Menü
Leipziger Volkszeitung | Ihre Zeitung aus Leipzig
Anmelden
Kultur Regional Schränke und Schmerzen: Henrike Naumann erhält den LVZ-Kunstpreis 2019
Nachrichten Kultur Kultur Regional Schränke und Schmerzen: Henrike Naumann erhält den LVZ-Kunstpreis 2019
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
21:30 05.04.2019
Henrike Naumann 2018 in ihrer Ausstellung „DDR Noir“ in der Galerie im Turm Berlin. Sie erhält den LVZ-Kunstpreis 2019. Quelle: Nele Jakob
Leipzig

Nein, am Telefon ist Freitagmittag kein Schrankbesitzer aus Dortmund, wo Henrike Naumann ab 4. Mai Arbeiten im Stadtraum zeigen wird, für die sie auf Ebay-Kleinanzeigen Gegenstände sucht. Am anderen Ende der Leitung ist Via Lewandowsky. 1995 hatte er den ersten Kunstpreis der Leipziger Volkszeitung erhalten. In diesem Moment spricht er mit seiner 12. Nachfolgerin. Der in Berlin lebende Künstler ist Mitglied der diesjährigen Kunstpreis-Jury und hat die schöne Aufgabe, einer aus allen Wolken fallenden Henrike Naumann die frohe Botschaft durchzugeben.

Die in 1984 in Weißbach bei Zwickau geborene Künstlerin ist also die 13. Trägerin des LVZ-Kunstpreises. Die alle zwei Jahre vergebene Auszeichnung ist neben einem Preisgeld von 10.000 Euro mit der Finanzierung eines Katalogs und einer Ausstellung im Museum der bildenden Künste verbunden. Im Dezember dieses Jahres zeigt sie dort ihre Werke, die in keine Schublade passen, wohl aber ganz real mit solchen operieren.

Nachwende-Ramschmöbel als tragikomische Monumente

Naumann arbeitet multimedial. Möbel und Dekoelemente spielen eine große Rolle. In ihren Installationen kombiniert sie Video und Sound mit szenografischen Räumen. Immer wieder finden Einrichtungsgegenstände aus der unmittelbaren Nachwendezeit Verwendung, aus jenen Jahren, in denen viele ihre hochwertigen Möbel auf die Straße stellten und sich den „Westen“ in Form von pseudopostmodernem Furnier-Ramsch in die Wohnungen holten. Daraus entstehen tragikomische Arrangements, die für einen seltsamen Zustand stehen. Haltlos, geschichts- und gesichtslos.

Jurysitzung für den LVZ-Kunstpreis 2019 in der Geschäftsleitung der LVZ im Peterssteinweg in Leipzig. Quelle: André Kempner

„Traueraltar Deutsche Einheit“ hat sie eine dieser Inszenierungen genannt – mit einem hässlich-skurrilen Sideboard, an dem neben wichtigtuerischem Gedöns oben zwei Baseballschläger und unten zwei Milka-Kuh-farbige Trauerkränze lehnen. Der Osten als West-Resterampe mit Folgen. Naumann erkundet die neue deutsche Teilung, findet Chiffren auch für die heutigen Transformationsprozessen, die neue Gewinner und Verlierer, Radikalisierungen und Polarisierungen produzieren.

Großer Horror, triste Alltagsästhetik

Die Künstlerin sucht nach Spuren, Erklärungen, Zusammenhängen für das, was sie selbst erlebt hat und erlebt. In den 90ern bekam sie mit, wie die rechtsextreme Ideologie zur dominanten Jugendkultur wurde. 2011 zündete Beate Zschäpe die Fluchtwohnung der NSU-Terroristen in Zwickau an. Da war Naumann einen Kilometer entfernt – in der Wohnung ihrer Oma. Seitdem lässt sie das Thema nicht mehr los. Ihre Arbeit befasst sich mit der Geschichte rechter Gewalt in Deutschland und der heute breiten Akzeptanz rassistischer Ideen. Aus der NSU-Wohnung hatte sie damals einen Teppichrest geborgen; für ihre Diplomarbeit baute sie die Wohnung nach.

