriff in ihr „Spektral-Gehirn“, dass sie lebendig sind.

Mit gut recherchierten Fakten verbindet der Abend Science-Fiction und erfundene Begriffe. Die Story aus der Zukunft zeichnet er ästhetisch wiederum mit den Mitteln der Zaubershows des 19. Jahrhunderts, etwa mit Spiegeleffekten.

Dass der verspielt-humorvolle Abend, der auch dezent mit Robotik und einem Tanzduett von Peeters mit Jonas Chéreau arbeitet, seine Tricks offenlegt, nimmt ihm nicht seinen Zauber. Eher offenbart dieser Ansatz unser zeitloses Bedürfnis nach Magie. Und öffnet dem Laien vielleicht eine neue Perspektive auf die schwer durchschaubaren Technologien der Gegenwart. Es liegt, sagt Peeters augenzwinkernd, Schönheit in der Möglichkeit von Geistern. Nach „Erscheinungen“ glaubt man ihm das.

Noch zu sehen vom 20. bis 22. Juni, 20 Uhr, Schauspiel-Residenz (Spinnerei) in Leipzig; Kartentelefon: 0341 1268168

Von Dimo Rieß

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