Sind dunkle Engel geschmacklos? Kunststudenten der HGB erobern Leipziger Stadtraum
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Sind dunkle Engel geschmacklos? Kunststudenten der HGB erobern Leipziger Stadtraum

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16:00 28.08.2020
Die HGB-Studentin Clara Freund hat einen dunklen Engel an der Nikolaikirche platziert – Teil der HGB-Projekts „Fragile Wirklichkeiten“. Quelle: Christian Modla
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Leipzig

Man kann das Kunstwerk leicht übersehen. Oder die Sache auf dem Fahrradgepäckträger für einen vergessenen Einkauf halten. Auf einem Brettchen und unter einer Glasglocke steht ein Engelchen aus Holz, wie man es aus dem erzgebirgischen Kunsthandwerk kennt. Doch etwas ist anders – der Engel hat eine dunkle Hautfarbe.

Die HGB-Studentin Clara Freund stammt selbst aus dem Erzgebirge und kennt diese vor allem in der Vorweihnachtszeit beliebten Figuren gut. Eigentlich sollte der dunkle Engel im Schaufenster des Ladens stehen, wo sie ihn erworben hat. Der gab keine Zustimmung, auch die Nikolaikirche wollte ihn nicht in ihre Vitrine stellen. „Offen für alle“ heißt eben nicht „Offen für alles“. So parkt er nun auf dem Platz neben der Kirche.

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Hinweis auf den Geschmacksmusterschutz

Der Schriftverkehr Freunds mit der Herstellerfirma ist im Grunde genommen auch Bestandteil des Werkes. Unter Hinweis auf den Geschmacksmusterschutz lehnt sie die Umpigmentierung strikt ab. Sind dunkle Engel geschmacklos? In der Bibel lässt sich dazu nichts finden. Eine Klage wegen Missachtung des Verbots ist nicht ausgeschlossen.

Die Aktion „Fragile Wirklichkeiten“ wird von der Klasse für Intermedia der HGB-Professorin Alba D’Urbano durchgeführt. Die halbe Stadt wird bespielt, doch die Ankündigung kam sehr kurzfristig, auch Werbung fehlt. Eine Sache für Insider also. Der demokratische Anspruch hat damit doch einen elitären Beigeschmack.

Dennoch fanden sich am Donnerstagabend etliche Interessierte am Mendebrunnen auf dem Augustusplatz ein, um der ersten Führung zu ausgewählten Stationen zu folgen. Manche Arbeiten haben temporären Charakter, vor allem die Performances. So ging es auch los mit dem kollektiven Verlesen eines programmatischen Statements. Nicht nur die Vorgehensweise, dass die Kunst in den Stadtraum wandert, ist der Pandemie geschuldet. Diese ist auch das Thema.

Eine Rückeroberung

In den letzten Monaten sind Privaträume sogar berühmter Personen zum Hintergrund für Videoschaltungen geworden, während der eigentliche öffentliche Raum teilweise tabuisiert wurde. Das Projekt ist eine Form der Rückeroberung, aber unter Einhaltung strenger Regeln der Hygiene.

Zweite Station war der obere Vorraum der Moritzbastei. Merlin Maximilian Meister hat zu einer Trauerfeier geladen. Mit einem großen Kranz vertrockneter Blüten gedenkt er der toten Insekten, vor allem der immer weniger werdenden Bienen.

Geführt werden die täglichen Touren von Tom Schremmer, einer androgynen Persönlichkeit. Immer wieder weißt er/sie auf den Titel „Fragile Wirklichkeiten“ hin. Kann man Wirklichkeit überhaupt in den Plural setzen? Oder gibt es nur die eine, die wirkliche Wirklichkeit? In den letzten Monaten wurde manches zerbrechlich und unwirklich, was als gesichert galt. Doch Schremmer deutet an der MB auch auf das nahe Hochhaus, das so massiv wirkt, aber Absperrungen braucht, damit Passanten nicht von herabfallenden Glasscheiben getroffen werden. Nicht an allen Fragilitäten ist Corona schuld.

„Natursitz“ mit Kunstrasen

Weiter geht es zum Naschmarkt. Im Freisitz des Restaurants Alex hat Bernhard Bormann einen „Natursitz“ eingefügt. Der Titel ist pure Ironie. Der Stuhl ist mit Kunstrasen überzogen und eben auch ziemlich wacklig. So wird er zum Symbol für die romantische, aber fragwürdige Sehnsucht der Großstädter nach der unberührten Natur.

Es folgt der Engel an der Nikolaikirche und schließlich eine Aktion Alba D’Urbanos in der Parkanlage an der Richard-Wagner-Straße, demonstrativ mit „Keine künstlerische Arbeit“ überschrieben. Dort steht der Gedenkstein für den von Neonazis ermordeten Kamal K. Die Professorin verliest eine Liste von Opfern rechter Gewalt. Es sind auch deutsche Namen darunter – Antifaschisten, Obdachlose etc. Sie kann nur einige Seiten der Liste verlesen, sonst würde der zeitliche Rahmen der Tour gesprengt.

Bis Sonntag kann man sich noch bei den Führungen, auf eigene Faust und auch im Internet eine Meinung sowohl über die Zeiten der Fragilität als auch über Geschmacksmuster bilden.

Info: Fragile Wirklichkeiten. Klasse Intermedia der HGB: bis 30. August; alle Informationen und einige der Werke sind hier zu finden

Von Jens Kassner