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Kultur Regional Leipziger Künstler Ralph Niese überraschend mit 37 Jahren gestorben
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Schwarwel über den Tod seines Kollegen, des Comic-Künstlers Ralph Niese

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14:30 27.11.2020
Wurde nur 37 Jahre alt: Der Leipziger Comic-Künstler Ralph Niese.
Wurde nur 37 Jahre alt: Der Leipziger Comic-Künstler Ralph Niese. Quelle: Filmaton
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Leipzig

Mittwoch war ein schwerer Tag. Als ich gegen 13 Uhr auf der Parkbank vorm Völki mein Telefon zur Hand nahm, quoll meine Facebook-Timeline über vor geschockten Meldungen, dass mein Künstlerkollege Ralph am Montag überraschend verstorben sei. Ralph? Tot? Einfach so? Wie jetzt? Ich bin jetzt 52 – wie viele Jahre war Ralph jünger als ich? 15? Verdammt!

Zeichnung von Ralph Niese. Quelle: fb

Als wir mit unserem Leipziger Comicverlag EEE 1999 die Magazinreihe „Extrem Illustrated“ mit Comic-Kurzgeschichten für eher abseitige Themen aus der Taufe hoben, war einer unserer Ansätze, auch und vor allem deutschen Künstlern Raum zu geben. Das Magazin „Schwermetall“ hatte das Zeitliche gesegnet und hinterließ eine schmerzliche Lücke für erwachsene Comicliteratur mit Sex, Gewalt und Rock’n’Roll. Irgendwann stand ein schlaksiges Pubertier an unserem Messestand und fragte vernuschelt, ob wir Interesse am Abdruck seiner Arbeiten hätten. Seine Zeichnungen hatten Schmiss, seine Dialoge lasen sich authentisch, also stand einer Zusammenarbeit nichts im Wege. Es war Ralph, und er war 16 Jahre jung. Soweit ich weiß, waren das die ersten Arbeiten, die er veröffentlichte. Unser Popstar-Herausgeber Bela B zeigte sich stolz über den minderjährigen Zugewinn und wurde nicht müde, zu betonen, wir hätten den jüngsten Zeichner im Boot, der seine Comics zwar zeichnen, aber die fertig gedruckten P18-Hefte noch nicht kaufen darf. Zweifelhafter Ruhm von Anbeginn!

Leidenschaft für Independent Comic Art

Wie ich interessierte sich Ralph für abgedrehte Kunstmagazine wie „Juxtapoz“ und den (auch viel zu früh verstorbenen) Kultcomicartisten Vaughn Bodé, der mit der „Cheech Wizard“-Serie im US-„Playboy“ gegen den Vietnamkrieg anzeichnete. Ich bin nicht sicher, ob ich meine „Junkwaffel“-Hefte von Bodé jemals von Ralph zurückbekommen habe ...

Zeichnung von Ralph Niese. Quelle: GM

Viele Arbeiten verraten Ralphs Leidenschaft für Independent Comic Art im Allgemeinen und Vaughn Bodé im Besonderen: die Panelsetzung mit den runden Ecken, die überbordenden Zeichnungen, das unangepasste Lettering, die flirrenden Farben – kurz: das Übermaß an Kreativität und Talent, das dich aus seinen Zeichnungen, Acrylkunstwerken oder Bootleg-Figures anspringt und überrollt.

Fester Bestandteil der internationalen Alternative-Art-Scene

Irgendwann traf ich Ralph fern der Heimat in unser beider anderen Heimatstadt Erlangen, wo im Zwei-Jahres-Rhythmus der Comic-Salon stattfindet. Ich hatte gerade eine große Malwand fertiggestellt, und es war Feierabend vor dem Con-Gelände. Ralph kam mit zwei Freunden vorbei, und wir hatten sofort einen Draht. Er kramte in seinem Rucksack, um mir seine neuesten Sachen zu zeigen, und wir hielten vertrautesten Dummschwätz unter Leuten, die sich nicht jeden Tag sehen müssen, um sich im Herzen zu tragen. Das war das letzte Mal, dass ich Ralph traf und ich war geflasht, dass wir so cool miteinander waren. Er war längst zum festen Bestandteil der internationalen Alternative-Art-Scene geworden.

Als unsere Agentur Anfang der Zehner für die Gestaltung eines Hörbuchs von Wigald Boning im „Perry Rhodan“-Style angefragt wurde, war mir sofort klar, dass Ralph das übernehmen musste. Wobei „müssen“ hier doppeldeutig ist. Ich habe nicht viele Freigeister in den überlappenden Szenen von Comic, Musik und Kunst kennengelernt, die so straight ihren eigenen Weg gehen oder gegangen sind wie Ralph. 1000 Ideen im Kopf und 100 Projekte gleichzeitig am Start – da kann so etwas wie ein Abgabetermin schon mal hinten runterfallen.

Es gibt noch viel zu entdecken

Unterm Strich ist das wurscht, denn statt streng geregeltem usual business wurden wir alle mit einer unglaublichen Fülle an Arbeiten belohnt, die Ralph in all den Jahren in seinem Atelier, an Clubwänden, auf Tonträgern, in Comics, auf Postern und in Wandkalendern hinterlassen hat. Es gibt noch viel zu entdecken.

*Unser Autor lebt und arbeitet als Illustrator, Trickfilmer, Karikaturist, Comiczeichner, Drehbuchautor und mehr in Leipzig

Von Schwarwel