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Kultur Regional Schottische Monster ohne Pfirsich: Mogwai im ausverkauften Täubchenthal bejubelt
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14:23 03.11.2017
Dominic Aitchison (links) und Stuart Braithwaite im Täubchenthal. Quelle: André Kempner
Leipzig

„How easy goin? We Mockwai fromm Scottlinn.“ Meine Damen und Herren, das war: Schottisch zur Begrüßung, Lektion 1. Der Kurs mit Mogwai am Donnerstagabend im Täubchenthal ist ausgebucht.

Um das anfängliche Keyboard legt die Band schnell atmosphärische Flächen, trockene Schlagzeugschläge und ein Basswummern, das den Raum in Dauerschwingung versetzt, bis auch die letzte Nase die Flügel nicht mehr still halten kann. Die E-Gitarre zieht massive Wände in die Ambient-Flächen und baut daraus Häuser, ach was, eine ganze Geisterstadt. Deren Architekt, Bauleiter und Bürgermeister zugleich ist Mogwai, jene sagenumwobene Postrockband aus Glasgow, die sich 1995 nach einem Monster der chinesischen Mythologie benannte, dem man sich traditionell mit Schwertern aus Pfirsichholz zu nähern hat.

Der Händetrockner singt mit

Nun ist das Mitführen von Schwertern auf Konzerten glücklicherweise verboten. An einer Stelle aber hätte man dann doch ganz gern eins dabei: in der zweiten Zugabe namens „Satan“. Das 20 Jahre alte Stück führt zunächst raus aus der Geisterstadt in eine so weite wie sanfte Landschaft, vielleicht irgendwo in Island. Es ist beinahe still (nur der unsägliche Händetrockner aus dem türlosen Toilettenbereich singt mal wieder an der falschen Stelle viel zu laut mit). Man würde sich nicht wundern, wenn da gleich eine warme Quelle irgendwo in dieser Hügellandschaft auftauchen würde. Aber nein, der Schwefelgeruch hat getäuscht: Aus dem Nichts donnert und blitzt ein Metal-Gewitter los, tut sich regelrecht die Hölle auf.

Bis dahin aber führt Mogwai über zwei Stunden durch größtenteils instrumentale Postrock-Sphären und die eigene Diskographie vom 1996er „Ithica“ zum 2017er „Every Country’s Sun“. Das ist durchaus nicht sonderlich spannend, auch weil sich die Stücke oft ähnlich zum Ausbruch von Lautstärke und Kraft hin aufbauen. Das wiederum hat zur Folge, dass erstaunlich viele Leute im Publikum mit geschlossenen Augen dastehen. Und wenn man sich dann so in der Musik verliert, kann es passieren, dass hinter Stuart Braithwaites traurigem Gesang über „Sad Songs“ in „Cody“ fast unmerklich die Gitarre aus Skandinavien nach Nashville übersetzt. Oder dass man mit „Party in the Dark“ kurz bei New Order landet, oder mit „Remurdered“ in einem Brett von einem Song, der wiederum „Party in the Dark“ heißen müsste.

Und das Schöne im Täubchenthal ist, dass, wenn man unten im Saal vor lauter Leuten nichts sieht, man einfach hoch auf den Rang gehen kann. Wo man dann auch nichts sieht, weil diesen Gedanken natürlich schon andere hatten. Es gilt eben hier wie im richtigen Leben: Das frühe Täubchen fängt den Wurm.

Von Benjamin Heine