So trifft der große Horror auf den kleinen trister Alltagsästhetik. „Sie bringt ihr Material an den Abgrund des Absurden, über dem dann der Betrachter schwebt und das Unglaubliche plötzlich glaubt“, hat die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung im vergangenen Jahr über sie, „die Künstlerin der Stunde“, geschrieben.

Via Lewandowsky: „Mehr Aktualität und Dringlichkeit gibt es nicht“

Naumann hat Bühnenbild in Dresden und schließlich Szenografie an der Filmhochschule Babelsberg studiert. Sie lebt und arbeitet in Berlin. In der LVZ-Kunstpreis-Jury hatte sie von Anfang an gute Karten, weil sie gleich zwei Mitglieder ohne voneinander zu wissen auf dem Zettel hatten. Neben Via Lewandowsky war das Hilke Wagner, Direktorin des Albertinums der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden. Naumanns Arbeit sei auf der einen Seite „sehr geschichtstheoretisch“, aber auf der anderen Seite auch sehr offen, sehr emotional und kommunikativ. Lewandowsky findet es „toll“, wie sie sich idealistisch mit den Themen vor ihrer Haustür auseinandersetze, sie aber über den ostdeutschen Kontext hinaushebe. Sie benutze die ästhetischen Oberflächen, um über etwas ganz anderes zu reden und zu fragen: „Warum gibt es diese Teilung, worin bestehen heute Diskriminierungen?“ Seine Expertise in zwei knappen Sätzen: „Mehr Aktualität und Dringlichkeit gibt es nicht. Das ist ein Geschenk“.

Ein „schöner Schock“

Nach durchaus kontroversen Debatten – insgesamt sechs Künstlerinnen und Künstler waren vorgeschlagen worden – einigte man sich am Ende einstimmig auf Naumann. Erstmals fand die Jurysitzung unter dem Vorsitz von Museumsdirektor Alfred Weidinger statt, nachdem sein Vorgänger Hans-Werner Schmidt viele Jahre da Amt innehatte. Weitere Jurymitglieder waren Julia Schäfer, Kuratorin und Kunstvermittlerin an der Galerie für Zeitgenössische Kunst in Leipzig, und der langjährige LVZ-Geschäftsführer Bernd Radestock. Beratendes, aber nicht stimmberechtigtes Jurymitglied war der heutige LVZ-Geschäftsführer Björn Steigert.

Die Nachricht, dass sie den LVZ-Kunstpreis bekomme, sei für sie ein „schöner Schock“, sagte Henrike Naumann der LVZ. Ich muss das erstmal verarbeiten.“ In Leipzig sei sie immer wieder und gerne. Zwei ihrer drei Geschwister studieren in der Stadt, mit 18 hat sie hier ein Jahr gelebt. Arbeiten von ihr waren hier bereits im Kunstverein und in Halle 14 zu sehen. Im Moment wird sie gerade im Westen viel gezeigt. Da sei es umso schöner, wieder eine Ausstellung im Osten zu haben, sagte sie.

Bis 6. April ist im KOW Berlin (Brunnenstr. 9) Henrike Naumanns Ausstellung „Ostalgie“ zu sehen, sie öffnet noch einmal zum Gallery Weekend am letzten Aprilwochenende

Von Jürgen Kleindienst

Die Blue Man Group begeisterte am 04. April 2000 Zuschauer in der Arena. Noch bis zum 7. April gastiert das Ensemble in Leipzig.

05.04.2019

Drei Wochen vor dem Rundgang eröffnen die Spinnereigalerien schon am Samstag neue Ausstellungen. Das hat mehrere Gründe – und bietet Überraschendes.

05.04.2019

Keine Frage, sie bot eine solide Show mit Teilen aus ihrem „Werkzeugkasten“. Aber die ehemalige Silly-Frontfrau Anna Loos kam bei ihrem Solokonzert im Täubchenthal kaum aus sich heraus.

05.04.2019