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Kultur Regional „So schiebt mich das Leben“ – Else Lasker-Schülers Jahre in Berlin
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19:00 03.02.2019
Die Schriftstellerin Else Lasker-Schüler (1869–1945) in ihrer Berliner Zeit.
Die Schriftstellerin Else Lasker-Schüler (1869–1945) in ihrer Berliner Zeit. Quelle: epd
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Die Lektüretipps im Anhang des Buches verschweigen es nicht: Viel ist schon geschrieben worden über Else Lasker-Schüler, die vor 150 Jahren, am 11. Februar 1869, in einem jüdischen Elternhaus in Elberfeld geboren wurde und am 22. Januar 1945 in Jerusalem starb. Auch der Schriftsteller und Regisseur Jörg Aufenanger hat schon über sie veröffentlicht.

Und es spricht ja sowieso ihr Werk für sie und für sich: die Gedichtbände, Essays, Erzählungen, Briefe, ihre Zeichnungen und die heute selten gespielten Dramen „Die Wupper“, „Arthur Aronymus und seine Väter“ sowie „IchundIch“, das im Juli im Schauspiel Wuppertal auf die Bühne kommt.

Spiel mit den Möglichkeiten

Nun erscheint pünktlich zum runden Geburtstag Aufenangers Buch „Elsa Lasker-Schüler in Berlin“, in dem der Autor sich also auf jene Jahre konzentriert, die die entscheidenden sind – sowohl für das Werk, als auch im Leben mit all den Weggefährten als Abschnittsbegleiter.

Jörg Aufenanger: Else Lasker-Schüler in Berlin. be.bra Verlag;208 Seiten (mit Abb.), 20 Euro Quelle: be.bra verlag

Else Lasker-Schüler ist 25, als sie 1894 an die Spree kommt, wo sie fast 30 Jahre bleiben kann, bevor sie 1933 in die Schweiz emigrieren muss, wo man ihr 1939 ein Rückreisevisum verweigert, so dass sie ihre letzten Jahre in Jerusalem verbringt. Eine äußere wie innere Heimatlosigkeit ist es, die der Autor als Faden durch die Jahre legt. Verknüpft mit dem nie abgeschlossenen Erwachsenwerden der Künstlerin, die 1923 meinte: „Es ist unverschämt, kein Kind mehr zu sein.“ Nicht jeder kann mit ihrer Exaltiertheit umgehen. Nicht einmal Klaus Mann, als sie einem Brief an ihn 1933 eine bunte Murmel beilegt, „entzückende Glasschieber (im gläsernen Sinne)“, und dazu anmerkt: „So schiebt mich das Leben“.

Da ist sie 64. Also tatsächlich. Denn schon 1903, schwer verliebt in den neun Jahre jüngeren Schriftsteller Georg Lewin, hatte sie sich sieben Jahre jünger gemacht, war dabei geblieben, und feierte so ihren 50., als sie eigentlich längst 57 war. Auch für Lewin gab es Veränderungen: Zur Hochzeit taufte sie ihn um in Herwarth Walden. Das Leben ist ihr ein Spiel mit Formen und Möglichkeiten – und die Zeiten sind danach. Zunächst.

Auszug und Ankunft und Auszug

Aufenanger stellt sie chronologisch zueinander: die Männergeschichten und die Liebestexte. Ihren ersten Mann, den Arzt und leidenschaftlichen Schachspieler Jonathan Berthold Lasker, verlässt sie nach wenigen Jahren (gibt den 1899 während der Ehe geborenen Sohn Paul später ins Internat).

Der Auszug bei Lasker ist die Ankunft in der „Neuen Gemeinschaft“, doch auch der mag sie nicht lange treu bleiben, sie ist „nicht gemacht für das kollektive Durcheinander einer philosophisch-literarischen Anarchokommune“, wie Aufenanger schreibt. Oder mit ihren Worten: „Eden war zu klein für mich und nicht das wahre Paradies.“

„Heimat auf Verdacht“

Berlin ist zu klein und zu groß zugleich. Mit Herwarth Walden zieht sie von Wohnung zu Wohnung, immer um den Kurfürstendamm herum. Häuslichkeit ist nie ihre Heimat. Nach der Trennung zieht sie von Zimmer zu Zimmer, von Pension zu Pension und schließlich ins Hotel Koschel, weil dessen Besitzer ebenfalls aus Elberfeld stammt (heute ein Stadtteil von Wuppertal) und ein Freund ihres Bruders ist. Auch der Schriftsteller Walter Hasenclever und der Maler Oskar Kokoschka nehmen dort Logis, die Dichterin bleibt ganze 15 Jahre.

Eigentliche Heimat werden die Kaffeehäuser, Ersatzheimat oder, wie Seelenfreund John Höxter sagt: „Heimat auf Verdacht“. Sie halte in der rechten Hand eine Sonnenblume, in der linken aber eine Peitsche, hat sie selbst ihr Doppel-Ich beschrieben. „Sie ist mitunter eine ihrer eigenen Gestalten“, würdigt Arnold Zweig zum 50. Geburtstag, „dann dichtet sie sich selbst“.

Helle Seiten, dunkle Seiten

Freundschaften gelingen dauerhafter als die Lieben, etwa die mit Karl Kraus oder jene mit Gottfried Benn, für den sie die größte Lyrikerin ist, die Deutschland je hatte. „Ihre Themen waren jüdisch, ihre Fantasie orientalisch, aber ihre Sprache war deutsch, ein üppiges, prunkvolles, zartes Deutsch“, sagt er über die Frau, die sich „Tino von Bagdad“ nennt und „Prinz Jussuf von Theben“.

Die „Blume meines Verlags“ bleibt sie für ihren Verleger Paul Cassirer. So expressionistisch ihre Lyrik ist, als so beeindruckend werden die Inszenierungen ihrer Rezitation beschrieben. Performance würde man wohl heute sagen.

Das ist die schillernde Seite. Auf der dunklen stehen finanziell Schwierigkeiten, nachlassender Erfolg. „Ich bin so allein im Innern und überfahre mich immer selbst“, schreibt sie. Existenziell bedrohlich sind schließlich die Gefahren des sich verschärfenden Antisemitismus.

Große Auszeichnung

Am 21. November 1932 erhält Else Lasker-Schüler noch den wichtigen Kleist-Preis, neun Tage später hat sie eine letzte Lesung in Berlin. Dann schließen sich die Türen der Wahlheimat hinter ihr. „Wo ist unser buntes Theben?“, schreibt sie und nennt sich „der geflohene Prinz“. Sie wird nie zurückkehren.

Else Lasker-Schüler war in ihrem Werk wie in ihrem Auftreten modern, frech, ihrer Zeit voran. Sie hat gelebt, dass die Suche nach einem Platz gleichzeitig Weltflucht sein kann. Inzwischen erinnert eine Gedenktafel in der Berliner Katharinenstraße 5 daran, dass sie und Herwarth Walden dort lebten, seit 1988 geht vom Nollendorfplatz die Else-Lasker-Schüler-Straße ab. Auch am Hotel Sachsenhof (dem alten Hotel Koschel) in der Motzstraße findet sich ein Hinweis.

Als letzte Heimat bleibt ihr Wort, das bunte Theben der Erinnerung.

Von Janina Fleischer