Menü
Leipziger Volkszeitung | Ihre Zeitung aus Leipzig
Anmelden
Kultur Regional Schweres Drama und leichter Spaß: Festspiele in Bad Hersfeld eröffnet
Nachrichten Kultur Kultur Regional Schweres Drama und leichter Spaß: Festspiele in Bad Hersfeld eröffnet
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
19:17 07.07.2019
Eröffnung der Festspielsaison in Bad Hersfeld mit „Der Prozess“ von Joern Hinkel nach Franz Kafka: Josef K. (Ronny Miersch) vor dem Gericht. Quelle: Festspiele Bad Hersfeld
Bad Hersfeld

Der Festredner kam mit dem Umzugswagen, parkte ihn vorm Hotel und entschuldigte sich für seine Rede. Eine Koketterie. Das, was Deniz Yücel, der Journalist, der über ein Jahr unrechtmäßig im türkischen Knast saß, nämlich über Josef K., Kafka, undurchschaubare Mächte und Apparate, Gerüchte, Gerichte und Rechte – von Knacki zu Knacki (Yücel) – sagte, war nämlich ziemlich durchdacht. Von den sieben Ratschlägen an Josef K. (von „Sei nicht naiv“ zu „Gib niemals auf“) bis zur Attacke auf den hessischen Verfassungsschutz als „gefährliche Organisation“.

Das konnte Volker Bouffier, der hessische Ministerpräsident, bei seiner durchaus klug formulierten Eröffnung der Bad Hersfelder Festspiele nicht einfach stehen lassen – ohne auf Fakten zur NSU-Untersuchung einzugehen. Yücels Urteil sei nicht nur falsch, sondern auch ungerecht.

Klaustrophobisches Gleichnis

Während Deniz Yücel in Bad Hersfeld einen Stop zwischen Sizilien und Berlin einlegte, begann der 69. Theater-Sommer in der Stiftsruine mit schwerer Kost. Intendant Joern Hinkel hatte zu Kafkas unvollendetem Roman „Der Prozess“ gegriffen – und ihn als klaustrophobisches Gleichnis um irrwitzige Wege durch ein Labyrinth aus Paragrafen und nicht greifbaren Zuständigkeiten, aus übler Nachrede und verlorenem Recht, Gewalt und Hilflosigkeit, Kleingeisterei und Korrumpiertheit gelesen. Neuzeitlich. Was gelegentlich einem etwas didaktischen Zungenschlag folgte. Im angeklagten, frei umherlaufenden Josef K., der nie erfährt, was ihm eigentlich vorgeworfen wird, pulsiert zwar Widerstand. Der jedoch stößt immer wieder an absurde Mauern. Ein Hamster im Rad, der widerspricht, der verstehen will, der Auswege sucht – und nicht von der Stelle kommt. Der verlassen wird und immer wieder in einer Schublade landet.

Da gelingen mit den verschiebbaren, variablen, mal hoch, mal niedrig gereihten, endlos scheinenden Aktenschränken (Bühne: Jens Kilian) ständig ganz außerordentliche Sinnbilder. Zumal, wenn sie sich öffnen, das Bett von Josef K., das Tag- und Nachtlager des Advokaten Huld, Bank, Gericht und Nachtbar entstehen. All die Orte, durch die Josef K. hastet.

Den spielt mit viel Körperlichkeit Ronny Miersch, der von 2005 bis 2009 in Leipzig Schauspiel studierte, als Getriebenen, der sich auflehnt, aber nicht so recht weiß, gegen wen. Weder seine leichtlebige Verlobte, die Sängerin Felice, noch die mütterliche Haushälterin Frau Grubach (mit warmherziger Menschlichkeit: Marianne Sägebrecht) noch der Onkel mit Beziehungen oder der ewig Pyjama tragende Advokat Huld (mit scheinbarer Durchsicht, Arroganz und messerscharfer Diktion: Dieter Laser) können ihm helfen gegen dieses unkontrollierte System.

Ingrid Steeger als Nachbarin mit Hund

Applaus auf offener Szene gab es bei der Premiere für Ingrid Steeger, blonde Haare zu rotem Hut und Mantel, als Fräulein Montag, eine etwas tappelige Nachbarin mit Hund, der allerdings nie auftritt.

Ob „Der Prozess“, von Franz Kafka ab Mitte 1914 in wenigen Wochen geschrieben, für eine Adaption geeignet ist, bleibt die Frage. Auch Orson Welles gelang 1962 mit seiner Verfilmung, auch wenn er selbst das ganz anders sah, nur ein reichlich sperriges Kopf-Werk. Joern Hinkel hat einige Figuren, vor allem Frauen, anders gewichtet. Das macht diesen „Prozess“ durchaus interessant, während die zahlreichen deutlichen Fingerzeige auf gegenwärtige Situationen (von Medien bis Banken) doch eher überflüssig erscheinen. Die Suche nach versteckter Komik in der Geschichte einer blinden Bezichtigung scheitert allerdings. Es sei denn, man hält jene Szenen, die an George Grosz erinnern, dafür. Kafka war sicher weder ein Ironiker noch ein Satiriker, sondern eher so, wie es das durchweg bestens aufgelegte Ensemble zur Premiere zeigte: ein Dramatiker des Absurden, des Bizarren, des Real-Fantastischen.

Nach dem gründelnden„Prozess“ gab es am nächsten warmen Abend in der Stiftsruine „Shakespeare in Love“ von Lee Hall nach dem Filmbuch (1998) von Marc Norman und Tom Stoppard. Der Kontrast konnte nicht größer sein. Ein herrliches Spiel mit Fakten und Fiktionen um William aus Stratford, dem Stücke-Lohnschreiber, der sich in Viola de Lesseps, die Tochter aus wohlhabendem Haus, verliebt und im Rausch der Sinne, getrieben von zwei Theaterchefs, einem Finanzier und einer Truppe aus Laien und Profigauklern „Romeo und Julia“ schreibt und lebt. Was da auf die flexibel gebaute Bühne (wieder Jens Kilian) zwischen hohen hölzernen Balkonen turbulent tobte, war pures, so lustvolles wie pointengespicktes Theater, mal lyrisch, mal herb, mal derb.

Fulminante Fechtszene

Eine Komödie über das elisabethanische Theater (nur Männer spielen Frauen) mit Königin, Durchgeknallten und Dichtern, Verkrachten und Verliebten, Gebeutelten und Genies. Antoine Uitdehaag, der Regisseur, trieb seine erstklassige Truppe zu einem rasanten Tempo an – und legte eine schlichtweg fulminante Fechtszene mit Wahnsinns-Choreografie hin. Es machte einfach ungeheuer viel Spaß, diesem bunten Treiben zuzusehen.

Bis 1. September gibt es daneben „Funny Girl“, „A long way down“ (nach Nick Hornby), „Emil und die Detektive“, „Hair“ zu sehen; Karten: 0662 640200, oder kartenzentrale@bad-hersfelder-festspiele.de

Von Norbert Wehrstedt

Kommentare 0 Nutzungsbedingungen
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Das Rockharz-Festival kennt nur einen Weg - und der zeigt nach oben: Am Wochenende haben 20.000 Besucher das Metal-Spektakel in Ballenstedt (bei Quedlinburg) zur neuen harten Nummer 1 im Osten gemacht.

07.07.2019

Bunt verschnörkelte Lettern auf einer kleinen Litfaßsäule verkünden, dass der beliebte Leipziger Hörspielsommer in die nächste Runde gestartet ist. Eine Woche voller Geschichten bietet die 17. Auflage unter freiem Himmel.

07.07.2019

Von „Message In A Bottle“ über „Englishman in New York“ bis zu „Fragile“: Sting hat am Samstag seine Hits auf der Freilichtbühne Peißnitz in Halle gespielt – drahtig, agil und allürenfrei.

07.07.2019